Rockkritiker Nik Cohn "Andere haben eine Geliebte, ich hatte Gangsta-Rap"

Als Rockkritiker schrieb Nik Cohn Geschichte, in New Orleans entdeckte er seine Liebe zum Gangsta-Rap. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Brite über seine Liebe zu fetten Beats, die Katrina-Katastrophe - und erklärt, wie der Tod die Kunst beflügelt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Cohn, Sie schreiben in Ihrem Buch "Triksta" von den Mitläufern und Verlierern im Rap-Geschäft: Soulja Slim, dem vor dem Haus seiner Mutter ins Gesicht geschossen wurde; Earl Mackie, der neben einem Dachdeckerbetrieb noch eine halbseidene Hinterhof-Plattenfirma betreibt, oder DJ Jubilee, Sonderschullehrer, der angeblich über hundert Tänze wie den "Shake It Like A Cissy", "Stick Your Booty Out" und "Penis Pop" erfunden hat.

Rockkritiker Cohn: "Sicherlich hielten mich manche für verrückt"
Corbis

Rockkritiker Cohn: "Sicherlich hielten mich manche für verrückt"

Cohn: Es sind die Menschen, die den Unterbau der Rap-Pyramide bilden. Schließlich kommt auf jeden Superstar wie Lil Wayne eine Hundertschaft an Glücksrittern, die ihr Genie nicht rechtzeitig verkaufen können. Einmal traf ich einen sehr hoffnungsvollen 15-Jährigen in einer Sozialsiedlung, den ich noch mal nach Hause schickte, um seine Raps zu überarbeiten. Als ich nächste Woche im Studio nach ihm fragte, hieß es, er sei tot. Erschossen. Ein Schulterzucken, und der Tonmann, hauptberuflich ein Krankenpfleger, nahm den nächsten Take eines Songs auf, der davon handelte, schwarze Männer zu killen und schwarze Frauen in den Mund zu ficken.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten auch dem örtlichen Rap in New Orleans auf die Sprünge helfen. Wie hat die HipHop-Szene auf die Einmischung eines weißen Journalisten reagiert?

Cohn: Sicherlich hielten mich manche für verrückt. Aber Gestörtheit ist ja im Rap an sich nichts Schlechtes. Mit einigen Rappern habe ich kämpfen müssen – mit anderen hatte ich sofort eine menschliche Verbindung: Am wichtigsten war, dass ich immer wieder zu ihnen zurückkam, sie erkennen konnten, wie ernst es mir war. Schließlich mussten sie eingestehen, dass – Alter und Hautfarbe hin oder her – ich ein paar ganz brauchbare Ideen bezüglich ihrer Musik hatte.

SPIEGEL ONLINE: Am Anfang des Buches bekennen Sie, in gewissen heiklen Situationen nackte Angst vor dem "Schwarzsein" ihrer Gegenüber zu empfinden. Später scheinen Sie eine tiefe Empathie – und manchmal Hassliebe – für die Rapper zu entwickeln. Fürchteten Sie nie, sich als Weißer zu blamieren?

Cohn: Nun, ich bin dabei immer Nik Cohn geblieben. Zumindest habe ich nie versucht, mir den Slang der Rapper anzueignen. Das würde bei einem 60-jährigen weißen Mann auch lächerlich wirken. Aber natürlich habe ich mein intellektuelles Vokabular abgelegt. Unser gemeinsames Anliegen war schließlich, einen Hit zu produzieren. Sex and Crime zu verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Liebesbeziehung zum HipHop aus New Orleans mag auf den ersten Blick schwer verständlich sein: Immerhin handelt es sich doch meist um frauenfeindliche und gewaltverherrlichende Texte zu billig produzierten Beats.

Cohn: Ich kriege immer noch eine Gänsehaut, wenn mir DJ Chicken aus New Orleans ein neues Mix-Tape schickt. Was die Texte betrifft: Inzwischen kann ich zumindest besser nachvollziehen, woher sie kommen. Warum man vorgibt, ein Verbrecher oder Killer zu sein, und wie einen das ein wenig vor der realen Gewalt schützt.

Es ist doch so: Ich wurde von diesen Möchtegern-Gangstern niemals bedroht. Die Jungs liefen bestenfalls ab und zu mit der Pistole im Hosenbund bei mir ein.

Heute hat Katrina die Szene so gut wie ausgelöscht – Bounce, die für New Orleans typische Rap-Variante, ist fast ausschließlich in Transvestitenhand, der Rest des lokalen HipHop hat sich in eine Richtung bewegt, die mich als Puristen nicht mehr anspricht.

