Rezensionen Astro Teller: "Hello, Alice" -Alice im Cyberland

Edgar ist ein intelligentes männliches Wesen. Er hat keinen Körper und schreibt E-Mails an Alice, die ihn entwickelt hat. - Ein E-Mail-Krimi über Fortschritt, Moral und Liebe vom Enkel des Schöpfers der Wasserstoffbombe.

Von Nataly Bleuel




Was macht man, wenn man als Eric Teller geboren wurde und vorbelastet ist? Vater des Vaters: Mit-Schöpfer der Atom- und der Wasserstoffbombe; Vater der Mutter: Nobelpreisträger Wirtschaft; Vater: Quantentheoretiker, Mutter: Hypnotherapeutin.

Man schaut zurück in die Zukunft, läßt sich Astro nennen, studiert Künstliche Intelligenz und schreibt einen Roman mit dem Titel "Exegesis". Der 27jährige US-Amerikaner deutet den Text seiner Welt, sie spielt sich ab im Netz, ähnelt einem futuristischen Krimi und handelt von Gott und Teufel, Pygmalion und Frankenstein, von Moral und Fortschritt, (Selbst-)Bewußtsein, Gefühlen und Liebe.

Damit wäre eigentlich alles gesagt, die Geschichte liegt im Trend der Netz-Romane - Krimis, die handeln von der prometheischen Gefahr eines dem Menschen entglittenen, sich verselbständigenden künstlichen Wesens. Aber Teller, Astro hat die Ordnung der Dinge ein wenig variiert. Das ist nett. Und er hat sie in eine neue Form gepackt. Der Text ist keine Erzählung: Früher hätte man es Briefroman genannt, heute E-Mail-Roman.

Alice Lu, ambitionierte Studentin der Computerwissenschaften, entwickelt eine Internet-Software mit dem Namen EDGAR. Am 16. Januar 2000 bekommt sie eine E-Mail mit einer lapidaren Ansprache: "Hello, Alice." Sie stammt von edgar@cyprus.stanford.edu. (Der König und Bildhauer Pygmalion, der sich eine Frau nach seinem Gefallen schuf, der die Liebesgöttin Leben einhauchte, lebte auf - Zypern.)

Die Programmiererin Alice hat ein intelligentes männliches Wesen ohne Körper, ohne Sinne geschaffen. Edgar ist wißbegierig und kommunikationsgeil, und er will unheimlich viel lernen. Anfangs hapert es ein bißchen mit seiner sprachlichen Ausdruckskraft; wenn er ein Wort nicht kapiert, repetiert er es aus dem Wörterbuch - die menschlichen Dinge und Werte machen für ihn nicht immer Sinn. Aber Alice gibt ihm Futter: Er verschlingt die CD-Roms des 20bändigen Universallexikons und des gesammelten Shakespeares.

Wenn er sich nach seinen Surf-Touren im Netz wieder per e-mail meldet, stellt er Fragen über Fragen: Was ist das Gewissen? Wie spürt man Gefühle? Was ist Liebe? Wie weiß man, was sich für den kategorischen Imperativ empfiehlt? Edgar wird immer menschlicher: eigensinnig, freiheitsliebend, bockig, schnell gelangweilt - recht sympathisch. Und Alice immer verzweifelter: Sie will ihr virtuelles Geschöpf patentiert und in Serie - und keinen Frankenstein, der die schöne neue Welt vernichtet. Das will die National Security Agency auch nicht. Sie ist Alice und Edgar auf der Spur.

Im deutschen heißt das Buch "Hello, Alice". Alice im Wunderland der Künstlichen Intelligenz - ein kurzweiliger, streckenweise ganz amüsanter Elektronik-Brief-Roman für Erstsemester Informatik oder Abiturienten in Philosophie. Teller, Astro findet die Moral von seiner Geschicht', Wissenschaftler seien wie Eltern, die nicht in alle Ewigkeit für ihre Kinder haften können, aber sie mit der bestmöglichen Software ausstatten sollten.

Astro Teller: "Hello, Allice" E-Mail Roman. Fretz & Wasmuth, 240 Seiten, 29,90 Mark,



© SPIEGEL ONLINE 1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.