Seenot-Drama: Todesmaschine in schwerer See

Von Oskar Piegsa

Abenteuergeschichte und Allegorie über das Scheitern des Fortschrittsglaubens: Mit Glaubwürdigkeit und Wucht erzählt Richard Hughes in seinem Roman "In Bedrängnis" von einem Dampfschiff in Seenot - was als Siegeszug der Moderne beginnt, endet im Desaster.

Romanthema Schifffahrt: Die ganz große Krise Zur Großansicht
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Romanthema Schifffahrt: Die ganz große Krise

Mit einem Schiffsbrüchigen hat die Geschichte des englischen Romans begonnen ("Robinson Crusoe"), später haben Irrfahrten auf hoher See der Gattung Höhepunkte beschert (etwa "Moby Dick"). Doch diese Zeit ist längst vorbei. Das Genre des Hochseeromans ist versiegt, spätestens seit Dreimaster von Raumschiffen und die fernen Inseln von fremden Planeten abgelöst wurden. Viele respektable Schriftsteller überlassen Abenteuerstoffe heute lieber dem Film und Fernsehen.

Die Folge ist, dass das Meer in der Gegenwartsliteratur selten etwas Größeres sein darf als eine Metapher für verkorkste Lebensführung: Bei Annika Reich gibt es einen Ozeanologen, der noch nie das Meer gesehen hat, bei Juli Zeh einen Tauchlehrer, der unter Wasser der Welt entkommen will.

Endlos, rastlos und gefährlich ist die See nur in den Klassikern: Zum Beispiel in dem Roman "In Bedrängnis" des britischen Schriftsteller Richard Hughes, den Michael Walter neu ins Deutsche übertragen hat. Hughes wollte mehr vom Meer als kleine, persönliche Krisen. Er wollte große Krisen, die ganz große Krise.

"In Bedrängnis" erzählt von einem Dampfschiff namens Archimedes, das mit einer Ladung von Tabak und Papier zwischen Neuengland und China pendelt. Als technisches Meisterwerk gilt die Archimedes als nahezu unsinkbar. Ihr leitender Ingenieur ist ein Mann mit Aura und Autorität, ein "Premierminister im Overall". Zudem hat der seit einigen Jahren eröffnete Panamakanal der Reise ihre Dauer und viele ihrer Unwägbarkeiten genommen. Und Hurrikane sind durch die Fortschritte der Meteorologie längst vorhersagbar geworden. Als der junge Dick Watchett - der zentrale Protagonist und wohl auch Erzähler von "In Bedrängnis" - in der Karibik von einem aufziehenden Sturm erfährt, freut er sich sogar darauf. Schließlich hat er auch deshalb angeheuert, weil er Abenteuer erleben will, mit denen er später Frauen und Landratten beeindrucken kann.

Erst die Technik, dann Gott

Es folgt, was folgen muss: Der Sturm trifft das Schiff mit unerwarteter Härte und verwandelt die Archimedes in eine Todesmaschine. Tagelang drängen von außen Wind und Wellen, während von innen siedendes Öl und tödlich heißer Wasserdampf austritt. Wenn der Himmel zwischendurch für einige Stunden aufklart, dann nur um die Ausmaße der Verwüstung in apokalyptischen Bildern zu offenbaren: Einmal ist der Meeresspiegel mit toten Fischen überzogen. Ein anderes Mal ist das Deck mit ölverklebten Vögeln übersäht, deren halblebendige Körper die Seeleute mit nackten Füßen zertreten müssen.

Schon die ersten Zerstörungen an Bord sind verheerend, denn der Schornstein wird abgerissen und die Archimedes damit funktionsunfähig. "Alles an Bord funktionierte mit Dampf oder Elektrizität - auf einem modernen Schiff wird nur noch sehr wenig mit menschlicher Arbeitskraft betrieben. Ohne Dampf floss auch kein Strom", schreibt Hughes. "Schiffe, die einmal auf die menschliche Arbeitskraft verzichtet haben, können im Notfall nicht mehr darauf zurückgreifen."

Während des Sturms droht auch das soziale Gefüge an Bord auseinander zu brechen. Die Arbeitsteilung erschwert das Verständnis der Seeleute und Ingenieure füreinander. Sobald die moderne Technik und Rationalität keinen Ausweg mehr aufzeigen, wollen die Männer altmodische Helden sein - oder dass Gott ihnen hilft. Dann bricht in der internationalen Besatzung zu allem Überfluss der zuvor schon kaum verhohlene Rassismus aus.

"In Bedrängnis" ist nicht nur eine altmodische Abenteuergeschichte, sondern eine Allegorie über das Scheitern des Fortschrittsglaubens. Die Überfahrt der Archimedes sollte ein selbstverständlicher, müheloser Siegeszug der Moderne werden, doch sie endet im Desaster. Die Glaubwürdigkeit und Wucht dieses Romans wird noch verstärkt durch den Kontext seiner Entstehung: Richard Hughes veröffentlichte "In Bedrängnis" im Jahr 1938, wenige Monate vor Deutschlands Überfall auf Polen und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Europa.

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