Das liegt daran, dass die Lage in New Orleans verzweifelt ist: Sie haben die Sozialsiedlungen abgerissen, es gibt für die Jugendlichen nichts mehr zu tun. In den vernagelten Häusern sind Crack-Höhlen entstanden, und Menschen werden auch mal aus bloßer Langeweile erschossen.

SPIEGEL ONLINE: "Diese Stadt hat mich an den Eiern, bis ich sterbe", erklären Sie in Ihrem Buch – um sich am Ende einzugestehen, dass Ihre Geliebte vor Ihnen gestorben ist.

Cohn: Katrina hat viele Hoffnungen zerstört. Dazu kam die persönliche Enttäuschung: Ich musste einsehen, dass es viele der Klänge, die in meinem Kopf herumgeisterten, wohl niemals auf Platte schaffen würden. Weil ich sie weder den Rappern und lokalen Produzenten noch den großen Plattenfirmen vermitteln konnte.

SPIEGEL ONLINE: HipHop-Star Lil Wayne behauptete kürzlich in einem Interview, seine Musik habe nichts mit dem Erbe der Brassbands seiner Heimatstadt New Orleans zu tun. In Ihrem Buch dagegen scheinen Jazz und HipHop als Brüder im Geiste, als Versuch, dem Leiden und Schmutz eine stolze Haltung abzugewinnen.

Cohn: Die meisten Rapper aus New Orleans sind mit den Brassbands aufgewachsen, ihre Bounce-Musik transportiert ein ähnliches Gefühl. Einige von ihnen haben sich sogar die traditionellen Blaskapellen ins Studio geholt. Aber Lil Waynes defensive Haltung ist verständlich: Schließlich habe ich während meiner Zeit als Rap-Produzent in New Orleans festgestellt, dass die meisten Rapper bei weitem nicht so harte Burschen sind, wie die Killer und Kriminellen, über die sie rappen. Sie machen sich durch ihre Verse verwundbar. Lange Zeit galten die Rapper bei den Gangs im Ghetto deshalb als Weicheier. Erst mit Gangster-Typen wie Soulja Slim bekamen sie Respekt.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihr Zwischenspiel im Gangster-Rap Ihnen erlaubt, einen bisher brachliegenden Teil Ihrer Persönlichkeit auszuleben?

Cohn: Da waren von meiner Seite aus viel Phantasien im Spiel: Andere 60-Jährige legen sich ein Cabrio oder eine junge Geliebte zu. Bei mir war es eben Gangster-Rap. Eine Art Protest gegen das Älterwerden.

SPIEGEL ONLINE: Der Untertitel Ihres Buches lautet: "Leben, Tod und Rap in New Orleans". Haben die Menschen in New Orleans eine andere Art mit ihm umzugehen?

Cohn: Die Erinnerung an den Tod und die Möglichkeit, gewaltsam umzukommen, ist in New Orleans' Ghettos Teil des täglichen Lebens. Wir wohlbehüteten Bürger machen uns manchmal Gedanken, wie wir mit 70 oder 80 Jahren in Würde sterben möchten. Dort aber gibt es kaum Jugendliche, die nicht schon erlebt haben, dass Familienmitglieder, Freunde, Geliebte erschossen wurden – das färbte auf mich ab. Wahrscheinlich hätte ich sonst das ganze Unternehmen abgebrochen. So aber brachte mich die Hepatitis-Diagnose zu Beginn meines Aufenthalts in New Orleans erst recht dazu, das Leben zu umarmen. Ich will jetzt nicht melodramatisch werden, aber: Das Wissen um den eigenen Tod hat für mich die Dynamik des täglichen Lebens auf den Kopf gestellt,

SPIEGEL ONLINE: Sie verklären in "Triksta" die sterbende und doch tanzende Stadt als Metapher auf Ihr eigenes Leben ...

Cohn: Es war mehr als eine Metapher. Vielmehr konnte ich etwas, das ich in mir selbst gefunden habe, auf eine größere Leinwand projizieren. New Orleans wurde das Abbild meiner eigenen Seelenlage. Hat es dort nicht schon zu Zeiten von Jelly Roll Morton geheißen: "Trauere bei der Geburt, feiere beim Tod"? Es liegt eine ungeheure Energie im Schatten des Todes. Ich glaube, es ist genau diese Energie, die Bounce-Musik so unwiderstehlich macht.

Das Interview führte Anne Buchholz


Nik Cohn: "Triksta. Leben, Tod und Rap in New Orleans, Hanser, 263 Seiten, 19,90 Euro



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