Richard Fords neue Bascombe-Storys Menschen, so beschädigt wie Häuser

Ruinierte Häuser, ruiniertes Leben: In "Let Me Be Frank With You" erweckt Richard Ford seinen Alltagshelden Frank Bascombe, um ihn im von Hurrikan "Sandy" zerstörten New Jersey über letzte Dinge räsonieren zu lassen.

Greta Rybus

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Das Leben ist eine Kette von Abschieden. Alles stirbt, alles fällt in sich zusammen, alles geht. Die Kinder, die Ehefrauen, die Ambitionen, die Karrieren, die Städte, die Häuser.

Die Häuser? Nein, in diesem Punkt möchte man Richard Ford und seiner Aufzählung des Vergänglichen, die er in seiner neuen Geschichtensammlung "Let Me Be Frank With You" präsentiert, widersprechen. Die Häuser bleiben meist, erbärmlich windschief vielleicht, und doch existieren sie meist weiter als Zeugnisse schrecklichster und schönster Ereignisse. Auch wenn man nicht mehr in ihnen lebt.

Und im Grunde weiß das niemand besser als Richard Fords erstaunlicher Alltagsheld Frank Bascombe, den er nun mit dem Erzählband "Let Me Frank With You" zum vierten Mal zum Leben erweckt. Neben John Updikes legendärem Rabbit Angstrom ist dieser Frank Bascombe die hartnäckigste und zähste Figur des modernen amerikanischen Romans, ein Jedermann und Durchwurschtler mit erstaunlich komplexem Innenleben. Erst arbeitete er als Sportreporter ("The Sportswriter", 1986), später sattelte er auf Immobilienmakler ("Independence Day", 1995) um.

Ein brillanter, vom Autor Ford in seiner Wirkungsmacht vielleicht gar nicht vorhergesehener Dreh. Denn wie ließe sich die amerikanische Wirklichkeit besser spiegeln als über das Immobiliengeschäft, wo Freud und Leid des US-Mittelstands auf die Spitze getrieben werden? In "Let Me Be Frank With You", eine Sammlung von vier lose verknüpften Bascombe-Novellen, die jetzt auf Amerikanisch erschienen sind, nimmt Ford die Aufräumarbeiten nach Hurrikan "Sandy" 2012 als Hintergrund für seine Geschichte übers Altern und Siechen, übers Überleben und Lieben.

Bestell schon mal die Abrissbirne

Die Häuser in Bascombes Nachbarschaft in New Jersey sind halb weggespült, ihre Dächer abgedeckt, nicht wenige gelten als irreparabel. Ein bisschen wie die Menschen, die in ihnen wohnen, die in sonderbare soziale Konstellationen gespült wurden, deren Gesichter von den Stürmen des Lebens gezeichnet sind wie die Fassaden der Häuser, oder die an unheilbaren Krankheiten leiden.

Frank Bascombe, inzwischen 68 Jahre alt, hat mal wieder, wie so oft in seinem Leben, Glück gehabt. Den Prostatakrebs hat er überwunden, jetzt kurvt er zwischen den Ruinen seines Lebens und seiner Nachbarschaft hin und her. Und noch einmal erweckt Richard Ford diesen wunderbar geschmeidigen Matter-of-fact-Sound, mit der Bascombe schwerste Krisen im leichtesten Ton beschreibt.

Erstaunlich: Während sein zum Teil aus Kinderperspektive geschriebener letzter Roman "Canada" zuweilen extrem knorrig geschrieben war, besitzen die vier Rentnerstücke einen melancholischen Swing. Mit klasse Sätzen wie diesen: "Die Krankheit an dir zu entdecken, die dich später töten wird, kann ein echtes Spät-im-Leben-Abenteuer sein - wenn auch vielleicht nur deshalb, weil es so spät im Leben weniger und weniger Abenteuer gibt."

Eine extrem widerstandsfähige Form von Hingabe ans und Zärtlichkeit fürs Leben spricht aus diesen Worten; sie durchziehen die gesamten 250 Seiten. Richard Ford, selbst inzwischen 71 Jahre alt, schreibt über Familienverbrechen und Lebenslügen genauso klar und klug wie über Viagra und zweite oder dritte Ehen. In einer Geschichte lässt Bascombe eine ältere schwarze Dame in sein Haus, die ihm nach einigen Geplänkel erzählt, wie hier einst der Vater die Mutter umgebracht hat. In einer anderen Geschichte besucht er seine erste, an Parkinson erkrankte Ehefrau in einem ''high-end old folks' home" (klassischer Bascombe-Sprech), um ihr ein spezielles Yogakissen zu bringen.

In diesem Zusammenhang fällt der schönste Satz zwischen vielen schönen Sätzen: "Liebe ist kein Gegenstand, sondern eine endlose Serie kleiner Handlungen." Vielleicht ist das die Wahrheit, vielleicht auch nur eine Krücke, damit sich der Held besser durch eben diese endlose Serie kleiner und unangenehmer Handlungen schleppen kann. Ein bisschen Bascombe-Selbstbetrug hat noch niemandem geschadet.

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