Roman "Himmelsdiebe" Surrealisten und ihre Schoko-Brüste

Mit historischen Romanen wurde Peter Prange zum internationalen Bestsellerautor. Sein neues Buch "Himmelsdiebe" erzählt von der obsessiven Beziehung zweier Künstler, die nicht zufällig an Max Ernst und Leonora Carrington erinnern.

Roman "Himmelsdiebe": Historische Realität als Steinbruch für ein Künstlerleben
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Roman "Himmelsdiebe": Historische Realität als Steinbruch für ein Künstlerleben

Von Christiane von Korff


Zur Vorspeise gibt es tintengefärbten Sago-Kaviar in Bananenbrühe und als ersten Gang einen mit Austern gefüllten Hasen. Das ganze wird serviert von einer merkwürdig gekleideten Kellnerin: Weißes Häubchen, schwarzer Rock, weiße Bluse. In die sind zwei Löcher geschnitten, aus denen nackte, mit brauner Schokoladenkuvertüre bestrichenen Brüste hervor schauen.

Spätestens bei dieser Szene, die 1937 im Café de Flore in Paris spielt, ahnt man, dass es sich um den illustren Surrealistenkreis handeln muss, der sich um Max Ernst scharte. Doch im Roman "Himmelsdiebe" heißt der Künstler nicht Max Ernst, sondern Harry Winter und seine Muse, die Malerin Leonora Carrington, ist Laura Paddington.

Mit seinen historischen Romanen wie "Die Gottessucherin" stieg Peter Prange zum internationalen Bestsellerautoren auf. Seine Bücher sind in 24 Sprachen übersetzt. Auch diesmal greift der Autor Motive aus dem Leben real existierender Personen auf - sie gehören, so heißt es im Nachwort, zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Klarnamen der real existierenden Personen werden bewusst nicht genannt. Historische Realität dient dem Autoren nur als Steinbruch. Seine Geschichte ist, wie er betont, keine Tatsachen-Biografie, und "die im Roman dargestellten Handlungen und Konflikte sind zum großen Teil frei erfunden."

Was ist stärker: Imagination oder Realität?

In Spanien herrscht Bürgerkrieg, die Franco-Faschisten kämpfen gegen die Republikaner; in Deutschland sind die Nazis an der Macht und Max Ernst ist längst verfemter "entarteter" Künstler, als er 1938 mit seiner Geliebten in ein kleines Bauernhaus in einen abgelegenen Winkel Südfrankreichs zieht. Soweit die historisch verbürgten Fakten. Bei Prange, der schon mal mit seinem Sachbuch "Von Plato bis Pop" einen unterhaltsamen Ausflug in die abendländische Geistesgeschichte unternahm, warfen sie die philosophische Frage auf, was stärker ist: Imagination oder Realität? Kann man sich selbst erfinden, oder ist man von äußerlichen Zwängen determiniert?

So schildert Prange nicht nur eine obsessiv-symbiotische Beziehung, sondern gibt einen mitreißenden Einblick in das Leben zweier Künstler, die mit surrealistischen Visionen und kreativem Schaffen eine ganz eigene Welt entwerfen. Die findet allerdings mit Kriegsausbruch ein jähes Ende. Die Internierung von Harry als deutscher Feind in einem französischen Lager löst Wahnvorstellungen bei Laura aus.

Für die Liebe der beiden gibt es kein Happy End. Doch, so will es die dichterische Freiheit, siegt die Kunst über das Leben: In Gestalt ihres Werkes, das sie gemeinsam geschaffen haben. So romantisch wie diese Sicht der Dinge ist auch der Titel des Buches. Zu dem hat Prange seine türkische Frau inspiriert. Wenn man einen Augenblick besonderen Glücks erlebt hat, heißt es im Türkischen: "Diese Stunde haben wir dem Himmel gestohlen." Das haben die "Himmelsdiebe" mit ihrer künstlerischen Beute getan.



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