Robert Seethalers "Ein ganzes Leben" Der einsame Mann am Berg

"Ein ganzes Leben" von Robert Seethaler rafft ein mehr als sieben Jahrzehnte währendes Leben in ein paar einprägsame Szenen. Ein bittersüßer Sundowner mit einer kleinen Prise Kitsch.

Robert Seethaler: Gleichnis vom traurigen Bergbewohner
Urban Zintel

Robert Seethaler: Gleichnis vom traurigen Bergbewohner

Von Thomas Andre


Vielleicht ist Robert Seethalers "Ein ganzes Leben" so etwas wie der Gegenroman zur Globalisierung. Man kennt so etwas als junger oder mittelalter mobiler Mensch ja gar nicht mehr: Dass einer die Zeit, die er auf Erden hat, am selben Ort verbringt. In einem Bergdorf nämlich, das er nur verlässt, um im Gebirge die Seilbahnen zu bauen, die die Ankunft der Moderne symbolisieren - und um im Zweiten Weltkrieg zu kämpfen. Auch der steht in Seethalers schmalem Buch für die Moderne.

Andreas Egger ist ein einfacher Mann. Einer, der keine Höhenangst hat, aber auch kein Glück; einer, der als uneheliches Kind zum Onkel auf den Hof kommt, regelmäßig verdroschen wird und nie eine Idee davon bekommt, was es heißt, etwas aus sich zu machen. So war das am Anfang des 20. Jahrhunderts, mit der Geburt war der Lebenslauf vorgeschrieben.

Um dieses Gefangensein in den Gegebenheiten parabelhaft zu fassen, beschreibt Seethaler, 1966 in Wien geboren, wie sein tragischer Held allerlei Schläge ertragen muss, die das Leben so für einen bereithält - in allen Lebensaltern.

Die Stille eines kaukasischen Wintermorgens

Als der junge Egger sich der Ausbeutung durch seinen Onkel entzogen hat, verliebt er sich. Er kommt bei der sanften Kellnerin Marie, die nach Heu, Seife und "auch ein bisschen nach Schweinebraten" riecht, sogar zum Zug, obwohl er als Tagelöhner zum Bergprekariat gehört und nicht viel zu bieten hat. Dann geht eine Lawine herunter und nimmt ihm die Frau; moderne Seilbahnen hin oder her, die Natur ist stärker. Der Rest ist Erduldung des Schicksals. Seethaler hat einen Sinn für Ironie: Da baut einer mit seiner Hände Kraft Bahnen zwischen den Berghöhen, aber selbst kommt er nicht vom Fleck.

Als kleiner Mann auf der Klippe der Weltgeschichte will Egger in den Krieg ziehen, weil er nichts Besseres findet. Zuerst nehmen sie ihn nicht, dann muss er. Einmal ist er auf Posten und sieht den Feind: "Der Russe sah Egger an und Egger sah den Russen an und um sie herum war nichts außer der Stille eines kaukasischen Wintermorgens." Kein Schuss fällt, dies soll ein leises, lakonisches Buch sein.

Und das ist es auch in seinen starken Momenten, etwa bei diesem Aufeinandertreffen an der Ostfront. Es ist ein stellenweise schönes Buch, das weise ist und klug - aber genau das eben auch sein will. Ein Roman, der vom Leben und Sterben erzählt, vom Vergehen der Zeit, vom kleinen Glück und dem großen Unglück, der am Ende aber unbedingt einen heiteren Anstrich haben will: Das ist "Ein ganzes Leben".

Der Hirte im Eis

Da wird dann die verbale Sparsamkeit des verliebten Egger so geschildert, dass er lieber einen Felsen schmeißen würde, als beim romantischen Doppel auf den Almwiesen mit der Angebeteten zu parlieren. Einige Pointen mehr zielen auf die wunderliche Lebensart der Menschen dort oben. Besonders ehrgeizig ist Seethaler im Hinblick auf möglichst originelle Sterbearten; die Oma haucht ihr Leben im Teig aus, in den sie beim Backen ohnmächtig gekippt ist.

"Ein ganzes Leben" rafft ein mehr als sieben Jahrzehnte währendes Leben in wenige einprägsame Szenen. Die atmosphärische und metaphorische Dichte des Stoffes tritt auch in der Figur eines dem Tode Geweihten Ziegenhirten zutage, den Egger zu Anfang von dessen Hütte hinab ins Dorf schleppt. Unterwegs springt ihm der Sterbende hochsymbolisch davon, ist weg und kommt nicht wieder: Im Sterben noch einmal höchst lebendig, verschwindet er.

Aber nicht für immer, weil Leben und Tod ja einen Kreislauf bilden. Ein halbes Leben später holen sie den Ziegenhirten aus dem ewigen Eis, das seinen gebrechlichen Körper konserviert hat; es kommt zum unverhofften Wiedersehen. Vielleicht weckt dieses Treffen mit der Vergangenheit Andreas Egger, der so genüg- und einsam ist, noch einmal aus seiner versponnenen Existenz, aus der er nur einmal dank der Liebe herausfindet, darüber hinaus aber nie den Anschluss an die Gemeinschaft der anderen schafft.

Als alter Mann setzt er sich in einen Bus, um die Scholle noch einmal zu verlassen. Aber wohin soll er fahren? Man bringt ihn zurück. Das ist, wie der ganze, perfekt gebaute Roman, gerade in seiner Schlichtheit purer Kitsch. Man mag sich als Leser manchmal darüber ärgern, wie berechnend Seethaler bei der Ausgestaltung seines Gleichnisses vom traurigen Bergbewohner ist - als bittersüßer Downer an lichten Sommertagen funktioniert sein fünfter Roman aber ziemlich gut.

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