Roman-Debüt Der erleuchtete Spätstarter

Ein Teufelskerl, der aus dem Nichts auf der Literaturlandkarte aufgetaucht ist: David Abbott ist 73 Jahre alt und sein Debüt "Die späte Ernte des Henry Cage" ist ein Prosawunderwerk über einen Werber, der Job, Enkel und Erinnerungen verliert.

Autor David Abbott: Ein Buch, das so ziemlich alles bietet, was wahre, wahrhaftige Literatur ausmacht
Matthew Abbott

Autor David Abbott: Ein Buch, das so ziemlich alles bietet, was wahre, wahrhaftige Literatur ausmacht


Der Pole Louis Begley debütierte 58-jährig als Erzähler in Form seines erschütternden und international vielgepriesenen Romans "Lügen in Zeiten des Krieges" - und tauschte anschließend erfolgreich seine Anwaltsexistenz gegen die des Romanschriftstellers ein. Und der Brite Charles Chadwick musste gar 72 werden, um seinen ziegelsteindicken Debütroman "Ein unauffälliger Mann", an dem er dreißig Jahre schrieb und fast verzweifelte, endlich gedruckt zu sehen.

Und nun also der 73-jährige Brite David Abbott, ein weiterer Spätstarter, gegen dessen furiosen ersten und soeben bei uns erschienenen Roman "Die späte Ernte des Henry Cage" das meiste dessen, was dieser Tage aus England oder den USA zu uns herüberkommt, ziemlich alt aussieht. Denn Abbott, der sich auf der Insel Wohlstand und Ansehen als Gründer diverser Werbefirmen schuf und heute als einer der bedeutendsten Werbefachmänner und Creative Directors in Großbritannien überhaupt gilt, legt mit seinem Roman ein Buch vor, das so ziemlich alles bietet, was wahre, wahrhaftige Literatur ausmacht: fein gezeichnete und bis in die tiefsten Tiefen ihres Wesens ausgelotete Figuren, die man, ist man ihnen einmal begegnet, nie mehr vergisst - gepaart mit einer anrührenden und gleichsam kitschfreien Geschichte, die aus der Mitte des Lebens selbst entsprungen zu sein scheint.

Das Innehalten eines Einzelgängers

Doch das Verblüffendste an diesem Roman über das Innehalten eines plötzlich schmerzhaft vom Schicksal gestreiften großen Einzelgängers ist seine Machart: nämlich die scheinbar anstrengungslose Kunstfertigkeit, mit der es Abbott, dieser scheinbar aus dem Nichts auf der britischen Literaturlandkarte auftauchende Teufelskerl, versteht, die leisen und eindringlichen Töne ebenso souverän zu handhaben wie die geschickt arrangierten und nur scheinbar jähen Tempiwechsel, die er seiner Geschichte des späten Glückssuchers Henry Cage da und dort verpasst.

So ist hier das 360-seitige Prosawunderwerk eines erleuchteten Spätstarters anzuzeigen, das wie lange kein Buch mehr zwischen Beklemmung und Befreiung, Ernst und Heiterkeit, Weisheit und kindlicher Lebenslust oszilliert und obendrein glänzend unterhält. Kurz: ein Glücksfall für uns Leser! Doch worum geht es?

Henry Cage, der lange und höchst erfolgreich einer nach ihm benannten, international tätigen Londoner Werbeagentur vorstand, findet sich von seinen nachrückenden Kollegen unsanft in den Vorruhestand geschickt, als ihn das Schicksal obendrein auf die für ihn schlimmstmögliche Weise streift. Denn als er auf einer Ausflugstour, zu der er mit seinem geliebten Enkel Hal aufbricht, den Jungen im Wagen an einer Tankstelle ein paar Sekunden aus den Augen lässt, ereignet sich das Undenkbare: ein folgenschweres Unglück, das Henrys Leben für immer verändert: "Henry war vielleicht ein paar Minuten in dem Laden gewesen. Tage später hatte er das wiederholt und die Zeit gemessen. Fünfzehn Sekunden. Das Ganze war blitzschnell gegangen. Spontan sprang der junge Mann in den Wagen und erschrak, als er den Jungen sah. Er brüllte ihn an, er solle aussteigen, und als der Junge die Beifahrertür öffnete, rutschte der junge Mann rüber, schubste ihn hart und zog die Tür zu, während der Junge hinausfiel. Dann fuhr er los." Doch was der polizeilich registrierte Junkie nicht bemerkte, war die Umstand, "dass der Fuß des Jungen sich in dem losen Sicherheitsgurt verfangen hatte. Der junge Mann hatte die Schreie des Jungen auf dem Vorplatz nicht gehört - der alte Motor war laut. Er hatte nicht bemerkt, dass er den Jungen mit achtzig Stundenkilometern über die Straße geschleift hatte."

