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Extremisten-Biografie "Limonow": Pussy Riots düsterer Vorgänger

Von Oskar Piegsa

Nationalbolschewist, Sex-Abenteurer, Selbstdarsteller: Der Schriftsteller Eduard Limonow ist eine der schillerndsten Figuren der russischen Politik und fordert mit provokanten Aktionen den Staat heraus. Eine Biografie widmet sich nun seinem Leben - voller Abscheu und Faszination.

Eduard Limonow (Mitte) 2012 in Moskau: Eher Delinquent als Dissident Zur Großansicht
DPA

Eduard Limonow (Mitte) 2012 in Moskau: Eher Delinquent als Dissident

Zehn Jahre vor Pussy Riot forderte den russischen Staat schon einmal jemand heraus, den man im weitesten Sinne als Punk bezeichnen kann und der zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde - aber ohne darüber zum Helden der Liberalen, Popstars und Journalisten zu werden. Es war der Schriftsteller, Soldat und Provokateur Eduard Sawenko, der Halbstarke und Kleinkriminelle um sich geschart hatte. In gewagten Protestaktionen forderten er und seine Anhänger, die Nationalbolschewisten, nicht die Meinungsfreiheit oder die Trennung von Staat und Kirche, sondern die Rückkehr von Stalinismus und Gulag. Womöglich meinten sie das ernst.

Besser bekannt ist Sawenko unter dem Namen Limonow, der frei übersetzt so etwas wie das saure Bömbchen heißt und ihn bestens beschreibt: Limonow ist ein Mann wie Dynamit. Einer der - wohldosiert - auf viele seiner Leser belebend wirkt. Und dennoch einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt.

Mit "Limonow", dem Buch des französischen Schriftstellers Emmanuel Carrère, wird dem Russen nun ein Denkmal gesetzt: eine Biografie, die sich wie ein Roman liest. Eine Erzählung mit ambivalentem Verhältnis zur Wirklichkeit und zu ihrem Protagonisten. Eine waghalsige Fahrt durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Belesen, verwegen, schamlos

Am Anfang stehen viele Fragen für Emmanuel Carrère. Wer ist dieser weltreisende Limonow, der unter Künstlern und Intellektuellen in Moskau, New York und Paris verkehrte und später an der Seite eines serbischen Kriegsverbrechers Sarajevo belagerte? Der sich in Amerika von schwarzen Obdachlosen vögeln ließ und in Russland gern minderjährige Frauen verführt? Der belesen, verwegen und offenbar gänzlich schamlos ist - und über all das in seinen autobiografischen Romanen schreibt?

Ein Narziss und ein Egomane, urteilt Carrère nach rund 400 Seiten. Eher ein Delinquent als ein Dissident und lieber ein Proll als ein Intellektueller, sagt Limonow selbst. Aber auch ein guter und anständiger Typ, finden seine potentielle Schwiegermutter, die Zellennachbarn im Gefängnis und die einzige Slawistikprofessorin, die Limonows Bücher für große Literatur hält.

"Limonow" ist keine übliche Biografie. Zumindest scheint Emmanuel Carrère nicht von demselben Ehrgeiz getrieben zu sein, der andere Biografen auszeichnet. Er liest keine privaten Tagebücher oder Briefe, entdeckt keine neuen Fakten und führt keine Interviews mit Wegbegleitern und Widersachern seines Protagonisten. Stattdessen ist sein Buch über weite Strecken eine Reportage im Sitzen: Seine wichtigsten Quellen sind die autobiografischen Romane und Erzählungen Eduard Limonows, denen er viel Vertrauen schenkt. Er widerspricht Limonow, wo er es politisch für nötig hält, doch er verurteilt ihn nicht. "Ich halte Eduard weder für niederträchtig noch für einen Lügner - aber wer weiß", schreibt Carrère. Und später: "Ich glaube auch, jeder Mensch, der es wagt, ein Urteil über das Karma eines anderen zu fällen und selbst über das eigene, kann gewiss sein, dass er sich irrt."

Brutalität und Welthaltigkeit

Dass Carrère "ich" sagt ist ebenfalls untypisch für einen Biografen. Doch Carrère erzählt in "Limonow" auch seine eigene Geschichte. Er beschreibt sich als einen Bürgersohn, dessen Großeltern vor der russischen Revolution nach Frankreich geflohen waren, und dessen Familie sich seitdem an der russischen Geschichte abarbeitet. Seine Mutter ist eine in Frankreich bekannte Historikerin, die als eine der ersten den Zusammenbruch der Sowjetunion vorhersagte. Sein Cousin ist ein Auslandskorrespondent in Moskau, der nach einer Recherche im Wirtschaftsmilieu ermordet wird.

Carrère sucht seinen eigenen Weg und fühlt sich dabei immer wieder zu kompromisslosen Denkern hingezogen. In Pariser Literatenzirkeln lernt er in den achtziger Jahren Limonow kennen. Später entdeckt er ihn in Dokumentationen über die Balkankriege wieder und in Presseberichten über die russischen Nationalbolschewisten, jener verbotenen pro-stalinistischen Partei, die Limonow 2001 die Anklage wegen Terrorverdacht einbrachte. Als ein Zeitschriftenredakteur Carrère anbietet, eine Reportage zu einem Thema seiner Wahl zu schreiben, sagt er: Limonow. Aus der Reportage wird ein ganzes Buch.

"Limonow" deshalb ein Doppelporträt zu nennen wäre übertrieben. Doch der Autor ist unübersehbar, auch dort, wo er sich nicht so offensiv selbst thematisiert. Das von stalinistischen Prachtbauten geprägte Stadtbild Moskaus vergleicht Carrère mit Gotham City aus "Batman". Die Stimmung in Rumänien, das er nach dem Mauerfall als Journalist bereist, erinnert ihn an "Die Invasion der Körperfresser". Und zu den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien fallen ihm zweimal Vergleiche aus "Tim und Struppi" ein. Bewusst oder unbewusst schreibt Emmanuel Carrère so die Geschichte seiner behüteten Jugend fort, deren größten Abenteuer in Comics und Science-Fiction-Filmen zu finden waren. Kein Wunder, dass er fasziniert ist von der Brutalität und Welthaltigkeit des Lebens von Eduard Limonow.

Emmanuel Carrère ist ein eleganter Erzähler, der stimmungsvoll vom verrottenden New York der siebziger Jahre schreibt, von der Unheimlichkeit Rumäniens in den frühen neunziger Jahren und von der Brutalität Russlands vor und nach dem Einbruch des Kapitalismus. Doch die Faszination für seinen Protagonisten muss man wohl teilen, um "Limonow" zu Ende lesen zu können. Das gelingt, wenn man sich die moralische Gelassenheit des Autoren zu eigen macht. Vermischt mit dem dennoch unvermeidlichen Abscheu erreicht diese Faszination eine fast erhabene Qualität.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Ulf Erdmann Zieglers "Nichts Weißes", Richard Fords "Kanada", Michael Frayns "Willkommen auf Skios", Juli Zehs "Nullzeit"und Michael Maars "Die Betrogenen".

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