Gesellschaftsroman von Ulf Erdmann Ziegler: Flucht in die New-Wave-Boutique

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Im Kleinen vom Großen erzählen - mit unverbrauchten Bildern schildert Ulf Erdmann Ziegler in "Nichts Weißes" die westdeutsche Nachkriegszeit am Beispiel der Grafik- und Werbebranche und beweist nebenbei: Ein großer deutscher Roman braucht nicht viele Buchstaben.

Romanthema achtziger Jahre: "Nous sommes New Wave" Zur Großansicht
Getty Images / jupiterimages.com

Romanthema achtziger Jahre: "Nous sommes New Wave"

Deutsche Familien- und Gesellschaftsromane? Gleichen einem Kalender des Historischen Museums: Gerade war die Stunde null angebrochen, schon strecken auf dem nächsten Bild mit den ersten Blümchen auch die dem Weltkrieg entronnenen Deutschen ihren Bauch in die blasse Sonne - und dann kommen sie, die unsteten Tage der Frühjahrsstürme, mit ihnen Mauerbau und 1968. Dass dabei historische Abläufe und Naturereignisse fast gleichgesetzt werden, nehmen die erfolgreichsten Vertreter des Genres - Julia Franck, Uwe Tellkamp oder Eugen Ruge - in Kauf, als wären auch ihre Figuren Krokusse, die sich der Großwetterlage zu fügen haben.

Es mag naheliegend, vielleicht sogar richtig sein, im Roman die großen Daten der deutschen Geschichte zu behandeln. Im Alltag aber verläuft das Leben des Einzelnen nicht automatisch deckungsgleich mit der Chronik des Staates, dessen entscheidende Wendepunkte von den Weltläufen bestimmt werden, oder, eine Nummer kleiner, von den Regierenden der Bundesrepublik und der DDR.

Mit "Nichts Weißes" hat nun auch Ulf Erdmann Ziegler, einen Familien- und Gesellschaftsroman geschrieben. Bereits der Titel gibt einen Hinweis auf die Methode des Autors. Das Weiße, das sind in diesem Roman, in dem es unter anderem um den Übergang von der Bleisatz- zur Computertechnik geht, die Räume zwischen den Buchstaben - auch sie bestimmen unsere Wahrnehmung. Auf Romanfiguren übertragen bedeutet das: Nicht nur diejenigen Ereignisse prägen ein Leben, die in einem schriftlichen Lebenslauf oder einem Geschichtsbuch auftauchen, sondern ebenso das, was dazwischen passiert.

Vom Kleinen aufs Große

Im Mittelpunkt von "Nichts Weißes" steht die Typografin Marleen Schuller. Mitte der Sechziger in Düsseldorf geboren, vollends erwachsen geworden im Paris der Jahre 1987/88. Ziegler hat ihre Geschichte in fünf größere Teile gegliedert. Da ist die Vorgeschichte ihrer Eltern, die, wie es Marleens Vater ausdrückt, in den Fünfzigern und Sechzigern "durch Aufstieg und gute Laune" zu kompensieren versuchen, was sie während ihrer Kindheit in der NS-Zeit erlebt haben.

Es gehört zu den Stärken des Buchs, dass Ziegler mit geschichtsbeladenen Wörtern wie "Nationalsozialisten" oder "Kriegsende" äußerst sparsam umgeht. Mögen Ereignisse wie Weltkrieg oder Mauerfall einen Menschen prägen, die deutschsprachige Literatur hat sich allzu oft damit begnügt, einfach an ihnen entlang zu erzählen.

Zieglers Blick gilt dem zumindest vordergründig weniger Bedeutsamem: dem Leben der Eltern als Erfolgspaar in der jungen Düsseldorfer Werbebranche der sechziger Jahre. In den Siebzigern der Umzug der Familie ins Neubaugebiet. Des Vaters Flucht zu Bhagwan. Die ersten beruflichen Schritte Marleens in den Achtzigern, als sie für eine New-Wave-Boutique das Signet entwirft.

So entfaltet sich in "Nicht Weißes" in wenigen, entscheidenden Szenen ein gesellschaftspolitisches Panorama der westdeutschen Nachkriegszeit, das, anders im typisch bundesrepublikanischen Gesellschaftsroman, nicht vom Großen auf das Kleine schließt, sondern vom Kleinen auf das Große. Ein Panorama, das nicht von den schlagzeilenträchtigen Ereignissen geprägt ist, sondern von genauen Beobachtungen.

Immer wieder findet Ziegler subtile Beispiele dafür, dass das Aufwachsen eines Kindes einem Prozess gleicht, der vergleichbar ist mit dem Beschreiben eines Blatts Papier. Marleen ist dabei nicht nur - mehr als es ihr lieb ist - von ihren Eltern geprägt, sondern, wie könnte es anders sein in diesem Schriftsetzerroman, auch ein Kind der wirkungsmächtigsten Schrift der westlichen Welt, der Heiligen Schrift - und der von der Kirche formulierten Wertvorstellungen. Den Abnabelungsprozess hiervon vollzieht sie stellvertretend für ihre ganze Generation.

"Nichts Weißes" ist nicht nur Gesellschafts-, sondern auch Entwicklungsroman. Doch all dies wäre nichts als eine gut durchdachte Konstruktion, würde Zieglers Buch nicht auch über erhebliche sinnliche Qualitäten verfügen. Die konzentrierte Ruhe, mit der sich die Geschichte entfaltet, Szenen von unauffälliger, dabei aber umso länger nachwirkender Eindringlichkeit; seinem Romanpersonal begegnet der Erzähler dabei mit ebenso ernsthaftem wie verständigem Blick, immer wieder blitzt zudem Freude an mittlerweile historisch gewordenen Details wie der Federung eines Citroën auf. Und schließlich zeigt "Nichts Weißes" auf nur 250 Seiten: dass es für den großen deutschen Roman nicht vieler Buchstaben bedarf.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Richard Fords "Kanada", Martin Suters "Die Zeit, die Zeit", Michael Frayns "Willkommen auf Skios", Juli Zehs "Nullzeit" und Michael Maars "Die Betrogenen".

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