US-Satiriker Saunders: Der grausame Witzkeks

Von Oskar Piegsa

Satiriker Saunders: Meister des Grotesken Fotos
REUTERS

Kennen Sie George Saunders? Nein? Er gilt als bester Satiriker der USA, die Medien feiern ihn, die Intellektuellen bewundern ihn. Mit grotesken, bösen und lustigen Geschichten steigt er tief hinab in die Abgründe von Konsumkultur und Wettbewerbswahn.

Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Satiriker. Und unsere Zeiten sind ja nicht gerade rosig. Der große literarische Satiriker der Gegenwart ist aber noch zu entdecken. Sein Name, dieser Verdacht mehrt sich zumindest in den USA, könnte George Saunders sein.

Auf den ersten Blick ist Saunders ein unauffälliger Typ: 54 Jahre alt, kurzsichtig, vollbärtig, von Beruf Schreibdozent an einer Provinzuniversität. Geboren wurde er in einer texanischen Stadt, die hierzulande niemand kennen würde, wenn sie der Schlagerstar Tony Christie nicht in einem unerträglichen Ohrwurm besungen hätte: Amarillo.

Nach seiner Jugend in einer Suburb von Chicago ging Saunders zur Uni, heiratete und arbeitete als Ingenieur in der Ölwirtschaft, ehe er mit Ende 20 seinen Job schmiss und sich ganz dem Schreiben zuwandte. Bis heute hat der Mann, der vorne Geheimratsecken trägt und hinten eine Nackenmatte, keinen einzigen Roman veröffentlicht. Wenn man seinen Aussagen glauben darf, dann hat er auch keine besonders große Ambition, das überhaupt noch mal zu versuchen.

Und doch hat Saunders alle Referenzen eines bemerkenswerten Schriftstellers: Er publiziert seine Reportagen, Essays und Kurzgeschichten in den angesehenen Zeitschriften Amerikas. Er ist regelmäßig im Gespräch für die wichtigsten Literaturpreise und war Träger des MacArthur-Stipendiums, das als "genius grant" gilt, also sinngemäß als Beihilfe für geniale Denker. Zu Saunders erklärten Fans gehören viele Stars der englischsprachigen Literaturwelt. Zadie Smith, zum Beispiel, Thomas Pynchon, Jonathan Franzen und bis zu seinem Tod auch David Foster Wallace.

Ins Groteske übersteigert

Ein guter Einstieg in das Werk von George Saunders ist kürzlich erschienen: "Tenth of December", eine Kurzgeschichtensammlung, die unter Saunders-Kennern als seine bislang zugänglichste gilt. Die Redaktion des "New York Times Magazine" ließ sich gar zu dem Urteil hinreißen, es handele sich um "das beste Buch, das Sie in diesem Jahr lesen werden".

Die marktschreierische Logik dieser Zeile passt zu den Geschichten von George Saunders, denn Konsum, Statussucht und Wettbewerb sind seine Themen, auch wenn er selbst zu größerer sprachlicher Subtilität neigt. In den realistischsten seiner Geschichten erzählt er von der Grausamkeit einer Charity-Veranstaltung, auf der sich die kleinstädtische Society für einen guten Zweck gegenseitig durch den Kakao zieht. Oder von einem Veteranen, der nach traumatisierenden Erfahrungen an der Front in sein Heimatland zurückkommt, in dem jeder den Krieg vergessen hat, seine Familie auseinanderfällt und das Haus der Mutter gepfändet wird.

George Saunders' Helden sind ganz und gar unauffällige Typen, Leute aus der Suburb oder aus dem Nirgendwo, mit unmodischen Frisuren und ohne besondere Merkmale, vom Leben im Amerika des 21. Jahrhunderts chronisch überfordert und verwirrt.

