Rezensionen "Sieben Jahre"

"Hat jemand, der uns liebt, Macht über uns?" ist die Frage, der Peter Stamm, in seinem Roman "Sieben Jahre" nachgeht.

Gregor Hohenberg


KulturSPIEGEL: Herr Stamm, die Handlung Ihres Romans "Sieben Jahre" lässt sich leicht zusammenfassen: Ein Mann ist einer hässlichen Frau verfallen und heiratet eine schöne Frau. Was hat Sie an dieser Konstellation interessiert?

Peter Stamm: Ich las irgendwann eine Kritik über das Theaterstück "Yvonne, die Burgunderprinzessin", in dem die hässliche Yvonne am Ende getötet wird, weil sich der Prinz von ihrer Liebe befreien will. Mich faszinierte die Frage: Hat jemand, der uns liebt, Macht über uns? Diese Frage war der Ausgangspunkt für den Roman.

KulturSPIEGEL: Und verschärft sich die Frage noch, wenn der oder die Liebende abstoßend ist?

Stamm: Wäre die Iwona in meinem Buch in irgendeiner Art attraktiv gewesen, hätte das Verhältnis, das Alex mit ihr anfängt, alle möglichen Gründe haben können. Dann hätte man nicht unbedingt von der Macht der Liebe reden können. Deshalb durfte sich Iwona durch nichts anderes auszeichnen als durch ihre Liebe.

KulturSPIEGEL: Wie stellt man eine hässliche Frau dar?

Stamm: Die Hässlichkeit, das war ein Problem. Ich mag nicht die Figur des Mauerblümchens, das irgendwann aufblüht. Das ist so eine Klischeefigur, man kennt das aus amerikanischen Filmen, in denen die schöne Schauspielerin erst eine Brille trägt, und dann in der Mitte des Films setzt sie die Brille ab und ist wunderschön. Schönheit hat mit Äußerlichkeiten wenig zu tun. Physische Hässlichkeit gibt es eigentlich kaum. Also musste ich das Unattraktive durch das Innere darstellen. Das ist Iwonas Laschheit oder das Ungepflegte, dieses Sich-nicht-um-sich-selbst-Kümmern. Ich wollte nicht, dass sich der Leser leicht einfühlen kann in sie. Sie sollte etwas Wildes, Fremdes, teilweise Tierisches haben, weil sich dadurch die Frage verschärft, was Alexander zu ihr zieht.

KulturSPIEGEL: In was verlieben wir uns?

Stamm: Das weiß ich auch nicht. Erstaunlich ist, dass es meist sehr schnell geht und man sich erst mal sehr sicher ist. Man hat in den unterschiedlichen Phasen seines Lebens natürlich auch unterschiedliche Bedürfnisse. Manchmal muss es eine fürsorgliche Frau sein, weil man Fürsorge braucht. Manchmal eine Sexbombe, weil man eine Trophäe braucht.

KulturSPIEGEL: Sind Sie beleidigt, wenn man Ihnen sagt: Die Handlung ist an Ihren Romanen das Uninteressanteste?

Stamm: Überhaupt nicht, denn das ist absolut so. In der Malerei ist seit Ewigkeiten allen klar, dass es weniger auf das Was als auf das Wie ankommt - ich meine, die malen seit Jahrhunderten im Wesentlichen die gleichen Dinge: Früchte, Landschaften, nackte Menschen. Ich orientiere mich als Schriftsteller stark an der Malerei, indem ich versuche, Bücher oder Texte als eine Art Form zu sehen, etwas, das nicht nur eine erzählte Geschichte ist. Ein Roman sollte ein Bild entwerfen, das die Atmosphäre eines Lebens in sich trägt.

KulturSPIEGEL: Ein Mann und zwei Frauen - ist die Dreieckskonstellation in "Sieben Jahre" so ein Klassiker wie das Landschaftsbild in der Kunstgeschichte?

Stamm: Ja. Und es sind doch nur die Stümper am Montmartre, die auf den Gedanken kommen, in das Landschaftsbild noch einen Clown zu malen. Aber in der Literatur gibt es seltsamerweise noch immer so einen Drang zur Originalität.

KulturSPIEGEL: Die Ästhetik der Dinge spielt in Ihrem Roman eine große Rolle. Warum strengen sich die schöne Sonja und Alexander so an, damit ihre Welt gut aussieht?

Stamm: Ich will das nicht denunzieren. Ich habe auch gern schöne Dinge. Mir fällt nur auf, dass sie immer wichtiger werden: welchen Computer man hat, welches Telefon; und wahrscheinlich spielen diese Fragen deshalb auch so eine große Rolle für Sonja und Alexander. Mich haben Dinge als Thema immer fasziniert. Ich habe schon ganz lange ein Projekt im Kopf, das nenne ich: All the things we are. Wie Dinge uns definieren. Ich habe nur noch nicht heraus- bekommen, wie ich das hinkriegen kann.

KulturSPIEGEL: Dass es in Ihren Büchern um solche Fragen geht, ist einer der Gründe, weshalb Sie als Spezialist für die Generation der 40-Jährigen gelten. Wie kommt das Zeitgemäße in Ihre Romane?

Stamm: Ich habe einmal den amerikanischen Zeichner Edward Gorey interviewt, und der sagte: Man kann gar nicht unzeitgemäß sein. Das glaube ich auch. Ich bin nun mal Mitte vierzig, ich lebe in dieser Zeit, da ist es nicht verwunderlich, dass ich meine Generation darstelle, obwohl ich nie die Absicht dazu hatte. Aber es ist alles, was ich kenne. Die Figuren in meinen Texten machen heute wahrscheinlich die Mehrheit der Bevölkerung aus, Mittelschicht, nicht arm, nicht reich, so wie viele.

KulturSPIEGEL: Figuren, die zu normal zu sein scheinen für einen Roman.

Stamm: Die oberflächlich betrachtet nicht sehr interessant sind. So kann ich mich auf das konzentrieren, was drunterliegt. Und da ist jeder Mensch interessant. Cézanne hat ja auch nicht das Matterhorn gemalt, sondern immer wieder die Montagne Sainte-Victoire, mehr als 70-mal. Manchmal sprechen mich Leute an und sagen: Ich habe eine ganz tolle Geschichte, daraus musst du einen Roman machen. Aber da winke ich immer gleich ab. Die tollen Geschichten nehme ich höchstens für Erzählungen. Und auch da versuche ich, das Tolle auszubremsen. Ich habe gerade eine Erzählung über ein Mädchen geschrieben, das im Wald gelebt hat, jahrelang. Als ich fertig war, habe ich festgestellt, dass das Außergewöhnliche ganz nebensächlich geworden ist.


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Das Interview führte Claudia Voigt.



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