Roman "BUtterfield 8" Höllenfahrt mit Gloria

Seit dem Großen Gatsby gehören die Roaring Twenties zu Amerikas melancholischster Literaturkulisse. Der US-Autor John O'Hara hat der Ära ein weiteres Romandenkmal gesetzt - mit einer tragischen Schönen in der Hauptrolle.

Von Andreas Merkel


Man stelle sich vor, der große Gatsby würde am Ende nicht erschossen werden und mit dem Gesicht nach unten im eigenen Pool treiben, sondern hätte noch ein weiteres Jahrzehnt durchgehalten. Dann wäre er in einem noch viel korrupteren, vergnügungssüchtigeren New York der großen Depression und Prohibition gestrandet. So schlechtgelaunt verkatert, bösartig moralisch und nervös schlagfertig liest sich John O’Haras 1935 erschienener Großstadtroman "BUtterfield 8".

Autor O'Hara: "Er schrieb aufrichtig und gut"
AP

Autor O'Hara: "Er schrieb aufrichtig und gut"

Das Buch, benannt nach einem New Yorker Telefonbezirk, beeinflusst von Dos Passos' "Manhattan Transfer", singt den alten Schlager vom Ende der Roaring Twenties noch mal und wie für immer neu: das Scheitern der verkommenen Schönheit vom Lande im Sündenpfuhl der großen glitzernden, aber genauso heruntergekommenen Stadt.

Ausgehend von dem realen Fall einer im Juni 1931 auf Long Island angespülten Strandleiche hat O’Hara seinen Roman um das Society-Girl Gloria Wandrous aufgebaut, die, nachdem sie als Kind missbraucht wurde, schon früh zur Trinkerin und Gelegenheitshure absteigt. Dennoch (oder gerade deswegen?) verliebt sich der verheiratete Geschäftsmann Weston Ligget in sie.

Dass das nicht gutgehen kann, wird von der ersten Szene an klar: Gloria, die ihre Liebhaber genauso temporeich wechselt wie der Roman seine Perspektiven, erwacht im Familiendomizil ihres bürgerlich-bigotten Lovers und lässt erstmal den Nerzmantel der Gattin mitgehen. Was nur der Beginn ist für eine unheilvolle Odyssee durch die illegalen Bars und Nachtclubs von New York.

Knapp und cool

John O’Hara erzählt mit einer genialischen Ungeduld ein groß angelegtes Sozialpanorama, gekonnt heruntergebrochen vor allem auf knappe Dialoge. Dass der Autor ein versierter Kurzgeschichtenschreiber war, der mit zahlreichen Veröffentlichungen die berühmte Short Story im Gesellschaftsmagazin "New Yorker" gewissermaßen mitbegründete, merkt man sofort.

Bei der Beschreibung seiner Protagonisten gibt es kein großes Federlesen. O’Hara reichen ein paar gezielte Sätze, die immer da treffen, wo es am meisten weh tut. So heißt es über einen von Glorias Lovern nur: "Mit seinen von Natur aus guten Manieren und dem, was die Mädchen seinen trockenen Humor nannten, hatte er bei der zweiten Garde der Stanford-Mädchen so ziemlich die freie Auswahl."

Dabei hatte John O’Hara – irischer Abstammung, geboren 1905, gestorben 1970 – selbst so seine Schwierigkeiten mit der "zweiten Garde". Auf der einen Seite zählte er seit der Veröffentlichung seines Debütromans "Begegnung in Samarra" zu den Stars der New Yorker Literaturszene. Gemeinsam mit Größen wie Hemingway und Fitzgerald wird er der berühmten Lost Generation unter Amerikas Autoren zugerechnet.

Andererseits hatte er schon früh und vielleicht ein wenig zu gründlich seine Macke weg, als ihm die Elite-Uni Yale die Aufnahme verweigerte. Diese Demütigung wurde sein Lebensthema, so dass Hemingway einmal genervt aufgestöhnt haben soll: "Lasst uns alle zusammenlegen, damit wir O’Hara endlich nach Yale schicken können!"

Ablehnung und Auflehnung

Außerdem war er in vorbildlicher Übererfüllung des zeitgemäßen Autoren-Persönlichkeitsprofils ein jähzorniger Trinker, der sich selbst sofort den Nobelpreis zuerkannt hätte und allen Ernstes auf seinen Grabstein schreiben ließ: "Besser als jeder andere sprach er die Wahrheit aus über seine Zeit, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er schrieb aufrichtig und gut."

John O’Hara bringt also alles an Können und Komplexen mit sich, dass die Beschäftigung mit ihm auch heute noch mehr als lohnt. Dem Verlag C.H. Beck, der im letzten Jahr auch schon "Begegnung in Samarra" veröffentlicht hat, gebührt der Verdienst, diesen zeitgemäß spannenden Autor in Deutschland wieder herausgebracht zu haben.

Die neue Übersetzung stammt von Klaus Modick, der diesen schwierigen Job solide, aber ein wenig nüchtern hinbekommen hat ("dumped into despair" heißt bei ihm "geriet in Verzweiflung"). Dazu gibt es noch ein kluges, etwas klappentexterisches Kollegen-Nachwort von Richard Ford und die junge Liz Taylor in dem verhängnisvollen Nerzmantel auf dem Cover. Dass man das Ende ahnt, spielt keine Rolle.


John O’Hara: "BUtterfield 8". Roman. Aus dem Englischen von Klaus Modick. C.H. Beck Verlag, München 2008. 334 Seiten, 19,90 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.