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Rezensionen: Benjamin von Stuckrad-Barre: "Soloalbum" - Der Meinungsmissionar

Ein Buch voller Jugendlichkeit. Flotte Sprache, ein wenig Selbstmitleid und die Meinung, der Leser müsse missioniert werden.



Er hat sie betrogen, sie vernachlässigt, sich anderweitig umgeschaut und jetzt ist Schluß, für immer und endgültig. Nach vier Jahren hat er Katharinas Liebe verloren. Aber was soll's, ihr Hintern war eh zu dick, ihre Titten zu klein, und sie hatte eine fette Kuchenfreßmama. Wenn es nur so einfach wäre. Aber natürlich war ihr Hintern o.k., ihre Möpse auch - und es ging schließlich um sie, nicht um ihre Eltern. Sie ist besser als alle anderen Frauen, besser auch als Clara, die Frau, die er sich ausdenkt, die perfekte, mit der Frisur von Justine Frischmann, die außerordentlich kluge, die nebenbei Theater macht und Ausstellungen organisiert, die im Sommer in New York wohnt und mit Christoph Schlingensief zusammen war, die bei den Amateurweltmeisterschaften im Wasserball im dänischen Tor rumschwamm. Er schwärmt ihr von Clara am Telefon vor, aber es funktioniert nicht. Katharina bleibt weg. Hilfe. Er macht ihr zwanzig Geschenke zum Geburtstag. Wieder alles umsonst.

Der Ich-Erzähler, der Verlassene, ist Anfang zwanzig und die Hauptfigur im ersten Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre. "Soloalbum" ist eine Geschichte vom Leben nach der Liebe, von der Einsamkeit, den Selbstzweifeln, der Enttäuschung und der Flucht. Von der Zeit danach, wenn man die Abende zu Hause verbringt, alleine mit 60 Fernsehkanälen. Wenn man hin und wieder auf Partys geht und Frauen trifft, die Reggae mögen, Taxifahren "dekadent" finden und in ihrer WG "Folien-Fleischwurst" essen. Also Frauen, mit denen man besser nichts anfängt. Statt dessen onaniert man in den Dünen und liest die Zweitausendeins- Gesamtausgabe von Jörg Fauser.

Die Liebe, lernt man, (und wußte man), ist ungerecht - aber immer ein dankbares Thema, um darüber zu schreiben, weil sie so viel Stoff bietet. Aber selten etwas Neues: Leid ist dabei, Selbstmitleid, Dummheit und Abgrenzung. Der Ich-Erzähler kreiert seine Welt, in der Sat-1-Mann Ulrich Meyer eine "Drecksau" ist, Kuschelrock-Sampler das letzte, und "Faith No More" von "langhaarigen Volldeppen" gehört werden. Hippies und Ökos sind gleichermaßen verpönt (letztere riechen nach "Gemüserülps", erstere sagen immer "voll faschomäßig"). Zum Lebensgefühl gehört es, Geldsorgen zu haben, Kontoauszüge zu ignorieren, Jörg Fauser-Gedichte zu verschicken und bei Midnight Oil und Sisters of Mercy pissen zu gehen. Blur sind gut, auch die Pet Shop Boys und Oasis sind die Größten.

Das ist die Welt, in der man sich mit Marken und Geschmack abgrenzt. Eine Welt, die Christian Kracht in "Faserland" beschrieben hat: Alte sind Nazis, Studenten Nichtsnutze, und wer die falsche Musik hört, ist eine Konversation nicht wert. Benjamin von Stuckrad-Barres Roman wirkt stellenweise wie ein Plagiat. Eine Geschichte, die durch Oberflächlichkeit und Nicht-Reflexion auffällt, eine statische Geschichte, ohne Handlung, in der Stuckrad-Barre seine Ideologie des Geschmacks ausbreitet. Eine Literatur, die sich vollständig auf Meinung verläßt und die davon ausgeht, die Leser müßten missioniert werden. Und die lesen dann, wie sich im Jahr 1998 der Autor immer noch über Hippies echauffieren kann. Einmal kommen dem Ich-Erzähler Zweifel an seiner Einstellung: "Man wundert sich, woher man das so genau weiß, woher die Sicherheit, daß nicht doch man selbst alles falsch und die alles richtig machen." Und dann, im nächsten Satz, wartet die Antwort: "Aber es nützt nichts. Sie taugen nichts und reden nur dumm daher und haben falsches Zeug an und setzen völlig falsche Schwerpunkte, plagen sich mit komplett uninteressantem Scheiß herum."

Benjamin von Stuckrad-Barre, Jahrgang 1975, ist Journalist, und wie im Klappentext des Buches zu lesen, am selben Tag geboren "wie die Ausnahmekünstler Mozart und Tricky". Spaß oder Größenwahn oder Provokation? So eine Hervorhebung weckt Erwartungen, die "Soloalbum" nicht erfüllt, weil das Buch zu sehr darauf vertraut, daß Jugendlichkeit ausreicht: eine flotte Sprache, derbe Worte und ein wenig Liebeskummer.

Nicol Ljubic

Benjamin von Stuckrad-Barre: "Soloalbum". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 245 Seiten; 16,90 Mark.

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