Richard Russo, Chronist der US-Provinz Warum brauchen wir überhaupt Männer?

Kleinstädte mit gestrandeten Typen: Richard Russo zeigt in seinen preisgekrönten Romanen jenes abgehängte Amerika, über das seit der Wahl von Präsident Trump alle reden. Er kennt diese Welt, ihren Stolz, ihre Träume.

Elena Seibert/ Dumont

Ein Interview von


Zur Person
    Richard Russo, Jahrgang 1949, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er studierte Philosophie und promovierte in Amerikanischer Literatur. Für "Diese gottverdammten Träume" erhielt er 2002 den Pulitzerpreis.

SPIEGEL ONLINE: Herr Russo, wir werden über Ihren neuen Roman sprechen, aber auch über die Entwicklungen seit der US-Wahl, die Welt der Provinz und der Arbeiter, die Sie in Ihren Geschichten beschreiben...

Russo: Natürlich, gerne! Aber ehrlich: Bis zur Wahl wollte nie jemand mit mir über Politik reden. Jetzt, mit 67, nach 30 Jahren als Autor, bin ich auf einmal relevant?

SPIEGEL ONLINE: Wieso sind Sie überrascht?

Russo: Ich war davor als Geschichtenerzähler-Schrägstrich-Großmaul gefragt, der einen heiteren Blick auf die Welt hat. Natürlich war bemerkt worden, dass ich über Arbeiter schrieb, die ihre Jobs verloren, und deren Kommunen, und zwar seit meinem ersten Roman "Mohawk" von 1984. Aber keiner dachte bis dato, dass das ein lohnenswertes Thema sei.

SPIEGEL ONLINE: Neulich zeigten die TV-Nachrichten einen Tagebau-Besitzer aus den USA. Er freute sich, dass Präsident Trump das Klimaschutzabkommen verlassen will, er habe schon viele alte Kumpel wieder eingestellt - endlich könnten sie wieder arbeiten. Es wirkte wie aus einem Russo-Universum: eine aus der Zeit gefallene Kleinstadt mit gestrandeten Typen, die sich mit Kleinjobs oder als Trödler verdingen, wo nun auch Ihr Roman "Ein Mann der Tat" spielt. Hatten Sie auch solche Déjà-vus?

Russo: Ich bin in einer solchen Welt aufgewachsen. In meiner Heimatstadt in Upstate New York begann der Niedergang in den späten Fünfzigerjahren - ein Vorbote zu heute. Etwa 90 Prozent aller Abendhandschuhe und Lederwaren wurden damals in Gloversville produziert. Dann wurden die Jobs ins Ausland verlagert. Einige hingen lange der Illusion nach, dass eines Tages die Gerbereien wieder aufmachen würden. Das wird auch mit den Kohlegruben nicht passieren. Das ist Bullshit. Es dauerte Jahrzehnte, bis sie begriffen: Die Zukunft ist nicht die Vergangenheit. Und auf einmal befinde ich mich damit im Zentrum der Debatte.

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US-Autor Richard Russo: Wo die Abgehängten wohnen

SPIEGEL ONLINE: Spiegelt dieses Desinteresse am Thema nicht exakt die Analysen nach der Wahl: Politik wie Medien hatten sich in ihrer Blase von der Blue-Collar-Welt der Arbeiter zu weit entfernt?

Russo: Das lässt mich schlauer aussehen als ich bin. Es war ja nur die Welt, die ich kannte! Eine, in der jene Arbeit verloren ging, die in der Provinz Gemeinsinn, Identität und Stolz stiftete. Die Lederindustrie gab den Leuten bei uns das Gefühl: Das ist unser Platz im sozialen Gefüge. Wir gehören dazu.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde das zu Ihrem Thema?

