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Buchpreis-Kandidat: Wolfsfieber oder die Suche nach dem Glück

Von Björn Hayer

Woher kommt er? Die Frage nach dem Wolf führt Menschen gedanklich zusammen, die sonst nichts verbindet Zur Großansicht
Corbis

Woher kommt er? Die Frage nach dem Wolf führt Menschen gedanklich zusammen, die sonst nichts verbindet

Einsamkeit auf weiter Flur: Roland Schimmelpfennigs lakonisches Romandebüt trifft ins Mark der spätmodernen Gesellschaft.

Alle wollen sie weg, sind auf der Suche nach einem besseren Leben. "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts", so der Titel des für den Leipziger Buchpreis nominierten Romandebüts von Roland Schimmelpfennig, liegt Aufbruchsstimmung in der Luft: Ein Pärchen entdeckt in einem leerstehenden Kiosk in Berlin seine Zukunft. Unterdessen begibt sich ein alter Mann auf seine letzte Reise in den Wald, den kurz darauf auch zwei Jugendliche auf der Flucht ins Nirgendwo durchqueren werden. Und als ein Unfall zur einer Vollsperrung der Autobahn führt, erblickt der Pole Tomasz den eigentlichen Protagonisten dieses Werkes: den Wolf, diese auratische und geheimnisvolle Gestalt aus einer anderen Welt, dieses archaische Wesen, das in der brandenburgischen Provinz bei Seelow zuletzt 1843 gesehen wurde.

Was hier noch wie eine Fata Morgana im Schneegestöber anmutet, erweist sich sodann als sensationelle Wahrheit. Ein Foto des Vierbeiners, der binnen weniger Tage die Hauptstadt erreichen wird, findet sich in den kommenden Tagen auf der Titelseite der Zeitung, wodurch ein regelrechtes Wolfsfieber ausbricht.

Die Frage, woher er kommt und wo er zu finden ist, führt die Menschen gedanklich zusammen, welche ansonsten nichts verbindet. Erzählt wird von einer Gegenwart ohne Gefüge, von einer Gesellschaft, die nicht mehr als die Summe der Einzelnen darstellt. Wir treffen auf schmierige Eckkneipenbesitzer, einen Trinker, dem zuhause die Decke auf den Kopf fällt und immer wieder gescheiterte Idealisten. Allen Illusionen beraubt, fragt sich ein Mediziner, wie viele Menschen er überhaupt geheilt habe und kommt letztlich zu dem Befund: "Er hatte niemandem wirklich geholfen. Er hatte nur die Zeit verschoben. Er hatte es aufgegeben, mehr zu wollen als das."

Autor Schimmelpfennig: Romandebüt eines Dramatikers Zur Großansicht
Heike Steinweg

Autor Schimmelpfennig: Romandebüt eines Dramatikers

Wie in seinen Theaterstücken, die seit seiner "Trilogie der Tiere" auch von einer besonderen Vorliebe für das Animale zeugen, zieht Schimmelpfennig auch in seinem Romanerstling alle Register der Montage. Obgleich der Leser in zahlreichen episodischen Miniaturen von einer Geschichte in die andere gerät und die Figuren scheinbar voneinander separiert wirken, zieht die Konstruktion dieses welthaltigen, literarischen Winterstücks immer wieder Querverweise.

Man folgt buchstäblich Fährten im Schnee und taucht in ein sich allmählich verdichtendes Netz ein, wie es etwa an Kehlmanns "Ruhm" erinnert. Der Alkoholiker gibt sich beispielsweise als der Vater des ausgerissenen Jungen zu erkennen, dessen mit ihm fortgegangene Freundin in einer Berliner Kaschemme einen Job findet, wo wiederum der Bruder des Vaters sein Bierchen trinken geht. Eine Masche greift in die nächste über.

Schimmelpfennigs minimalistische Lakonie schmerzt

Dass der 1967 geborene und derzeit meistgespielte Dramatiker auf deutschsprachigen Bühnen die vielen kurzen Begegnungen ins Leere laufen lässt, dass sich die Wege seiner Figuren schneiden, ohne dass sie zueinanderfinden, offenbart eine traurige Gesellschaftsdiagnose: Wir leben in kalten Zeiten, hoffnungslos und wintermüde.

Schimmelpfennigs minimalistische Lakonie schmerzt. Es ist eine gehäutete Sprache, die nichts mehr außer der bloßen Existenz preisgibt. Kalt und verloren. Sätze, wie sie uns an Agota Kristofs "Das große Heft" erinnern, legen sich wie Eiskristalle auf die Haut. "Sie wartete auf den Schulbus. Sie war sechzehn. Ihre Mutter hatte sie am Abend vorher zweimal mit der Faust ins Gesicht geschlagen." - die völlige Neutralität des Erzählers gegenüber dem Schicksal des ausgerissenen Mädchens gleicht einem kaum auszuhaltenden Gefrierzustand.

So bleibt Nomaden der ineinander verschlungenen Erzählfäden nur die Suche: Die Eltern der Jugendlichen reisen ihren Kindern nach Berlin nach, Charly, einer der neuen Besitzer des Kiosks, wird von der Idee getrieben, den Wolf zu finden. Dasselbe Ziel verfolgt eine Volontärin, die in dem Auftauchen des Tiers die Chance für eine große Story wittert.

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Und in der Tat ist er das Magnetzentrum dieser atmosphärisch gewaltigen Prosa. In ihm kulminieren Obsession, Aufbruch, Wildheit, und Einsamkeit. Als Spiegel ist er den Menschen nah und doch auf magische Weise entrückt. Ein wenig Zauber bleibt. Selbst in dieser perspektivlosen Welt.

Ohne politisch sein zu wollen, sagt dieses Buch vieles über eine Gesellschaft aus, die ihre Wünsche und Visionen aufgegeben und sich im Kleinklein verloren hat. Entstanden ist ein Reigen, dessen gnadenlose Zirkularität uns fesselt und erschüttert - ein mächtiger Text voller Wucht und Gegenwärtigkeit!

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1.
bronstin 25.02.2016
Die meisten Menschen, die den Wolf zurücksehnen wohnen bemerkenswerterweise in der Stadt, also da, wo er vermutlich zu allerletzt erscheinen wird. Die auf dem Lande sehen das meist eher mindestens mit sehr gemischten Gefühlen. Dieser Befund spricht Bände...
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