Rezensionen Elfriede Jelinek: "Sportstück" - Sportstück für Griechischen Chor

Österreichs gehaßte Vorzeige-Autorin Elfriede Jelinek hat ein neues Stück geschrieben. Nach Staats- und Ausländerfeinden nimmt sie sich diesmal Sportsfreunde vor. Klar, daß sie Jörg Haider mithineingepackt hat.

Von Günther Fischer




In den letzten Jahren ist sie produktiv gewesen wie nie zuvor: "Wolken.Heim" (1990), eine Sprachmontage aus Texten von Hölderlin, Hegel, Fichte, Heidegger und Briefen der RAF, thematisierte die idealistische Philosophie, die Grenzgänger, die Apologeten der Extreme; "Raststätte oder Sie machens alle" (1994) hatte das Ende aller Moral zum Thema; "Stecken, Stab und Stangl" (1995) wiederum war Jelineks Gedenkschrift auf die vier Roma, die 1995 durch einen Sprengstoffanschlag im österreichischen Burgenland ermordet wurden. Stets waren die Werke begleitet von der gebotenen und vielleicht auch erwarteten öffentlichen Erregung. Jelineks wichtigstes Anliegen bei all diesen Stücken war, das Theater wieder zu einem Ort der politischen Auseinandersetzungen zu machen.

Ihr neues Werk nun will den Sport als Massenphänomen persiflieren, mehr noch, verteufeln. Sport ist für Jelinek Kriegsersatz, nationale Hetze und Ertüchtigungsritual. Auch das "Sportstück" kann man auf aktuelle Bezüge durchforsten: Man stolpert über Hinweise auf Jörg Haider (der tatsächlich gerne Marathon läuft oder sich gern am Bergseil hängend fotografieren läßt), Andi Münzer (ein Bodybuilder, dem Anabolika die Gedärme auffraßen), Gerhard Berger, Richard Kröll (ein Skisportler, der mit einem Bus kollidierte und starb) und Elfriede Jelinek selbst, die erstmals seit ihrer verklausulierten Autobiographie "Die Klavierspielerin" in einem Werk präsent ist, als "Elfi Elektra", "Frau" oder "Autorin".

Doch diesmal blieb der kalkulierte Eklat aus, Jelineks metaphorisierendes Wortgeklingel verfängt nicht mehr. Das war nicht zu erwarten. Auch nicht, daß die Autorin selbst der Tragfähigkeit ihres Themas nicht allzusehr zu vertrauen scheint. Das lassen die vielen resignativen Töne, die sie in ihren verschiedenen Anverwandlungen im Stück von sich gibt, vermuten: "Ich, eine Frau, die der Vergangenheit angehört." Oder: "Ich bin so lächerlich, lächerlich, lächerlich." Auch die gefürchteten, diesmal aber erstaunlich sparsamen Regieanweisungen offenbaren eine ernüchterte, fast enttäuscht klingende Jelinek: "Die Autorin gibt nicht viele Anweisungen", schreibt sie gleich im ersten Satz, "das hat sie inzwischen gelernt. Machen Sie, was Sie wollen. Das einzige, was unbedingt sein muß, ist: griechische Chöre."

Es ist ein monströses Stück, ein assoziativ-wortreicher Rundumschlag - aber das waren ihre anderen Stücke auch schon. Jelineks radikale, immer äußerst subjektive Position ist lange bekannt. Hinzu kommt, daß die Idee, Sport zum Thema der Kunst zu machen oder ihn auf die Schippe zu nehmen, auch nicht neu ist - Ror Wolf ist nur einer der Autoren, die das meisterhaft vorgeführt haben. Ein Erfolg wie Reinhard Fendrichs 80er-Jahre-Hit "Es lebe der Sport" wird ihr Stück nicht werden. Fendrichs Popsong war Satire, ätzend, böse, knapp. Dagegen mäandern Jelineks Manierismen ohne rechten Höhepunkt. Vielleicht macht Einar Schleef was aus diesem Wortwerk. Das "Sportstück" wird am 23.1.1998 im Wiener Burgtheater uraufgeführt.

Elfriede Jelinek: "Ein Sportstück". Rowohlt Verlag, 192 Seiten, 29,80 Mark.



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