Juli Zehs "Nullzeit": Irre unter Wasser

Von Nora Gantenbrink

"Sex stellt eine starke Form der Einmischung dar": Die Schriftstellerin Juli Zeh schreibt einprägsame Sätze. Mit Büchern wie "Adler und Engel" oder "Spieltrieb" hatte sie viel Erfolg. Nun ist ihr neuer Roman "Nullzeit"erschienen, ein Psycho- und Unterwasserbuch. Raushalten ist hier nicht möglich.

"Nullzeit"-Verfasserin Juli Zeh: "Krieg ist kein geographisches Phänomen" Zur Großansicht
David Finck

"Nullzeit"-Verfasserin Juli Zeh: "Krieg ist kein geographisches Phänomen"

Sven, einst Jurist, heute Tauchlehrer, lebt zurückgezogen auf Lanzarote, seit er aus Deutschland auswanderte. Antje, die kleine Antje, kam einfach mit. Er kennt sie schon ewig. Erst führte sie seinen Hund aus, später vögelte er sie versehentlich an einem verregneten Nachmittag. Und weil Antje einfach immer bei ihm blieb, ist sie jetzt auch auf Lanzarote, obwohl Sven sie nicht besonders gut behandelt und der Sex mit ihr immer gleich ist: Er oben, Sie auf dem Rücken. (Anders bekommt Antje keinen Orgasmus).

Es hätte so weitergehen können, das Leben von Antje und Sven. Er, der Kauz, der nur in Ruhe tauchen will und sie, seine schöne Weggefährtin. Sven verdient seinen Lebensunterhalt mit der Tauchschule. Antje kümmert sich um die Vermietung der Apartments, kocht und putzt, macht die Abrechnungen und manchmal Sex. Er oben, sie auf dem Rücken.

Aber das Unglück kommt in Form von Jola und Theo angereist. Jola ist Schauspielerin ohne Durchbruch, Theo ist Schriftsteller mit Schreibblockade und beide haben nicht nur deshalb einen an der Marmel. Sie nennt ihn nur den alten Mann, er sagt Sätze wie: "Sie ist ohnehin zu alt für die Rolle. Wenn sie auch noch fett wird, hat sie überhaupt keine Chance." Manchmal steckt Theo Jola einfach sein Genital in den Mund und würgt sie ein wenig. Kurzum: Jola und Theo sind seltsam und sadomasochistisch.

Er googelt, er begafft sie

Zwei Wochen, 14.000 Euro. Das ist der Preis, den die beiden an Sven für die exklusive Rundumbetreuung zahlen. Sven soll ihnen das Tauchen beibringen und auch als Unterhalter und Begleiter dienen. Dass der Preis, den Sven dafür nehmen müsste, tagtäglich mit den Irren unter Wasser zu gehen, viel höher sein müsste, versteht er zu spät.

Und Sven, der sich immer für einen Mann mit geringer Liebeskraft gehalten hat und eigentlich auch versucht, sich immer aus allem rauszuhalten, fühlt sich plötzlich angezogen von Jola. Er googelt sie, er begafft sie, er packt ihr unter Wasser an die Brüste und vielleicht vögelt er sie auch, aber das weiß man nicht, denn irgendwann gibt es zwei Versionen der Wahrheit. Svens Schilderungen der Ereignisse widersprechen den Tagebucheinträgen von Jola, die Juli Zeh immer wieder zwischen die Hauptgeschichte einstreut. Wer die Wahrheit sagt und wer lügt, wird immer undurchsichtiger. Fest steht nur, dass Svens Lebensmotto "Immer raushalten!" mittlerweile untragbar geworden ist, das wird deutlich als Theo, Jola und Sven auf ihre letzte gemeinsame Expediton gehen.

Man könnte jetzt noch darüber schreiben, wie viel der erfolgreichen Schriftstellerin Juli Zeh selbst in dieser Geschichte steckt, auch könnte man Zehs ganzen vorbildhaften Lebenslauf noch mal aufsagen, aber eigentlich ist das völlig egal. Zeh, man kann gegen sie sagen was man will, ist ein gutes Buch gelungen. Ein Buch wie ein Wellengang. Ihre Sprache treibt die Geschichte voran. Sie schreibt Sätze wie "Krieg ist kein geographisches Phänomen", "Sex stellt eine starke Form der Einmischung dar", "Man sollte doch meinen, Erklärungen seien unser wohlverdienter Lohn dafür, dass wir das Vergehen der Zeit ertragen."

Es sind gute Sätze, eine schöne Sprache, ein feiner Ton. Man lernt, dass Raushalten nicht immer möglich ist und Liebe, die Hölle. Allein das Ende des Buches ist womöglich etwas schwach, aber wenn man das denkt, dann ist man schon beim letzten Absatz und da ist es, wenn man ehrlich ist, auch schon fast egal.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Schwafeltrine
Mo2 08.08.2012
Zitat von sysop"Sex stellt eine starke Form der Einmischung dar": Die Schriftstellerin Julie Zeh schreibt einprägsame Sätze. Mit Büchern wie "Adler und Engel" oder "Spieltrieb" hatte sie viel Erfolg. Nun ist neuer Roman "Nullzeit"erschienen. Ein Psycho- und Unterwasserbuch. Raushalten ist hier nicht möglich. Rezension von Julie Zehs neuem Roman "Nullzeit" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,848036,00.html)
Einprägsame Sätze in der Tat, allerdings im negativen Sinn. Hier eine treffende Einschätzung von Stefan Gärtner: Heftarchiv - Ausgabe Mai 2006 | TITANIC (http://www.titanic-magazin.de/heftarchiv00-06.html?&f=0506/zeh1)
2. Théo und Sven - seltsame Koinzidenz
svenkoch 08.08.2012
Zitat: "Theo ist Schriftsteller mit Schreibblockade" und Sven ist eine der Hauptfiguren mit geringer Liebeskraft. Das ist ja ein seltsamer Zufall, zumal es dabei um Sex geht, den Théo (http://www.amazon.de/Nur-in-meinem-Kopf-ebook/dp/B006IGSPHU/ref=sr_1_6?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1344434011&sr=1-6) nur zu gut beschreibt. Auch dort heißt die Hauptfigur Sven... Wie viel von Juli Zeh steckt in Théo? Oder ist das nur Inspiration? Vermischen sich da Realität und Fiktion? "Sex stellt eine starke Form der Einmischung dar" - Wie wahr. Nullzeit kauf ich mir...
3. Einspruch @ Mo2
face_65 08.08.2012
So entstehen Vorurteile. Mit den früheren Büchern von Juli Zeh habe ich mich auch schwer getan, aber bei Nullzeit kann von Schwafeltrine keine Rede sein. Das ist ein absolut unterhaltendes und spannend zu lesender Krimi ohne Leiche. Ich schlage vor, sich selbst ein Bild zu machen, statt einfach ein sechs Jahre altes Urteil zu wiederholen.
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