Roman "Selbstmord": Der Eigentümer des Todes

Von Nora Gantenbrink

Im dem Roman "Selbstmord" versucht der Erzähler, die Selbsttötung seines Freundes zu verstehen und den Verstorbenen zu ergründen. Doch der Roman lässt sich nicht von der Realität trennen: Autor Edouard Levé brachte sich kurz nach der Fertigstellung um.

Ein Mann will sterben und schreibt:

Erfreuen erfreut mich
Befremden befremdet mich
Langweilen langweilt mich
Das Alter erreicht mich
Die Jugend verlässt mich
Die Erinnerung bewohnt mich
Das Glück überholt mich
Die Traurigkeit verfolgt mich
Der Tod erwartet mich

Die Zeilen entstammen dem Roman "Selbstmord" des französischen Fotografen und Schriftstellers Edouard Levé, der jetzt auf Deutsch erscheint. Hinter dem schlichten Titel verbirgt sich eine intime Auseinandersetzung mit einem der großen Tabus der Menschheit: der Selbsttötung.

Gleich zu Beginn nimmt sich der Freund des Erzählers an einem Samstag im August durch einen Schuss in den Mund das Leben. Gerade 25 Jahre ist er alt. Er lässt den Erzähler ratlos zurück. Auf der Suche nach Antworten, die er nicht finden wird, versucht er, den Verstorbenen zu ergründen. Mit Sätzen wie "Du weißt jetzt mehr über den Tod als ich" oder "Du bist der Eigentümer des Todes" richtet er sich direkt an ihn. In Rückblicken, Gedanken und Fragmenten versucht er, Licht ins Dunkel zu bringen und ermüdet nicht darin, seinen Freund immer weiter zu beschreiben. Diesen melancholisch-feingeistigen Mann, der helle amerikanische Zigaretten rauchte, der Literatur liebte und behauptete, abends kleiner zu sein als morgens. Der Sätze sagte wie: "Ich mag Hunde, aber Dinosaurier liebe ich."

"Wusstest du überhaupt, warum du sterben wolltest?", fragt der Erzähler zum Ende. Und trotz der vielen Fragen urteilt der Ich-Erzähler nicht über das Handeln seines verstorbenen Freundes. Er lässt die Entscheidung des Freundes bewusst unangetastet. Manchmal klingt es gar nach Bewunderung, wenn es heißt: "Dein Leben war eine Vermutung. Diejenigen, die alt sterben, sind ein Brocken Vergangenheit. Man denkt an sie und sieht, was sie waren. Man denkt an dich und sieht, was du hättest sein können."

Die einsame Zwiesprache mit dem verlorenen Menschen erhält eine noch größere Intensität, wenn man die Geschichte des Schriftstellers Edouard Levé kennt: Er schickte das Manuskript von "Selbstmord" 2007 an seinen Verleger. Der war begeistert, rief Levé an und verabredete sich mit ihm, um über den Text zu reden. Doch zu dem Treffen kam es nicht. Der damals 42-jährige Levé hatte sich in seiner Pariser Wohnung erhängt.

Mit diesem Wissen lässt sich der Roman zwangsweise nicht mehr nur als Fiktion lesen, das Gegenüber in "Selbstmord" ist nicht mehr nur ein Freund des Erzählers. Das erzählerische "Du" wird zugleich ein "Ich". "Du bist der Eigentümer des Todes". Ich bin der Eigentümer des Todes.

Man sagt, Pilze sind schwer verdauliche Lebensmittel. Bis zu 48 Stunden kann es dauern, bis der Magen sie verdaut. Es gibt Bücher, die sind wie Pilze. So ein Buch ist "Selbstmord".