"Es war ein Unfall, Dad - ein Unfall"

Und mit dem jähen Tod seines Enkels ist für Henry nichts mehr wie vorher: Das Verhältnis zu seinem Sohn Tom und dessen Frau Jane kippt aus der Balance, auch wenn sein Sohn später sagen wird: "Es war ein Unfall, Dad - ein Unfall!" Henrys Tage sind fortan geprägt und Trauer und Selbstvorwürfen, und er zieht sich mehr und mehr in sich zurück. Ein Unbekannter, der Henry in der Silvesternacht eine blutige Nase verpasst und ihn anschließend wochenlang systematisch terrorisiert, vermag ihn eine Zeitlang auf ungute Weise von seiner Trauer abzulenken. Und auch die kurze Affäre mit der jungen attraktiven Maude gewährt ihm eine Zeitlang Aufschub. Doch als ihn der Brief seiner unrettbar krebskranken Ex-Frau Nessa erreicht, die ihn bittet, in die USA zu kommen, weil sie ihn einmal sehen will, muss Henry sich dem Leben stellen - und David Abbotts von Peter Torberg großartig übersetzter weiser Roman hat seinen finsteren Höhepunkt erreicht.

David Abbott, 1938 in London geboren, erzählt in ungemein präzisen, lange nachklingenden Bildern und Sequenzen die Geschichte einer Selbstvergewisserung wider Willen, einer inneren leidvollen Revision. Dabei enthüllt er unerbittlich die verborgenen Leidenschaften und Ängste seines Helden, seine inneren Kämpfe und seine Abgründe. Doch "Die späte Ernte des Henry Cage" ist auch dies: ein Buch über den langsamen Verlust der Erinnerung und den Versuch, sie zu bewahren. Darin vor allem liegt seine unerhörte Wucht.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
sinta, 04.04.2011
1. .
Zitat von sysopEin Teufelskerl, der aus dem Nichts auf der Literaturlandkarte aufgetaucht ist: David Abbott ist 73 Jahre alt und sein Debüt "Die späte Rache des Henry Cage" ist ein Prosawunderwerk über einen Werber, der Job, Enkel und Erinnerungen verliert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,754505,00.html
Ich kenne das Buch nicht und es mag eventuell an der deutschen Übersetzung liegen, aber solche Sätze: Doch was der polizeilich registrierte Junkie nicht bemerkte ... schrecken mich immer ein wenig ab. Der Täter ist also nicht nur ein Junkie - nein, er ist auch noch polizeilich registriert. Wenn schon ein böser Junge, dann aber auch ein richtig böser Junge, oder wie ist das zu verstehen?
huw00 04.04.2011
2. Was denn jetzt?
Was denn jetzt, "späte Rache" oder "Späte Ernte"? Bitte um Korrektur...
ex_pat 04.04.2011
3.
Zitat von sintaIch kenne das Buch nicht und es mag eventuell an der deutschen Übersetzung liegen, aber solche Sätze: Doch was der polizeilich registrierte Junkie nicht bemerkte ... schrecken mich immer ein wenig ab. Der Täter ist also nicht nur ein Junkie - nein, er ist auch noch polizeilich registriert. Wenn schon ein böser Junge, dann aber auch ein richtig böser Junge, oder wie ist das zu verstehen?
Das ist so zu verstehen, daß in England Drogenabhängige die auf Methadon-Therapie sind in einer Datenbank registriert sind, um doppelte Verschreibungen der Ersatzdrogen zu vermeiden. Der Status eines "registrierten Abhängigen" berechtigt NICHT zu spezieller Behandlung der Sucht, aber er hat auch keine Einschränkung der Bürgerrechte ("civil liberties") zu Folge. Registrierte Abhängige sind genau das: registriert. Nicht böser als nicht registrierte auch. Die Implikation ist, das der Junkie des Romans schon einmal wegen Drogenmißbrauchs aufgefallen ist.
gloton7, 04.04.2011
4. Drogen und die Therapie
Zitat von sysopEin Teufelskerl, der aus dem Nichts auf der Literaturlandkarte aufgetaucht ist: David Abbott ist 73 Jahre alt und sein Debüt "Die späte Rache des Henry Cage" ist ein Prosawunderwerk über einen Werber, der Job, Enkel und Erinnerungen verliert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,754505,00.html
Zu diesem Thema erschien am 01.04.2011 ein anderes interessantes Buch. "Hinter der Maske des Clowns" von Conny Larsson. Conny ist ebenfalls Therapeut, deckt die sexuellen Vorlieben des Sai Baba auf und schreibt gerade über den Mörder von Olof Palme. Dieser wird von der schwedischen Polizei und Innenministerium seit 25 Jahren unter der Decke gehalten.http://oxid.connection.de/Buecher/Hinter-der-Maske-des-Clowns.html
sverris 04.04.2011
5. Junge nee
In dieser "Rezension" wird dermaßen viel gelobt, dass einem schlecht werden kann, in bald jedem 2 Satz. Und wie gelobt wird: "weiser Roman" argg. "unerhörte Wucht" lol. "Prosawunderwerk eines erleuchteten Spätstarters" wow. "ein Glücksfall für uns Leser!" uns alle? "die leisen und eindringlichen Töne ebenso souverän zu handhaben" langweilig. "gleichsam kitschfreien Geschichte" wieso gleichsam? "das so ziemlich alles bietet, was wahre, wahrhaftige Literatur ausmacht: fein gezeichnete und bis in die tiefsten Tiefen ihres Wesens ausgelotete Figuren, die man, ist man ihnen einmal begegnet, nie mehr vergisst - gepaart mit einer anrührenden und gleichsam kitschfreien Geschichte, die aus der Mitte des Lebens selbst entsprungen zu sein scheint." mir fällt nichts mehr ein.
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