Rezensionen Herta Müller: "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet"

Die Straßenbahnfahrt einer Näherin zum Verhör macht Herta Müller zum neuen Roman über ihr Geburts- und Jugendtrauma Rumänien. Kunstvoll, lakonisch und sinnlich ist die Erzählung, weist aber Anzeichen künstlerischer Stagnation auf.




Manch eine Straßenbahnfahrt kann sehr lang werden. Unerträglich lang. Über eine Stunde dauert es, vom äußersten Randbezirk der Stadt ins Zentrum zu gelangen. Aber diese Zeit gibt der Ich-Erzählerin in Herta Müllers neuem Roman die Möglichkeit, sich auf ihren Termin vorzubereiten. Denn sie ist bestellt. Zum Verhör beim Geheimdienst, wie immer genau um zehn Uhr. Unpünktlichkeit ist bei der Securitate nicht gern gesehen.

Seit zehn Jahren lebt Herta Müller in Deutschland. Geboren wurde sie 1953 im rumänischen Nitzkydorf. Ihre ersten Romane nach der Übersiedlung behandelten noch weitgehend autobiographisch die Probleme, mit denen Aussiedler aus dem Osten in der westlichen Konsumgesellschaft konfrontiert werden. Ihre letzten Bücher aber vermittelten eindringliche Innenansichten vom Leben unter Diktatur und Mangelwirtschaft und von Rumänien unter Ceausescu. So auch ihr neuer Roman "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet". In kunstvoll verfügten Erinnerungsfragmenten und Episodenreihen zeigt Müller, wie das Handeln, Denken und Empfinden der jungen Erzählerin vollkommen von den bevorstehenden Verhören beherrscht wird. Ihr Leben ist von der Angst besiegt.

Der Roman stellt eine kafkaeske Atmosphäre von diffuser Bedrohung und allgegenwärtiger Unsicherheit her, verliert aber die Realität des stalinistischen Rumäniens nie aus dem Blick. Müller gelingt es dadurch, drei Geschichten gleichzeitig zu erzählen: die Biographie der Protagonistin, die gesellschaftlichen Zustände unter der Diktatur Ceausescu und schließlich eine scharfsichtige und allgemeingültige Darstellung dessen, was es heißt, in einem autoritären Staatssystem zu leben. In früheren Büchern waren die Opfer des Staates Intellektuelle, die die Mechanismen der Diktatur durchschauen konnten. Jetzt zeigt Müller die weitreichenden Eingriffe des Staatssystems an einer Fabrikangestellten, die in den Abgrund stürzt, weil sie ihr privates Glück verwirklichen wollte.

Die Straßenbahnfahrt der Ich-Erzählerin wird zu einer Reise - in die eigene Vergangenheit, ins eigene Ich. In kurzen Szenen erzählt sie, was sie während der Fahrt beobachtet, driftet aber immer wieder in Erinnerungen und innere Monologe ab, in denen sie ihr bisheriges Leben Revue passieren läßt. Es sind zumeist deprimierende Episoden aus einem trostlosen Alltag, die Herta Müller lyrisch, surreal und lakonisch schildert: Die armselige Beziehung der Erzählerin zu dem Alkoholiker Paul, der aus gestohlenen Materialien Antennen zum Empfang von ausländischen Fernsehsendern bastelt. Die einzige Vertraute und beste Freundin, die bei einem Fluchtversuch von Grenzhütern erschossen wird. Schließlich die Versuche, Kontakt zu heiratswilligen Männern im Ausland aufzunehmen, die zur Denunziation bei der Securitate führen und zu den Verhören.

Der Roman endet, als die Erzählerin die Straßenbahn verläßt. Zu diesem Verhörtermin hat sie erstmals Zahnbürste und Handtuch mitgenommen. Sie ahnt, daß ein böses Ende bevorsteht und täuscht sich nicht. Nur ist es nicht das Ende, welches sie - und der Leser - erwarten.

Uwe Schütte

Herta Müller: "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet". Rowohlt Verlag, Reinbek, 240 Seiten; 39,80 Mark.



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