Russo: Ich fand so meine Stimme als Autor. Anfang der Achtzigerjahre hatte ich mein Handwerk gelernt als Erzähler, aber ich wusste noch nicht, wer ich war, wen oder was ich liebte. Meine Bildung nutzte ich, um 2500 Meilen von Zuhause wegzuziehen, ich erschloss mir eine neue Welt, mit mehr Chancen, das war der Traum meiner Mutter. Und in den Uniferien im Sommer ging ich stets zurück und arbeitete mit meinem Vater im Straßenbau. Da begriff ich: Diese Welt, mit all diesen hart arbeitenden Menschen, liebte ich am meisten.

SPIEGEL ONLINE: Als Autor seine Stimme finden: klingt sehr abstrakt. Was genau passierte?

Russo: Ich bereitete gerade meinen Kurs für den nächsten Tag vor: Ich wollte John Steinbecks "Straße der Ölsardinen" durchnehmen. Ich las eine Passage über Dora Floods Bordell, in der auf einmal ein allwissender Erzähler auftaucht: Er spricht über den Laden als sei es ein ehrenhafter Klub, in dem Männer in Ruhe ihr Bier trinken. Und Dora als "eine großartige Frau" bezeichnet. Diese trockene Erzählerstimme zu erkennen, die uns an die Hand nimmt und uns nicht nur sagt: Hier ist die Welt. Sondern auch: So solltet ihr sie sehen. Das war wie das letzte Puzzlestück, das mir fehlte. In diesem Moment fiel mir die Kinnlade runter.

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Richard Russo:
Ein Mann der Tat

Aus dem Amerikanischen von Monika Köpfer

Dumont; 688 Seiten; 26,00 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Das Bordell scheint wie die Kneipen in North Bath, dem Schauplatz von "Ein Mann der Tat" und dem Vorgänger "Ein grundzufriedener Mann" (verfilmt mit Paul Newman und Philipp Seymour Hoffman): Fixpunkte eines Kleinstadtlebens, wo alle seit immer alle kennen und man sich nicht aus dem Weg gehen kann.

Russo: Ja, jeder weiß: Um 10 Uhr morgens finde ich Sully in dieser einen Kneipe.

SPIEGEL ONLINE: Alles also wie immer, jeden Tag. Wie wichtig ist das für Ihr Erzählen?

Russo: In diesem Buch beginnt man zu sehen, wie diese Konstanz schwindet. Die Geschichte spielt 1999, vielleicht 2000. Das war mir wichtig, weil so vielleicht der Bürgermeister ein Handy hat, aber sonst keiner in diesem in seiner Zeitkapsel gefangenen Städtchen. Zwei, drei Jahre später werden alle eins haben, und vier, fünf Jahre danach werden sie mit dem Internet verbunden sein. Heute ist in Gloversville jeder so "verdrahtet" wie ich oder Sie in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten einmal, sie lieben die Generation Ihrer Eltern wegen deren Optimismus. Wo ist der hin? Denn Ihre Typen sind traurige Existenzen, eine Figur sagt gar: Warum brauchen wir Männer überhaupt?

Russo: Die Frage ist im evolutionären Sinn auch korrekt: Wir leben in einer Welt, in der die mächtigsten Männer der Welt jene sind, die Code schreiben. Wo bitte lässt das Helden wie aus Beowulf? Aber ich finde, meine Männer durchlaufen durchaus eine Entwicklung. Polizeichef Raymer denkt, die ganze Kommune hält ihn für einen Loser. Er muss buchstäblich vom Blitz getroffen werden, um zu erkennen, wer er ist und dass seine Kollegin Charice ihn gut finden könnte. Das ist sehr optimistisch! Das ist doch nicht nichts!

SPIEGEL ONLINE: Noch so ein Satz von Ihnen: "Geschichtenerzählen ist eine Übung in Empathie". Wollen Sie uns Lesern so unsere Vorurteile vor die Nase halten?

