Rezensionen Christian Kracht und Eckhart Nickel: "Ferien für immer. Die angenehmsten Orte der Welt"

Die 66 Minireportagen drehen sich immer um dasselbe: um die Abneigung gegen kiffende Hippie-Traveller, Intellektuelle und schlecht gemixte Bloody Mary.




Bei manchen Rezensionen beneide ich meine Großmutter. Sie pflegte Bücher nach nur einem Kriterium zu beurteilen, nämlich nach dem Einband. War der hübsch, stellte sie das Buch in ihre Vitrine. Meines Wissens hat sie Zeit ihres Lebens kein einziges gelesen.

Vielleicht wäre das ja das Beste: Christian Krachts und Eckhard Nickels "Ferien für immer", eine Sammlung der "angenehmsten Orte der Welt", auch einfach in die Vitrine zu stellen. Oder: Sie gleich im Regal der Buchhandlung stehen zu lassen. Denn die Lektüre ist wie ein Besuch in einem Fastfood-Restaurant - unbefriedigend.

Die 66 Lieblingsorte der Autoren - zumeist Hotels, Bars und Cafés - liegen verstreut zwischen Argentinien und Indonesien. Während der Leser auf den Seiten mitreist, stellt sich ihm allerdings nur eine wirklich interessante Frage: Warum haben die Autoren das Buch überhaupt herausgegeben? Denn die ein- bis dreiseitigen Minireportagen drehen sich immer um dasselbe: um die Abneigung gegen kiffende Hippie-Traveller, Intellektuelle und schlecht gemixte Bloody Mary. Dazu ein paar Sprengsel Weltliteratur, ein bißchen Kunst, eine kleine Prise Geschichte, paar Takte Musik und viel hohles Gerede über Markennamen. Das ganze kräftig umgerührt - und schon sind 208 Seiten voll, aber nicht inhaltlich gefüllt.

Einige Episoden sind durchaus komisch. Wie die aus dem American Colony Hotel in Jerusalem: In der Bar feiert ein sturzbetrunkener Benjamin "Bibi" Netanjahu seine Wahl zum Ministerpräsidenten, indem er seine Lieblingsszene aus dem Babra Streisand-Film "Yentl" nachspielt. Bis auf ein Palästinensertuch und einen über seinen Kopf gespannten Wonderbra ist er nackt. Klar, daß diese Geschichte über die israelische Micky Maus nicht wahr ist. Ebenso klar, daß ein paar dieser nett erfundenen Bilder kein Buch tragen.

Christian Krachts erster Roman "Faserland" hatte mit einer Startauflage von mehr als 10 000 Exemplaren ein ungewöhnlich erfolgreiches Debüt. Die Kritik war gespalten: Eine treffende Bilanz der neunziger Jahre meinten die einen, "plattes Zeitgeist-Gequatsche" die anderen. Dort sind Kracht und Nickel mit ihrem Pseudo-Reiseführer nun endgültig angekommen.

Ein Wort zur Form: Kracht hat eine Vorliebe für Thomas Mann. Daran ist nichts auszusetzen. Hätte Kracht doch nur nicht die Länge der Mann'schen Sätze ohne deren Gehalt übernommen. Übrigens: Krachts Vater, der ehemalige Axel-Springer-Generalbevollmächtigte, soll seinem Sohn zu "klaren Sätzen" geraten haben. Angesichts der manchmal über eine halbe Seite mäandernden Monstren verständlich.

Gewidmet ist das Buch den "großen Reisenden, die es besser gemacht haben". Unter ihnen Peter Fleming und Evelyn Waugh. "Es war eben eine andere Zeit", schreiben die Autoren. Eine unzutreffende Entschuldigung. Es waren eben bessere Schreiber. Doch vielleicht gibt es noch irgendwo Großmütter, die hübsche Einbände mögen.

Bernhard Lill

Christian Kracht und Eckhart Nickel: "Ferien für immer. Die angenehmsten Orte der Welt". Kiepenheuer & Witsch, Köln; 208 Seiten; 34 Mark.



© SPIEGEL ONLINE 1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.