Oft sind diese Helden zugleich Ich-Erzähler, obwohl sie sprachlich und intellektuell kaum dafür geeignet sind. Diese Methode findet sich in auch in Bestsellern wie Chuck Palahniuks "Bonsai", Jonathan Safran Foers zweitem Roman "Extrem laut und unglaublich nah" und Gary Shteyngarts "Super Sad True Love Story". Nachdem das 20. Jahrhundert das Jahrhundert des gesprochenen Wortes und des Bildes war, hat das Internet zu einem Aufschwung des Schreibens und Publizierens geführt. Niemals wurde so viel geschrieben wie heute. Und niemals wurde so viel Schlechtes geschrieben. So leiden auch Saunders' Erzähler unter Artikulationsschwächen oder quälen ihre Leser mit einer extrem affektierten Sprache.

Am besten ist Saunders dann, wenn er den Realismus fahren lässt und seine Beobachtungen ins Groteske übersteigert. Die Geschichte "The Semplica Girl Diaries" verbindet etwa die Abstiegsangst der Mittelschicht mit der Leidensfähigkeit eines globalen Dienstleistungsprekariats und erzählt von Familien, die sich kleine Mädchen aus den ärmsten Ländern der Welt als lebendige Deko-Elemente in ihre Vorgärten hängen.

Geschichten wie diese sind haarsträubend, abstoßend, rührend und ziemlich lustig - schwer zu sagen, in welcher Reihenfolge. Bei George Saunders liest man von Dystopien und Alltagskrisen, Tragödien und Peinlichkeiten, bis man das eine kaum noch vom anderen unterscheiden kann: Ist das noch die düstere Zukunft? Oder schon unsere Gegenwart? Überdreht? Oder wahr? Ist das Handeln der Figuren fremd? Oder erkennt man sich darin selbst wieder? Ist das lustig? Tragisch? Beides? Diese Fähigkeit zur Verunsicherung ihrer Leser zeichnet wohl alle großen Satiriker aus.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Torsten Schulz' "Nilowsky", Mo Yans "Frösche", Ernst-Wilhelm Händlers "Der Überlebende", Anja Röhls "Die Frau meines Vaters", Marie Darrieussecqs "Prinzessinnen", David Wagners "Leben", Dave Eggers' "Ein Hologramm für den König", Linus Reichlins "Das Leuchten in der Ferne", Alexandre Lacroix' "Kleiner Versuch über das Küssen" und Georges Simenon, Ausgewählte Romane in 50 Bänden.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Hier fällt...
memento_mori 21.03.2013
...es zunehmend schwerer. "Am besten ist Saunders dann, wenn er den Realismus fahren lässt und seine Beobachtungen ins Groteske übersteigert." Wenn ich nach Berlin oder Brüssel schaue, frage ich mich ganz ernsthaft, ob eine Übersteigerung überhaupt noch möglich wäre... Kann man "grotesk" steigern?
2. Georgs Zeit
Starke Sache 21.03.2013
Dank Plattformen wie Youtube wird auch das 21. Jahrhundert die Zeit von gesprochenen Worten und Bildern sein. Und auf diesen Felder können wir mit unserem Georg Schramm mit einem sehr guten Satiriker auftrumpfen. Die letzten Fragen des Artikels muss man sich bei diesem jedoch nicht stellen, denn der Wahrheitsgehalt seiner Auftritte spricht für sich selbst.
3. Auch, wenn ich der letzte auf diesem Planeten sein sollte...
yast2000 21.03.2013
Das ist moderner Realismus, aber das sind keine Satiren. Die definiert sich aus dem Spannungsfeld kleinbürgerlichen Verhaltens gegenüber großen gesellschaftlichen Ideen, der Übertreibung des Kleinen überlagert von einer großen Idee. Die NYT hat das offenbar auch nicht begriffen: Satire speist sich aus neurotischer Überlegenheitsphantasie des Autors, der damit den Leser parodiert! Aber das erklär' ich Euch später, wenn Ihr mal groß seid...
4. Sprachliche Subtilität wohl nicht beim Autor
Jotaro 21.03.2013
"...Nach seiner Jugend in einer Suburb von Chicago ging Saunders zur Uni..." "Vorstadt" wahr wohl ein wenig zu wenig aussagekräftig
5. optional
Sphynx25 21.03.2013
"einer Suburb" Was genau soll "die Suburb" sein? Hätte man nicht einfach Vorort sagen können?
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