Rockstar-Comic The Passion of the Kurt

Manche Helden bekommen Denkmäler, manche ein eigenes Bilderbuch: Die Comic-Biografie "Godspeed" versucht dem Mythos des Nirvana-Sängers Kurt Cobain auf die Spur zu kommen.

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"Vor 500 Jahren wurden Helden durch Statuen und Gemälde unsterblich gemacht. In der heutigen Welt landen Helden auf T-Shirts", schreibt der britische Musikjournalist Peter Doggett in seinem Vorwort zu dem Comic-Roman "Kurt Cobain - GodSpeed". Das sorgenvolle, von Drogenmissbrauch gezeichnete Antlitz Cobains, der sich 1994 im Alter von 27 Jahren selbst erschoss, prangt tatsächlich noch auf zahlreichen schwarzen Leibchen blasser Teenager. Der Sänger der amerikanischen Rockband Nirvana ("Nevermind") dient auch zehn Jahre nach seinem Tod als Projektionsfläche für angstvolle Adoleszenten. Er gilt als tragischer, unverstandener Rebell, der an seiner zerquälten Seele zu Grunde ging wie vor ihm seine Ikonen-Kollegen James Dean und Jim Morrison.

Klicken Sie bitte auf das Bild, um einige Auszüge aus "Godspeed" zu betrachten






Über Cobains kurzes Leben, über das man eigentlich kaum etwas genau weiß, sind zahlreiche Bücher erschienen, zu den besten - und umstrittensten - gehört die 2001 veröffentlichte Biografie "Heavier than Heaven" von Charles Cross, einem ehemaligen Redakteur des Rock-Fanzines "The Rocket" aus Seattle, der die Anfänge der Grunge-Bewegung und den schnellen Aufstieg Nirvanas zum Synonym der Slacker-Generation an Ort und Stelle mitbekam. 400 Interviews mit Freunden und Bekannten Cobains führte Cross für sein Buch, lückenhaft und über weite Strecken spekulativ blieb es trotzdem.

Auf "Heavier than Heaven" und die wenig später erschienen Tagebuch-Aufzeichnungen Cobains stützten sich die britischen Autoren Barnaby Legg und Jim McCarthy (u.a. "2000 AD") sowie der ominöse Zeichner Flameboy für "Godspeed", die Lebensgeschichte des Rockstars aus Aberdeen, US-Bundesstaat Washington, als Comic. Neues bietet der bunte Bilderbogen nicht: Cobains defektes Elternhaus, die frühe Hinwendung zur Alternativkultur mit Bands wie den Melvins und den Pixies, die Obsession mit Drogen, die bohrenden Magenschmerzen, die ihn sein Leben lang begleiteten, die verzweifelte Liebe zu der Bikini-Kill-Drummerin Toby Vail und der Hole-Sängerin Courtney Love, schließlich der Selbstmord mit der Schrotflinte - alles hinreichend bekannt.

Doch das Medium Comic bietet nun einmal mehr Raum für Interpretationen, Andeutungen und bildhafte Poesie als jedes geschriebene Buch. Mit opulenten Panels und cleverer Farbensprache entwirft Flameboy auf der Basis der dürren Fakten eine schillernde Heldengeschichte, die augenscheinlich nicht enthüllen, sondern nahe bringen will. Willkürliche Ausschmückungen wie die Phantasiefigur Boddah, die dem kindlichen Cobain in der Krise beisteht, oder auch die Rekonstruktion der letzten Stunden im Leben des Sängers, riefen nach der Veröffentlichung des Comics in England und den USA schnell Proteste empörter Nirvana-Anhänger hervor, die den Comicmachern Blasphemie vorwarfen.

Der Zeichner verwehrt sich auf seiner Website gegen jeglichen Vorwurf. Es sei niemals die Intention gewesen, die letzte Wahrheit über Kurt Cobain zu verbreiten, schreibt er, niemand wisse genau, was wirklich passiert ist, man könne nur versuchen, es sich vorzustellen. Und genau darum gehe es bei "Godspeed" (etwa: "Viel Glück!"), um Vorstellungskraft. So stellte man sich zum Beispiel vor, wie das bildschöne "Riot Grrrl" Toby Vail dem Nirvana-Mann zu seinem wohl bekanntesten Songtitel "Smells Like Teen Spirit" verhalf. Mit gilben Herzen und welken Blumenornamenten zeichnet Flameboy die zum Scheitern verurteilte Liebe zwischen Courtney und Kurt - Stilmittel, die nur in diesem Medium zur Verfügung stehen,

So bleibt der Comic, in Stilistik und Kitschfaktor tragischen Marvel-Superheldensagen verwandt, eine sympathische und farbenfrohe, fast schon naive Hommage dreier Nirvana-Fans an ihr verblichenes Idol. Moderne Heldenverehrung eben, aber cooler als jedes T-Shirt.


"Kurt Cobain - Godspeed", Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2004, 100 Seiten, 19,80 Euro

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