Richard Fords Roman "Kanada": Mama und Papa, die Bankräuber

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Meine Eltern? Wohnen im Knast. Was geschieht mit einem Jungen, wenn Mutter und Vater mit einem Banküberfall scheitern, wie sie zuvor mit ihrer Ehe gescheitert sind? In "Kanada" nimmt der große Erzähler Richard Ford dieses Szenario als Auftakt für ein monströses Werk über Angst und Verlust.

Der Neue von Richard Ford: Her mit der Kohle, die Kinder warten! Fotos
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Bevor sie mit ihrem Mann zum Raubzug aufbrach, machte die Mutter den Kindern ein paar Salami-Sandwiches. Die knabberten die Zwillinge Dell und Berner dann am Abend, aber so richtig schmeckten sie nicht; statt mit Butter schienen sie mit Verzweiflung bestrichen. Andererseits: Als die Eltern am nächsten Tag von ihrem Banküberfall zurückkamen, schienen sie plötzlich für ein paar Momente so vertraut miteinander zu sein wie nie zuvor. Dann ging's ins Gefängnis.

Verbrechen verbindet. Das weiß man seit Bonnie und Clyde. Doch damit endet die Ähnlichkeit des berühmtesten aller Bankräuberpärchen mit den eher blassen Eheleuten, die im neuen Roman von Richard Ford für einen Überfall ihr Städtchen Great Falls im Bundesstaat Montana verlassen. Überhaupt: Eigentlich passen die Eheleute gar nicht zusammen, als Lebenspartner sind sie genauso Nieten wie als partner in crime.

Das findet auch der Sohn und Ich-Erzähler Dell, der die Geschichte als 16-Jähriger im Jahr 1960 erlebt und sie als gut 60-Jähriger zu rekonstruieren versucht. Der Vater ist ein ehemaliger Luftwaffenoffizier, der mit Indianern krumme Geschäfte mit Rinderhälften tätigt, die Mutter eine verhinderte Intellektuelle. Wo er der Welt mit einem freundlichen, gelegentlich etwas einfältigen Lächeln entgegentritt, da schaut sie mit strengem Skeptizismus über ihre Brillengläser.

Ehe als Laune des Schicksals

Bonnie und Clyde? Nein, eher das Gegenteil: Um impulsiv bei einem Banküberfall das Richtige zu tun, ist der Vater zu langsam in seinem Wesen. Und um sich der Lust am Verbrechen hinzugeben, ist die Mutter zu skrupulös.

Einmal wird in Great Falls ein durchlöcherter Oldtimer zur Besichtigung ausgestellt, angeblich der Fluchtwagen von Bonnie und Clyde, in dem sie von den Maschinenpistolen der Polizei getötet worden sind. Dells Vater hält das für eine Finte. Echte Einschusslöcher in Metall, meint er als als Air-Force-Mann zu wissen, sehen anders aus.

Ein bisschen wie der Vater das Autowrack inspiziert Richard Ford auch seine Helden: Er schaut hinter die löchrige Fassade des Paares, sucht in ihrer Biografie nach Lügen und Legenden. Ford, inzwischen 68 Jahre alt und damit der gleiche Jahrgang wie sein Ich-Erzähler, lässt den Sohn illusionslos bilanzieren. Seine Eltern hätten nie zusammenkommen dürfen, ihre Ehe war eine grausame Laune des Schicksals.

Und eine ebenso grausame Laune des Schicksals ist es, dass es den Jungen nach der Verhaftung seiner Eltern nach Kanada verschlägt, zu einem entfernten amerikanischen Bekannten, der auf der Flucht vor den US-Behörden in einem heruntergewirtschafteten Jagdhotel in Saskatchewan lebt und Dell mit dessen eigener Geschichte konfrontiert. Das Trauma des Unbehausten, das Drama des Verwaisten steigert sich in der gnadenlosen Weite von Kanada in einen surrealen Alptraum.

Gibt es eine Sehen ohne Verstehen?

Neben Don DeLillo und Philip Roth ist Richard Ford einer der letzten großen lebenden amerikanischen Erzähler. Berühmt wurde er für seine Romantrilogie über den all american guy Frank Bascombe: Sportreporter war der etwas farblose Held am Anfang, später versuchte er als Rentner sein Leben zu genießen, proktologische Probleme kamen dazwischen. Im Mittelteil der Trilogie, in "Unabhängigkeitstag", war Bascombe auch mal Immobilienmakler. Und, klar, wer diesen Teil liest und dem Erzähler bei seinen ausladenden Touren durch Suburbia folgt, kann nebenbei eine Menge über die Ursachen der US-Immobilienkrise lernen. Man muss aber Muße mitbringen.

Bei den Bascombe-Stories, diesen Brocken von Romanen, kann man leicht jenes dünne Bändchen übersehen, mit dem sich Ford bereits 1990 einen Namen gemacht hatte: den Roman "Wild leben", knapp 150 Seiten über den Ehebruch einer Mutter, geschrieben aus der Sicht ihres Sohnes. Eine subtile, elektrisierende Studie über das Sehen und Fühlen, die beweist, dass man nicht verstehen muss, um alles um sich herum registrieren zu können. Im Gegenteil: Vielleicht hilft manchmal auch das Nichtverstehen.

Der Ich-Erzähler ist 16, die Geschichte in Great Falls, Montana des Jahres 1960 angesiedelt. Fords neuer Roman "Kanada" wirkt, als kehre der Autor zum Ort eines Traumas zurück. Möglicherweise eines persönlichen. Auffällig, wie oft der Sohn des Bankräuberpärchens seine Erinnerungen mit der Hoffnung schließt, dass sich der Sinn des Erlebten wohl erst als Erwachsener erschließt.

Und, was sagt denn nun der Erwachsene? Ganz am Ende blickt Dell als Rentner zurück - eine einfache, handliche Erklärung kann er seiner Erzählung über Angst, Verlust und Unbehaustheit noch immer nicht abringen. Der alt gewordene Junge Dell bleibt auf der Suche. Und Richard Ford hoffentlich auf seinen Fersen.

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