Zum Tod von Roger Willemsen Der Anti-Spießer

Roger Willemsen - dieses lästernde, lüsterne, kiffende, krähende Genie. Ohne ihn werden wir kämpfen müssen, um nicht in einer Republik von Langweilern zu enden.

DPA

Von


Roger Willemsens Tod muss ein Missverständnis sein: Roger ist stets ein Agent im Auftrag der Lebenden. Ich habe ihn oft an Nachrufen und Traueransprachen arbeiten sehen, es war ihm sehr wichtig: Der Banalität des Sterbens die Brillanz seiner Reden entgegen setzen, die Trauergemeinde agitieren für die nun gemeinsame Sache des Lebens, die Erinnerung feiern und alle in eine Raserei gegen den Tod treiben. Es gelang ihm jedes Mal.

Roger Willemsen betrat eine Bühne und schon nach wenigen Minuten vollzog sich eine fast sinnlich wahrnehmbare, kollektive Übertragung: Alle wollten sein wie er. Schlagfertig, belesen, weitgereist, engagiert und intelligent. Und hinter der Bühne, da wollten ihn alle beschützen. Stets war er umgeben von Menschen, die ihm Gutes wollten, die alles für ihn getan hätten, weil sie wussten, dass so einer nicht wieder kommt. Er schien dann unbesiegbar.

Die Leute vertrauten ihm, keineswegs nur die Kollegen, die urbanen Auskenner, Akademiker und Hipster - seine Anhängerschaft ging weit darüber hinaus. Er fungierte als Mittler zwischen der Welt der Literatur, der Musik und der Kunst und der deutschen Provinz. Familienunternehmer liebten ihn ebenso innig wie Handwerker und Rentner.

Eine Marktforschung ergab einmal, dass er besonders gut bei älteren, nicht besonders gebildeten Hausfrauen aus dem ländlichen Raum ankommt, und das traf wirklich zu. Wenn entsprechende Gruppen auf ihn warteten oder ihn erkannten, flüsterte er hingerissen: "Meine Zielgruppe!" Er erwiderte diese Zuneigung hemmungslos und musste sich nicht verstellen, denn er war ohne jeden Dünkel und ohne Scheu vor den Leuten.

Einmal sinnierte er scherzhaft über den in Krimis so beliebten Satz: "Das Opfer muss seinen Mörder gekannt haben!" Und er folgerte in gespielter Schurkenhaftigkeit: "Mich kennen die Leute auch, mich lässt auch jeder rein!"

Er spottete der Quote

Er wurde zum Gegenstand völlig unerwarteter Zuneigungsbekundungen. Otto Graf Lambsdorff hatte sich spontan als Fan geoutet, ebenso Jürgen Möllemann. Ein reicher Unternehmer steckte ihm einmal einen sehr teuren Montblanc-Kuli zu, einfach, weil Roger in einem Text erwähnt hatte, seinen eigenen verloren zu haben. Schüler schrieben ihm Briefe, die nie unbeantwortet blieben.

Oft fluchten wir, die in seiner Redaktion die Sendung "Willemsens Woche" vorzubereiten hatten, weil er wieder mal den Leuten der Obdachlosenzeitung "Hinz & Kunzt", einer Schülerzeitung oder dem Mitgliedsblatt von Amnesty International stundenlange Interviews gab und darum die Zeit knapp wurde.

Er brachte, mit zuverlässigem Spott für alle Quotenberechner, Persönlichkeiten ins deutsche Fernsehen, wie sie danach nie wieder zu sehen waren. Wir hatten eine Ausgabe schon fast fertig gestaltet und vorbereitet, als er uns hocherfreut sagte, wir könnten alle wieder ausladen, unser einziger Gast sei Raoul Krauthausen, ein damals 17 Jahre alter Radiojournalist, der an der Glasknochenkrankheit leidet. Es wurde eine ganz besondere, sehr lustige Sendung, die auch das Interesse der Zuschauer weckte.

Ein Großteil der Gäste waren Ausländer, die gedolmetscht werden mussten, er bat aber auch facettenreiche, urdeutsche Persönlichkeiten wie Walter Kempowski, Berti Vogts oder Hans-Jochen Vogel auf die Bühne. Einmal war der bedeutende Dichter Robert Gernhardt zu Gast, daraufhin erkundigten sich sehr viele Zuschauer nach dessen Namen und Werk - sie entdeckten ihn erst über das Fernsehen.

Subversion trifft Varieté

Roger sah diese Arbeit als kunstvolle Mischung aus Varieté und subversiver politischer Tätigkeit, die den Vorteil hatte, im freudvollen Rahmen einer langen Party ausgeübt werden zu können. Er schätzte Luxus und die sinnlichen Seiten des Lebens, freute sich an Kunst und Musik, aber seine wahre Droge war die Arbeit.

