Dawkins-Biografie Der plaudernde Religionskritiker

Richard Dawkins ist der bekannteste Evolutionsbiologe und lauteste Religionskritiker der Gegenwart. Seine Autobiografie erzählt witzig und detailreich, wie er zu beidem wurde.

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Richard Dawkins
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Richard Dawkins


Richard Dawkins gilt als einflussreichster Biologe unserer Zeit. Zur weltbekannten, kontroversen Figur aber wurde er als Religionskritiker: Er gab einem zunehmend selbstbewussten Atheismus eine Stimme und vielen religionslosen, humanistisch orientierten Menschen die Gewissheit, nicht allein, sondern Teil einer Werte- und Überzeugungsgemeinschaft zu sein.

Weil Dawkins Religionskritik oft laut und mitunter aggressiv ausfällt, polarisiert er dabei ganz erheblich. Er hat allerdings auch jede Menge Humor.

Das macht ihn zu einem vorzüglichen, wenn auch manchmal allzu genüsslich mäandernden Erzähler: Seine Autobiografie "Die Poesie der Naturwissenschaften" ist ein voluminöses Buch. Der Mann hat viel zu erzählen.

Geboren wird Clinton Richard Dawkins am 26. März 1941 in Nairobi. Seine Eltern sind tief verwurzelt im britischen Establishment, auch kleinere Prisen niederen Adels würzen das Dawkinsche' Genom: Die Erzählung des familiären Hintergrunds gerät zu einem Bouquet amüsanter und bunter Anekdoten kolonialer Weltläufigkeit. Es ist eine gebildete, höchst kultivierte Gemeinschaft wissenschaftlich Interessierter, in die Richard hineingeboren wird.

Die Welt des britischen Bildungsbürgertums

Seine Eltern sind nicht steinreich, aber deutlich privilegiert: Als im Zweiten Weltkrieg der Vater Clinton John Dawkins eingezogen wird, lässt er seine junge Frau samt Sohn kreuz und quer durch Afrika der Truppe hinterherziehen, obwohl das eigentlich verboten ist.

Die Familie des jungen Offiziers logiert in bescheidenen Hotels oder bei Freunden - und man lässt sie gewähren. Im Offizierscorps scherzt man darüber. Einmal mahnt ein Vorgesetzter neckend zur Eile, weil sonst die wackere Frau Dawkins eher am Ziel sei als die Truppe. Man ist unter Gentlemen.

Natürlich landet Richard im Internat, seine Jugend in Privatschulen zu verbringen ist standestypisch, wenn auch absolut nicht immer witzig. Dawkins studiert - wie einige seiner Verwandten vor ihm - am 1263 gegründeten Balliol College der Universität Oxford, er promoviert 1966 beim späteren Medizin-Nobelpreisträger Niko Tinbergen. Seine weitere akademische Karriere verläuft rasant: 1967 wird er Professor in Berkeley, 1970 Dozent, später Professor in Oxford.

Vor allem dieser erste Teil des Buches ist ein Lesegenuss. Dawkins erzählt im Plauderton des versierten, gebildeten Erzählers. Das ist warm und farbig und witzig und fasziniert vor allem aus zwei Gründen: Es ist die Beschreibung eines völlig anderen europäischen Lebens, das in dieser Selbstverständlichkeit wohl nur in Kreisen der britischen "upper crust" oder der französischen Eliteschulen denkbar ist.

Eine Skizze von Jean Mary Vyvyan, Richard Dawkins Mutter
Ullstein Verlag/ Todd-White Art Photography

Eine Skizze von Jean Mary Vyvyan, Richard Dawkins Mutter

Wichtiger noch ist aber die immer spürbare, sinnliche Lust an der Bildung an sich, die sich als roter Faden durch das Buch zieht. Welterkenntnis ist für Dawkins ein Faszinosum, das den Verlust aller Magie, als die er Religion sieht, mit Leichtigkeit aufwiegt. Wissen ist Poesie, wie der Titel des Buches sagt, es hat seinen eigenen Zauber.

Ein Buch, das zwei werden wollte

Das Buch hat allerdings auch 736 Seiten davon, und das ist schon ein mächtiges Pfund. Dawkins' Witz hilft über einige Längen, aber manches ist dann doch arg ausführlich. Das liegt auch daran, dass die nun bei Ullstein erschienene Ausgabe eigentlich aus zwei Büchern besteht, die im Original getrennt voneinander publiziert wurden.

Der erste Teil, ursprünglich "An Appetite For Wonder: The Making of a Scientist" genannt, bietet die auch emotional tieferen Einblicke - es ist der merklich stärkere Teil des Buches. Ihn prägen Leben, Familie und Ausbildung bis zum Durchbruch 1976, als "Das egoistische Gen" erschien.

Den zweiten Teil, im Original als "Brief Candle in the Dark: My Life in Science" veröffentlicht, prägt die Karriere eines weltberühmten Wissenschaftlers, Promi-Aufmarsch inklusive. Das ist mitunter eitel, erschöpfend ausführlich und trifft irgendwann zwangsläufig auf Dawkins Gegenwart: Spätestens da wird vieles zur Wiederholung - das letzte Drittel dürfte von vielen Lesern ungelesen bleiben. Das ist schade, weil es den so positiven Eindruck vom ersten Teil trübt: Für sich wäre der das bessere Buch gewesen.

Lohnt sich das Lesen also? Erzählerisch auf jeden Fall, inhaltlich über weite Strecken. Auch die elegante Übersetzung von Sebastian Vogel hält Dawkins' Ton. Fans werden das Buch mögen, Dawkins-Entdecker zumindest die erste Hälfte. Schön ist vor allem, dass Dawkins wieder zu einer entspannten Erzählstimme zurückgefunden hat. Den allzu bissigen Grimm, der den "Gotteswahn" unterschwellig durchzog, sucht man hier vergeblich.

Gut so, es führt den Erzähler und Lehrer Dawkins zurück zu seiner ursprünglichen Botschaft, die er vor allem im ersten Teil der Biografie so angenehm beiläufig überbringt: Es ist wunderschön, Wissen zu sammeln und Erkenntnis zu erlangen. Das ist tatsächlich Poesie im Leben.

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