Russo: Ich zeige Menschen, bei denen man erst denken mag: Wirklich? Ist da genug zu erzählen? Und dann entdeckt man, dass diese Person ein unfassbar reiches Seelenleben hat, was man in ihrem Dasein als Nebenrolle gar nicht vermutet hätte. Es geht mir darum, mit freundlicher Neugier auf andere zu schauen. Und das Bedürfnis zu wecken, für eine Weile Zeit im Leben eines anderen zu verbringen.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
BernieistAnders 19.06.2017
1. Ich würde absolut jeden wählen...
um die Feministen loszuwerden. Die Wahl von Trump war allerdings absolut lächerlich, es war klar dass Trump nichts gegen die Feministen tun würde, er ist nur einer der viel redet und an sich denkt. Oder ist er einer der vermutlich gar nichts von der Welt versteht, wie so viele glauben? Er hat sogar den feminsitischen Lobbies mehr Geld gegeben, in der Hoffnung dass die Feministen in den Medien etwas positiver über ihn berichten.
DJ Doena 19.06.2017
2.
Bevor ich 26 Euro fürs deutsche Hardcover ausgebe (sogar Kindle kostet nen Zwanni) hab ich mir lieber für 8,49 das englische Paperback geholt.
thorsten.munder 20.06.2017
3. Ja aber
Was ist jetzt mit der Welt der Arbeiter wo gehts hin in der Provinz in USA was kommt als nächstes? Einfach nur immer Beschrieben kennen wir doch oder... Langweilig ist das anstatt nur zu beschreiben wie was ist sollte mal einer aufzeigen wies weitergeht und ich meine nicht Donald Trump mit dem gibt es keine Zukunft !
spon-46b-e6o0 20.06.2017
4. Wähle ruhig, Intelligenzbestie :D :D :D
Zitat von BernieistAndersum die Feministen loszuwerden. Die Wahl von Trump war allerdings absolut lächerlich, es war klar dass Trump nichts gegen die Feministen tun würde, er ist nur einer der viel redet und an sich denkt. Oder ist er einer der vermutlich gar nichts von der Welt versteht, wie so viele glauben? Er hat sogar den feminsitischen Lobbies mehr Geld gegeben, in der Hoffnung dass die Feministen in den Medien etwas positiver über ihn berichten.
Hahahahahaha wählen Sie ruhig - das wird Ihnen nicht nützen, weil heutzutage Intelligenz zählt und nicht schwanzfixiertes Idiotentum und aufgeblasene Gorillamuckis, die nichts andere können als Dreck schippen :D
syracusa 20.06.2017
5.
Zitat von thorsten.munderWas ist jetzt mit der Welt der Arbeiter wo gehts hin in der Provinz in USA was kommt als nächstes? Einfach nur immer Beschrieben kennen wir doch oder... Langweilig ist das anstatt nur zu beschreiben wie was ist sollte mal einer aufzeigen wies weitergeht und ich meine nicht Donald Trump mit dem gibt es keine Zukunft !
Es ist aber die Aufgabe des Schriftstellers, das Vorhandene zu beschreiben und ihm dadurch einen Sinn zu verleihen. Dass man wie Sie von einem Schriftsteller die Antwort auf die Frage erwartet, wie's denn nun weiter geht, erstaunt mich zutiefst. Wir leben in einem Staat mit so weit gestalteter freiheitlicher Demokratie, dass es Ihnen selbst möglich ist, Ihre Zukunft zu gestalten. In einer Demokratie gibt kein Politiker Ihrem Leben einen Sinn, und keiner löst Ihre Probleme für Sie. Das macht weder Trump noch Höcke, und auch nicht Merkel oder Schulz Sie müssen selbst den Arsch hoch kriegen, müssen Ihre Probleme selbst lösen, Ihre Zukunft selbst gestalten, und Ihrem Leben selbst einen Sinn geben. Ein guter Schriftsteller kann Ihnen nur dabei helfen, die Lage und deren Potential zu erkennen.
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