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1.
Cotti 11.07.2012
Zitat von sysopIm dem Roman "Selbstmord" versucht der Erzähler, die Selbsttötung seines Freundes zu verstehen und den Verstorbenen zu ergründen. Doch der Roman lässt sich nicht von der Realität trennen: Autor Edouard Levé brachte sich kurz nach seiner Fertigstellung um...
Offenbar hat er seinen Freund am Ende doch verstanden.
2. Nekrophile Gesellschaft
drspieler 11.07.2012
Zitat von sysopIm dem Roman "Selbstmord" versucht der Erzähler, die Selbsttötung seines Freundes zu verstehen und den Verstorbenen zu ergründen. Doch der Roman lässt sich nicht von der Realität trennen: Autor Edouard Levé brachte sich kurz nach seiner Fertigstellung um. Rezension: "Selbstmord" von Edouard Levé - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,843527,00.html)
Die Nekrophilie nimmt immer mehr Raum in unserer Gesellschaft ein. Die Liebe zum Tod, die Liebe zur Gewalt, die Liebe zum Auto, die Liebe zur stumpfen Mechanik, die Liebe zu Exkrementen. Alles Tote wird hochgejubelt und kultiviert. Disziplin, Ordnung, Technik werden vergöttert und Spontanität, Struktur und Natur werden bedrängt. Was soll die Scheisse? Wir müssen endlich aufwachen und erkennen worauf es wirklich angekommt!
3. Ihr Aufschrei
Emil Peisker 11.07.2012
Zitat von drspielerDie Nekrophilie nimmt immer mehr Raum in unserer Gesellschaft ein. Die Liebe zum Tod, die Liebe zur Gewalt, die Liebe zum Auto, die Liebe zur stumpfen Mechanik, die Liebe zu Exkrementen. Alles Tote wird hochgejubelt und kultiviert. Disziplin, Ordnung, Technik werden vergöttert und Spontanität, Struktur und Natur werden bedrängt. Was soll die Scheisse? Wir müssen endlich aufwachen und erkennen worauf es wirklich angekommt!
Ihr Aufschrei ist verständlich. Ihr Anliegen ist ein individuelles. Sie können es für sich selbst realisieren, aber nicht als Konzept für Alle durchsetzen.
4. Ein sehr guter Roman der den Zeitgeist berührt
doytom 11.07.2012
Zitat von sysopIm dem Roman "Selbstmord" versucht der Erzähler, die Selbsttötung seines Freundes zu verstehen und den Verstorbenen zu ergründen. Doch der Roman lässt sich nicht von der Realität trennen: Autor Edouard Levé brachte sich kurz nach seiner Fertigstellung um. Rezension: "Selbstmord" von Edouard Levé - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,843527,00.html)
Ein sehr guter Roman der den Zeitgeist berührt. Ich habe auch schon einige Selbstmordversuche hinter mir und das schlimme ist bei einem `Fehlversuch`die ganze Horde der selbsternannten Lebensretter und Gutmenschen in Psychiatrischen Einrichtungen die einem den `Sonnenschein` und das `positive Denken` einhämmern wollen anstatt dass Sie anfangen verstehen zu wollen weshalb man sich zu diesem Schritt entschliesst. Ein positiver Schritt ist die Organisation Dignitas die ein anonymes Forum im Internet anbietet wo sich `Erfahrene` und `Betroffene` über ihre Erfahrungen austauschen können: DIGNITAS-Forum • Foren-Übersicht (http://www.dignitas.ch/for/index.php?sid=f4af9ce2e9d830364f4b10c87c667924)
5.
AdamCasher 11.07.2012
Zitat von drspielerDie Nekrophilie nimmt immer mehr Raum in unserer Gesellschaft ein. Die Liebe zum Tod, die Liebe zur Gewalt, die Liebe zum Auto, die Liebe zur stumpfen Mechanik, die Liebe zu Exkrementen. Alles Tote wird hochgejubelt und kultiviert. Disziplin, Ordnung, Technik werden vergöttert und Spontanität, Struktur und Natur werden bedrängt. Was soll die Scheisse? Wir müssen endlich aufwachen und erkennen worauf es wirklich angekommt!
Ordnung wird also vergöttert..und Struktur bedrängt? Ein Buch, welches sich mit Selbstmord beschäftigt, hat etwas mit Nekrophilie zu tun? Die Liebe zur Gewalt hat etwas mit Nekrophilie zu tun? Die zum Auto? Die zu Exkrementen? Muss da jemand vielleicht nochmal nachschlagen, worum es sich bei Nekrophilie handelt? Hier wird alles in einen Topf geworfen, einmal umgerührt und losgepöbelt. Mit dem Thema zu tun hat das allerdings so circa...überhaupt nichts. Das Buch hingegen klingt wirklich interessant, da es sich auch einfach mit einem der letzten wirklichen Tabus unserer Gesellschaft beschäftigt.
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