Von Werner Theurich
Es geht um die Zeit, ganz einfach. Aber: Eigentlich existiert sie gar nicht. Es ist sein merkwürdiger Nachbar Knupp, der Suters Protagonisten Martin Taler diese Erkenntnis serviert. Knupp hat viel vor. Er will nichts weniger als die Vergangenheit ändern. Das könne man, denn real seien lediglich die Veränderungen des Daseins. Mache man diese Veränderungen rückgängig, könne man jeden beliebigen Punkt des Lebens neu erleben, neu gestalten. Taler ist schnell motiviert. Er sucht verzweifelt den Mörder seiner Frau Laura.
Die wurde brutal und scheinbar grundlos vor der Haustür erschossen. Talers Leben hat fortan nur noch den einen Sinn, diesen heimtückischen Mord aufzuklären. Da kommen ihm die Spintisierereien seines Nachbarn gerade recht. Auch der will seine Frau, die an Malaria gestorben ist, wieder zurück.
Martin Suters Leser kennen die Liebe des Autors zu Geschichten um Grenzerfahrungen, überraschenden Wendungen und eigenwilligen Charakteren. In "Die Zeit, die Zeit" fährt er einiges auf, um im Kleinen das ganz große Rad der Geschichte zu drehen. Physik und Weltenlauf müssen herhalten, Verschwörungstheorien aufgestellt und kriminelle Machenschaften enthüllt werden. Das alles findet im Prinzip statt durch ein Kammerspiel-Duell zweier Sonderlinge, die das Schicksal aus der Bahn warf.
Schlussspurt zur Pointe
Erstaunlich, wie es Suter letztlich gelingt, die Spannung dieser vertrackten Geschichte zu halten, obgleich manches Handlungsscharnier arg locker sitzt und die Logik oft schwankt. Der Akt der Vergangenheitsbewältigung wird bei ihm zur Tour de Force, bei der alle Mittel und Stereotypen der Suspense-Erzeugung angewandt werden, bis man als Leser fast die Geduld verliert mit dem ganzen Wirrwarr um den einen, den entscheidenden Tag.
Manches gelingt Suter in knappen Worten. So die Beschreibung der Randfiguren, die den Plot stützen und vorantreiben, oder die überzeugende Zeichnung vom trostlosen Leben der beiden Helden, das durch den Verlust ihrer Liebe direkt in Zwangshandlungen und Besessenheit führt.
Es ist kein sehr munteres Buch, das Martin Suter geschrieben hat. Doch in der Schlussphase zieht das Tempo an, um ähnlich wie John Irving in "Witwe für ein Jahr" auf die Schluss-Pointe zuzusteuern. Die besteht aus nicht viel mehr als einem einzigen Satz. Erfahrenere Suter-Leser könnten den sogar erahnt haben.
Ob man deshalb der Versuchung nachgeben sollte, gleich auf die letzte Seite zu blättern? Nicht jeder hat sie schließlich, die Zeit, die Zeit.
Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Michael Frayns "Willkommen auf Skios", Juli Zehs "Nullzeit"und Michael Maars "Die Betrogenen".
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Literatur | RSS |
| alles zum Thema Martin Suter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH