Rezensionen "Die Einsamkeit der Primzahlen"

Seelenforscher und Physiker: Der 27-jährige Paolo Giordano hat mit seinem Debüt einen Überraschungserfolg erzielt.

Gregor Hohenberg


KulturSPIEGEL: Herr Giordano, Ihr Roman "Die Einsamkeit der Primzahlen" begleitet Mattia und Alice, zwei Seelenverwandte aus Kindheitstagen, die letztlich doch einsam bleiben - so einsam wie Primzahlen. Sie promovieren in Turin über Teilchenphysik - daher diese schöne Metapher?

Paolo Giordano: An der Uni habe ich mich tatsächlich lange mit Primzahlenpaaren beschäftigt, zwischen denen ja immer eine andere Zahl steht. Ich stelle sie mir als Menschen vor, die ihr Leben nicht mit anderen teilen können. Wie Alice und Mattia im Buch: Sie sind einander ähnlich, kommen sich aber nicht wirklich nah. Ihre Freundschaft basiert auf der geteilten Erfahrung von Schmerz.

KulturSPIEGEL: Alice ist von den Erwartungen des Vaters überfordert, Mattia wird mit der Verantwortung für seine behinderte Zwillingsschwester belastet. Sind die Eltern schuld, wenn Kinder unglücklich werden?

Giordano: Wir wachsen heute alle mit überehrgeizigen Eltern auf. Für Alice und Mattia ist der Druck zu groß. Sie leiden und ziehen sich zurück. Wenn man als Kind Einsamkeit erlebt, wird sie zu einem Geist, der einen durchs Leben begleitet.

KulturSPIEGEL: Alice wird magersüchtig; Mattia flüchtet sich in die Mathematik - ein typischer Naturwissenschaftler?

Giordano: Ja, denn das Klischee vom verschrobenen Mathe-Genie trifft oft zu. Mir hat die abstrakte Welt der Zahlen als Möglichkeit gedient, Abstand zur Wirklichkeit zu gewinnen.

KulturSPIEGEL: Ein weltabgewandter Zahlenmensch können Sie nicht wirklich sein - als Schriftsteller erweisen Sie sich als einfühlsamer Beobachter.

Giordano: Ich habe großes Empathievermögen. Aber an zu viel Mitgefühl kann man auch zerbrechen. Neben der Wissenschaft ist jetzt das Schreiben für mich zu einem Filter für die Wirklichkeit geworden.

KulturSPIEGEL: Sie haben Ihren Roman sehr klar, fast symmetrisch, strukturiert, um zwei komplexen Lebensgeschichten über mehr als 20 Jahre zu folgen - hilft mathematisches Talent auch beim Schreiben?

Giordano: Zum Schluss habe ich tatsächlich Tabellen mit Jahreszahlen angelegt. Für mich sind die Gründe dafür, zu schreiben und zu forschen, sehr ähnlich. Ich möchte Ordnung ins Chaos bringen. Das Lösen einer mathematischen Gleichung befriedigt mein Bedürfnis nach Ordnung und Sauberkeit. Beim Schreiben ist das ähnlich.

KulturSPIEGEL: "Die Einsamkeit der Primzahlen" wurde vergangenes Jahr in Italien zum meistverkauften Roman. Weil er die resignative Grundstimmung Ihrer Generation trifft?

Giordano: Die Traurigkeit der "Generation Praktikum" ist schlimmer als das Unglück meiner Protagonisten. Viele meiner Freunde haben heute wirklich keine Chancen, egal wie glücklich ihre Kindheit war. Die Traurigkeit dieser jungen Leute ist nicht poetisch, sondern sehr real.


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Das Interview führte Julia Bonstein.



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