Sein Pensum war atemberaubend, wobei er es gut verstand, sich von nervigen Themen abzuschirmen. Als wir einmal kurz vor der Aufzeichnung die Nachricht erhielten, dass sich der Regisseur der Sendung auf der Fahrt zum Studio das Bein gebrochen hat, bat Willemsen am Telefon: "Jetzt rufst du mich gleich noch mal an und sagst: Roger, wir haben das Problem gelöst."

Er ließ sich auch von Kritik nicht demotivieren, weil er sie sich gar nicht anhörte. Sein schärfster Kritiker war er selbst. Wenn er in der Sendung mal nicht in Form war, brauchte man es ihm nicht auch noch zu sagen.

Was es mit ihm nicht gab, waren graue, belanglose Arbeitstage. Jeder anwesende Mensch wurde mit Spitznamen neu getauft und binnen kürzester Zeit mit Anekdoten bedacht, in ein kunstfertiges Gespinst aus erlebten und erfundenen Geschichten eingebunden. Das war einfach wahnsinnig komisch und von unberechneter Großzügigkeit. Immer hatte sich etwas Ungeheuerliches ereignet, von dem wir ja noch keinen Schimmer hatten: Er hatte am Ende der Welt einen vergessenen Filmstar entdeckt oder hatte sich beinahe duelliert.

Er pflegte auch Feindschaft - stets gegen den Mainstream

Willemsen war umgeben von vielen Freunden, aber er pflegte, mit detektivischem Eifer, auch innige Feindschaften. Kaum etwas fand er so komisch wie die Nachricht, dass sich ein bis dato unauffälliger deutscher Schauspieler oder Moderator einen sogenannten Medienberater zugelegt habe. Und weil es dann auch regelmäßig schiefging, war das ein zuverlässiger Quell stets neuer Freude.

Aber wenn sich alle einig waren über diese oder jene schiefe Figur der öffentlichen Bühne, wenn man sich im juste milieu empörte über diesen oder jenen unfähigen Politiker, Fußballtrainer oder Schlagerfuzzi, überkam ihn eine große Milde: "Ist der nicht eigentlich ein großes Geschenk?"

Roger Willemsen war ein komplizierter Mann mit der Gabe zur ganz einfachen, großen Geste, etwa wenn er ein extrem hohes Honorar in einem Sekundenbruchteil ablehnte, weil die anfragende Firma an Rüstungsgeschäften beteiligt war oder wenn es galt, bei der Resozialisierung von Menschen zu helfen, die weniger Glück hatten als er.

Wenn er es im Büro mal zu doll trieb mit dem Entertainment, wenn er sich nicht mehr einkriegte und keine geregelte Arbeit mehr möglich war, alle nur noch genervt seinen Vornamen riefen, entschuldigte er sich manchmal mit seiner rheinischen Herkunft, warf ein langes Bein in die Luft und verteilte Luftküsse: "Ich kann einfach nicht aufhören, ich bin doch das ewige Funkemarieche!" Daher konnte er nur am Rosenmontag gehen.

Dieses lästernde, lüsterne, kiffende, krähende Genie ist unersetzlich. Wir werden ganz schön arbeiten, ja kämpfen müssen, um ohne ihn nicht in einer Republik von Spießern zu enden.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 162 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
-seltsam- 08.02.2016
1. zu früh!
zu jung! ein immer auch bübischer geist, den wir sehr vermissen werden.
kjartan75 08.02.2016
2. Beeindruckend
Ich fand seine Zeit bei Premiere mit 0137 wirklich beeindruckend. Zu einer Zeit, wo Daily Talks ganz groß in Mode waren mit Hans Meiser & Co. war das wirklich eine Wohltat. Das Hohe Haus ist ein ebenso bemerkenswertes Buch wie seine Reiseberichte. Leider wieder jemand, der viel viel viel zu früh gehen musste... Scheiß Krebs.
einfeinerherr 08.02.2016
3. Guter Artikel
sein Tod hat mich heute richtig geschockt! ich mochte ihn.
2623 08.02.2016
4.
ich habe ihn gemocht.
daikonx 08.02.2016
5.
Das tut mir wirklich sehr leid. Ich habe ihn sehr gerne gehört und gesehen, war er doch, und das ist meine subjektive Meinung, einer der klar(er) denkenden Zeitgenossen, die sich in der Öffentlichkeit die Ehre gegeben haben. Für mich sicherlich ein Verlust, und leider wieder einer von viel zu vielen, die der Krebs uns genommen hat. Wie er schon sagte: Der Sinn des Lebens besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Das hat er sicherlich getan.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.