Roger Willemsen als Reisender "Er strahlte so eine kindliche Freude am Leben aus"

Roger Willemsen war Weltreisender aus Leidenschaft, um die 80 Länder hat er gesehen. Der Fotograf Ralf Tooten war mit ihm unterwegs - und erinnert sich an einen großen Flaneur.

Ein Interview von

Ralf Tooten

Zur Person
Ralf Tooten, 57, lebt und arbeitet als Fotograf in Bangkok und Hamburg. Roger Willemsen lernte er durch eine Beinahe-Kollision mit dem Fahrrad in Hamburg kennen. 2009 entwickelte er mit ihm das Buch "Bangkok Noir".
SPIEGEL ONLINE: Herr Tooten, für das Buch "Bangkok Noir" durchstreiften Sie gemeinsam mit Roger Willemsen die thailändische Hauptstadt bei Nacht. Ist Ihnen eine Situation besonders in Erinnerung geblieben?

Tooten: Wir hatten mal eine besondere Begegnung mit einem Wahrsager, der Roger zwischen Blumenkränzen und Kerzen mitten auf der Straße die Zukunft aus Karten las. Er sagte voraus, dass er mit 61 Jahren einen Bestseller schreiben würde; das kann nun nicht mehr passieren. Er las aber auch, dass Roger ein Mensch ist, der auch dann noch gut zuhören kann, wenn er eigentlich schon alles weiß. Und das traf auf Roger absolut zu.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie das genauer.

Tooten: Bei ihm lief immer alles parallel: Er konnte empathisch zuhören, aber gleichzeitig schon formulieren, weiterdenken. Roger hatte immer ein Notizbuch dabei und schrieb, während die Dinge noch passierten. Er wollte alles ganz nah empfinden, ganz unmittelbar eintauchen.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Bedürfnis nach einem ganz direkten Kontakt - machte ihn das als Reisenden aus?

Tooten: Er wollte das Land über Begegnungen kennenlernen. Abends gingen wir gemeinsam essen und strömten dann in die Nacht, fast immer ohne einen Plan, aber eben abseits der üblichen Touristenrouten. Wir stiegen einfach in einen Bus und fuhren solange, wie wir Lust hatten, zu Märkten, in Unterhaltungsviertel. Wir näherten uns Bangkok sozusagen schlendernd. Dieses Planlose - das war ein großer Unterschied zu anderen Projekten, an denen ich arbeitete.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Sich-treiben-Lassen - das ist eine Einstellung, die es häufig bei Menschen gibt, die viel Reiseerfahrung haben.

Tooten: So wie Roger, genau. Ihn reizte immer das, was einem so passierte. Und nie das, was ganz offensichtlich war: Bangkok ist tagsüber eine unglaublich hässliche Stadt, da waren wir uns immer einig, zu heiß, zu grell. Aber nachts verwandeln sich die Straßen, die Verkaufsstände werden zu Garküchen, die Ladyboys kommen raus. Die Lichtstimmung verändert sich, wird bunter, aber auch geheimnisvoller, in gewisser Weise interessanter. In dieser Stimmung konnte Roger unglaublich gut Plätze und Geschichten erspüren.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich konkret an eine solche Aufspürsituation erinnern?

Tooten: Es gibt in Bangkok viele Bars, die nur nachts aufgebaut werden: Tische, Stühle - fertig ist die Kneipe. Einmal begann Roger ein Gespräch mit einer Barfrau, die auf mich einfach wirkte wie eine ganz normale Kellnerin. Dadurch fanden wir heraus, dass sie eine studierte Opernsängerin war, die keine Arbeit fand und deshalb kellnerte; hinter der Kulisse saß die eigentliche Geschichte. Das lag Roger sehr, das Spannende im scheinbar Unwichtigen zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Merkte man ihm in den Gesprächen auch die Erfahrung als Fernsehmoderator an?

Tooten: Nein, das war bei ihm kein professioneller Angang, sondern eher spielerisch. Am ehesten spürte man einen journalistischen Hintergrund noch, weil er gar nicht so viele Menschen kennenlernen wollte. Als hätte er Angst gehabt, dass eine Erfahrung verwässert, das Pure, Wesentliche verloren geht, wenn man zu viele Informationen hört. Er wollte das Abseitige einfach ganz genau durchdringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie behalten Sie ihn als Arbeitspartner in Erinnerung?

Tooten: Als unglaublich fairen, kameradschaftlichen Menschen. Der aber auch unglaublich diszipliniert arbeitete.

SPIEGEL ONLINE: Wenn er so viel forderte - war die Arbeit mit ihm manchmal auch anstrengend?

Tooten: Nein. Weil wir beide mit Bild und Wort unsere Bereiche hatten, haben wir uns lebendig ausgetauscht, sind uns aber nicht in die Quere gekommen. Roger wusste immer genau, wenn er genug hatte. Manchmal ist er schon nach zwei Stunden heimgegangen, weil es ihm reichte. Aber das war auch okay, dann blieb ich einfach länger. Wir hatten unglaublich viel Spaß zusammen. Rogers Humor ist vielen nicht so präsent, weil er häufig als scharfer Intellektueller auftrat. Aber man konnte unglaublich gut mit ihm blödeln, er strahlte so eine kindliche Freude am Leben aus. Ich erinnere mich, wie er ohne jede Scheu frittierte Insekten aß, weil er unbedingt wissen musste, wie die schmecken. Die Neugier war bei ihm immer größer als die Angst.

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SNA 09.02.2016
1. Was für ein Jammer
in diesem vor Angst panischem Land fehlt er sehr...
oberleuris 09.02.2016
2.
ja, ich glaube, das ist das Adjektiv, welches sog. Künstler, Profifußballer und ZDF(MorgenMagazin)Moderator(inn)en treffend und umfassend charakterisiert. danke.
an-i 09.02.2016
3. Am treffendsten fand ich den Spruch von Hr. Willemsen
"die Bundeskanzlerin hat das Land chloroformiert"... grandios!!! Ruhe im Frieden.
qualstar 09.02.2016
4. Eigentlich sollte man um jeden Menschen trauern…
Deshalb kann ich dem Adjektiv von oberleuris nur zustimmen. Ein sympathischer Typ – nur die redaktionellen Nachrufe haben etwas unersägliches.
93160 09.02.2016
5. Da ich Spiegel immer gelesen habe
wurde er mir durch Spiegel bekannt. Es war damals ein sehr haesslicher Artikel gegen Herrn Willemsen. Nun kann ich mir alles ueber diesen Menschen auch abrufen in You Tube.Habe seine Buecher gelesen. Ich denke Deutschland weiss garnicht was fuer einen wunderbaren Menschen es verloren hat. Zu gern haette ich gehoert was er in der Fluechtlingskrise zu sagen haette. Was er schon ueber den 11. September sagte war schon grandios. Und wie herrlich verdeckt er die Stumpsinngkeit eines Till Schweigers parodierte, einfach herrlich.
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