Magisches von der Küste Auch Wunder brauchen Atempausen

Geister, Flüche und Proteste für ein Kino: Der Dramatiker Roland Schimmelpfennig setzt in seinem zweiten Roman "Die Sprache des Regens" auf die Verführungskraft des Erzählens.

Unwetter an der Nordseeküste
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Unwetter an der Nordseeküste

Von Björn Hayer


Im Nebel tut sich eine Stadt auf. Sie schwebt leicht über dem Meer. Einige sagen, sie sei weiß, andere nehmen sie als schwarz wahr. Es ist eine magische Atmosphäre, welche die Bewohner der Küste in Roland Schimmelpfennigs neuem Roman "Die Sprache des Regens" umgibt. Und auch wenn sie so manches trennt, eint sie ein unstillbares Begehren: das nach Geschichten.

Als eines Tages das örtliche Kino "Tornado" - ein Verschlag mit Klappstühlen und altem Projektor - geschlossen wird, gehen die Menschen daher mit lautem Protest auf die Straßen. Retten können die Demonstranten ihr Refugium der Fantasie nicht, die Mythen, die es an diesem Ort schon seit jeher gab, bleiben allerdings im Gedächtnis.

So führt uns der 1967 in Göttingen geborene Autor, vor allem bekannt durch seine Theaterstücke, immer tiefer in eine halbfantastische Zwischenwelt aus Illusion und Aberglauben. Des Nachts sind Gespenster nicht ungewöhnlich. Krankheiten werden als Folge von Flüchen betrachtet. Um eine komplexe Welt zu erklären, braucht es solcherlei Erzählungen oder Figuren wie einen "Alten", der mit Geistern in Verbindung treten kann.

Schimmelpfennig als "Mirakulist"

Wirklich nichts und niemand scheint von dem wundersamen Schleier dieser eigenartigen Topografie unberührt. Ein Arbeiter schafft mit dem Bau einer Leiter einen vermeintlichen Übergang zum Himmel und von einer ehemaligen Prostituierten Nadja heißt es etwa, "sie könne durch Wände gehen, sie könne fliegen. Es hieß, sie habe einmal alle Männer der Stadt verrückt gemacht."

Autor Schimmelpfennig
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Autor Schimmelpfennig

Wie zahlreiche seiner SchriftstellerkollegInnen verschiedener Generationen - von Dorothee Elmiger, über Daniel Kehlmann bis hin zu Botho Strauß - schreibt sich auch Roland Schimmelpfennig in den "Mirakulismus" der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ein. Statt auf Berechnung und schnöden Realismus setzt er auf Elemente des Wundersamen. Lakonisch ist sein Ton, episch und märchenhaft.

Besonders jene Passagen zeugen von Virtuosität, in denen eine Lehrerin ihren Schülern die Sagen von König Vadim von Reval und Riga näherbringt. Ausgezogen in die Welt, lernt er auf seiner 90.000 Meilen umspannenden Reise die Sprache des Eises, der Winde, Steine, Wuzeln, Ameisen und des Regens kennen.

Erzählerisches Fledderwerk

Herzrein und mit allen Mitteln literarischer Schönheit begibt sich Roland Schimmelpfennig auf die Suche nach den geheimnisvollen Linien, die Natur und Menschen wie auch die Gesellschaft zusammenhalten. Schade nur, dass er sich dabei nicht von alten Mustern löst. Wer sein Prosadebüt gelesen hat, wird wohl kaum eine Erneuerung in der Form feststellen.

Sein Roman "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts" funktioniert über eine ähnliche Vernetzungslogik wie "Die Sprache des Regens". Findet sich das verbindende Moment in seinem Erstling noch in einem herumstreunenden Wolf, der Episoden über Idealisten, Trinker, Mediziner und ausbruchsfreudige Jugendliche zusammenhält, erweisen sich nun äußerst komplizierte Verwandtschafts- und Beziehungsverhältnisse als Knotenpunkte.

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Roland Schimmelpfennig:
Die Sprache des Regens

S. Fischer Verlag; 320 Seiten; 22 Euro

Zur weiteren Verwirrung hier ein kurzer Schnelldurchlauf: Aus der Ehe zwischen Toni und der Lehrerin Maria, die einst noch als Anwältin die nunmehr legendäre Prostituierte vertrat, ging ihre Tochter Isabel hervor, welche mit Philipp liiert ist, der seinerseits mit den Töchtern von Mario und Ruth Kontakte pflegt. Bevor Maria wiederum Toni heiratete, entdeckte sie mit dem Polizisten Ramiel ihre erste Liebe, von dem sie sich, um noch weitere Relativsatzkonstruktionen zu gebrauchen, im Rahmen der Proteste wegen des geschlossenen Kinos entfremdete und der seinerseits einen Sohn namens Petja hat, der sich in eine Lehrerin verliebte, die sich nach einer Affäre mit einem verblichenen Sänger umbrachte und ihrerseits von einer Tochter von Ruth und Mario behandelt wurde.

Und jetzt, nach all den Relativsatzschleifen und Kreuz- und Querverbindungen: Denkpause, Atempause, Fazitpause. In einer derartig verworrenen Architektur muss sich der Leser förmlich verlaufen. Indem Schimmelpfennig zu viele Handlungsfäden auslegt, nimmt er seinem Text die nötige Dichte. Seine Sprache verführt und berührt zwar gleichermaßen. Sein erzählerisches Fledderwerk trägt jedoch selbst geisterhafte Züge: Es schimmert für die kurze Zeit einer Lektüre auf, um leider ebenso schnell wieder zu verschwinden.

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