Thriller "Die Stunde der Entführer" Geiseln der Gier und des Größenwahns

Um Menschenraub geht es im neuen Roman von Robert Wilson. Der Brite hat einen Helden erfunden, der persönlichen Ballast in einen Fall bringt, der so komplex wirkt, wie es die Weltpolitik heute nun mal ist.

Kidnapping-Opfer (Symbolbild)
Getty Images

Kidnapping-Opfer (Symbolbild)


Rakesh Sarkar, Sohn eines ultrareichen indischen Konzernbesitzers, sitzt am Steuer seines Porsche 911 Carrera und fährt verdächtig langsam durch das nächtliche Notting Hill. Er will keine Aufmerksamkeit erregen, weil er ein bisschen stoned ist und angetrunken. Als ihn ein Polizeiwagen zum Anhalten zwingt, versucht er es mit Bestechung, doch die vermeintlichen Polizisten entpuppen sich als Kriminelle, die den 21-Jährigen sedieren und verschleppen.

Sarkars Kidnapping ist der Auftakt zu einer spektakulären Welle von Entführungen: Innerhalb von 32 Stunden verschwinden in London sechs junge Menschen spurlos. Sie sind unterschiedlichen Alters und stammen aus verschiedenen Nationen, haben aber eines gemeinsam: Sie sind die Kinder von Milliardären, die allesamt eng verbunden mit den Regierungen ihrer Heimatländer sind.

Es ist ein irrwitziges Tempo, das der britische Thrillerautor Robert Wilson, den die "New York Times" zu den besten der Welt zählt, zu Beginn seines neuen Romans "Die Stunde der Entführer" vorlegt. Und er wird auch im Laufe der weiteren fast 500 Seiten nur selten auf die Bremse treten. In fünf atemlosen Tagen spielt sich eine Geschichte ab, die in London beginnt und in Marokko ihr Ende findet, mit unendlich vielen Figuren, Handlungssträngen, Wendungen.

Im Mittelpunkt steht Charles Boxer, Ex-Polizist und Kidnapping-Consultant, der eigentlich mit einem ganz anderen Fall beschäftigt ist: Er sucht den Multimillionär Conrad Jensen, der in etwa zur selben Zeit verschwunden ist wie die Geiseln. Jensen entpuppt sich schnell als ehemaliger CIA-Mann, der möglicherweise hinter den Entführungen steckt.

Ein Akt des Terrors?

Doch was beabsichtigt Jensen? Als endlich die erste Forderung der Geiselnehmer kommt, ist die schnell gebildete internationale Task Force fast schon erleichtert: 150 Millionen Britische Pfund. Viel Geld, aber nur Peanuts für die Eltern und geradezu Kleingeld in der Welt nach der Finanzkrise von 2008, als selbst eine Milliarde zu einer ganz gewöhnlichen Zahl geschrumpft ist.

Mit Verbrechern kann man umgehen, Gier ist ein Motiv, das jedermann versteht. Doch dann kommt ein Nachschlag der Entführer: Das Geld sei nur eine Art Aufwandsentschädigung, die eigentlichen Forderungen würden folgen. Eine Ankündigung, die weltweit für Aufregung sorgt. Geht es hier in Wahrheit um eine politische Erpressung, sind die Entführungen ein Akt des Terrors?

Gegen seinen Willen wird Boxer immer mehr in den Fall verwickelt. Denn ihm geht nicht nur der Ruf voraus, einer der besten auf seinem Gebiet zu sein, sondern auch bereit zu sein, zu extremen Mitteln zu greifen, wenn nötig: "Sie sind ein guter Mensch, der kein Problem damit hat, böse Menschen zu töten", sagt einmal jemand zu Boxer. Er hat damit Recht und Unrecht zugleich. Denn Boxer ist kein James Bond, der es sich nach einem Mord mit Martini und Blondine gemütlich macht. Mit Charles Boxer hat Robert Wilson eine hochkomplexe Figur geschaffen, einen direkten Nachfolger von Chefinspektor Javier Falcón, den Wilson in seinem brillanten Sevilla-Quartett ermitteln ließ.

Romanautor Robert Wilson
Gabriel Pecot

Romanautor Robert Wilson

Beide sind eigenbrötlerische, harte, aber verletzliche Männer, die wie Wilson selbst damit zu kämpfen haben, dass sie zu früh ihre Väter verloren haben. Grübler, die sich oft selbst im Wege stehen. "Scheiß auf die Vergangenheit", resümiert Boxer. "Die Vergangenheit hatte ihm nie irgendeinen Gefallen getan." Und doch lässt sie ihn nicht los, lastet jeder Tote, der auf sein Konto geht, schwer auf seinem Gewissen.

Zu viele Entführungen, zu viele Verwicklungen

Allzu viel Zeit zur Selbstbespiegelung lässt Wilson seinem Helden allerdings nicht, stattdessen bekommt der Fall multiple persönliche Ebenen: Der Freund seiner früheren Frau wird entführt, kurz darauf seine eigene Tochter. Die Kidnapper wollen Druck ausüben auf den einzigen Mann, von dem sie fürchten, dass er ihnen gefährlich werden kann.

Vielleicht ist das alles ein bisschen zu viel: Zu viele Entführungen, zu viele Verwicklungen, zu viele Geheimdienste, zu viele Emotionen, zu viele Unwahrscheinlichkeiten, zu viel Persönliches, das Wilson verarbeitet - darunter den Tod seiner Frau, die 2013 an Leukämie starb. Überforderung führt bei Lesern schnell dazu, dass sie abschalten - und aussteigen. Was bedauerlich wäre: Denn wenn man es durch den überlangen Mittelteil geschafft hat, belohnt Wilson den Leser mit einem packenden Showdown. Und am Ende ergibt alles, was vorher redundant schien und verwirrend und ein bisschen zäh, einen bestürzenden Sinn.

Wilson packt die großen Themen unserer Zeit an: die Umverteilung des Reichtums von unten nach oben, Konzerne, die die Außenpolitik ganzer Länder manipulieren und Kriege anzetteln, um ihre Gewinne zu maximieren, die Gefahr durch die globale Überwachung, Big Data. Dabei klingt Wilson aber nie wie ein Ideologe, er reißt diese Themen sozusagen en passant an, verpackt sie in eine clevere Story.

"Die Stunde der Entführer" gehört zu den wenigen aktuellen Romanen, die es schaffen, die Welt, in der wir leben, in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit erlebbar zu machen. Noch kann sich Wilson nicht mit den Größten des politischen Thrillers messen, mit Eric Ambler oder Ross Thomas - aber er ist auf einem guten Weg.

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