Roman-Meisterwerk "2666" Betörend schönes Schreckenspanorama

Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño starb 2003 an einer schweren Krankheit, er hinterlässt seinen 1100 Seiten starken Roman "2666". Voll mit mysteriösen Geschichten über Sex, Mord und Totschlag, ist das apokalyptische Gesellschafts-Kaleidoskop eines der gewaltigsten Bücher des Herbstes.

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Haben Dichter den besseren Sex und das geheimnisvollere, abenteuerlichere Leben? An solchen Rätseln haben die Leser von Roberto Bolaños Romanen zu nagen. Das war bereits in seinem hochgelobten, fabelhaften 500-Seiten-Buch "Die wilden Detektive" so, das in Deutschland 2002 erschien - und das ist nicht anders in dem fast 1100 Seiten starken Riesenwerk "2666". Man begegnet darin jeder Menge von eigenartigen, seltsam eifrigen Poeten. Männern (und selten auch Frauen), die Verse schmieden wie die Weltmeister, ihre Spuren verwischen wie Verbrecher oder Spione, vor allem aber im Bett eine Hingabe zeigen, die praktisch jedem Sexualpartner gleich serienweise Orgasmen beschert.

"Fortan vögelten sie jeden Tag", heißt es über ein zentrales Paar des Romans. Die Frau weint beim Sex, kommt zuverlässig "sechs oder sieben Mal hintereinander" und wirft "sich wild herum, die Beine über seinen knochigen Schultern". Der Mann aber, ein deutscher Dichter mit dem protzigen Künstlernamen Archimboldi, will keine Liebesschwüre hören, "er fand sie allesamt kitschig, und damals hatte er gerade dem Kitsch, der Sentimentalität, der Zärtelei, der Affektiertheit, dem Schwulst, dem Gekünstelten und dem Kindischen den Krieg erklärt."

So ähnlich verhielt es sich auch mit dem Schriftsteller Bolaño, der 1953 in Chile geboren wurde und 2003 in Spanien starb. Er war ein ziemlich schräger poetischer Narr: einerseits ein fanatischer Liebhaber der Dichtkunst, der kaum etwas so verabscheute wie schlechte Gedichte und diejenigen, die sie zusammengemurkst hatten; andererseits ein mitten im lustigen Späthippieleben wühlender wilder Gesell, der sich in Mexiko und Spanien jahrelang mit Gelegenheitsjobs als Lkw-Fahrer und Campingplatzwärter durchschlug.

Mordserie in drastischer Deutlichkeit

Mitte der 1980er Jahre ließ sich Bolaño in Blanes unweit von Barcelona nieder, und als er dort ein paar Jahre später Vater wurde und von einer nahezu unheilbaren Lebererkrankung erfuhr, fing er an, statt immer bloß Lyrik auch Erzählungen und Romane zu schreiben: um Geld zu verdienen, wie er gern betonte.

Der Roman "2666" ist Bolaños letztes Werk. Er schrieb das Buch, während er schon auf der Warteliste stand für eine Lebertransplantation, und er starb, bevor er die letzten Korrekturen abliefern konnte. Der Titel ist eine Kombination der Teufelszahl "666" mit dem gerade anbrechenden Jahrtausend, in dem das Buch aufgeschrieben wurde.

"2666" ist ein Sammelsurium von Geschichten, die zum Beispiel ums Jahr 2000 herum unter vier liebesdurstigen Literaturwissenschaftlern (eine Frau und drei Männer) spielen, unter Soldaten im Zweiten Weltkrieg in Russland und Polen und im zerbombten Nachkriegs-Köln - oder aber in den achtziger Jahren in einem spanischen Irrenhaus, wo ein paar geistesverwirrte Poeten auf einer Parkbank gemeinsam onanieren. Fast alle Storys des Romans führen allerdings in die mexikanische Stadt Santa Teresa, wo Hunderte von Frauen vergewaltigt, ermordet und übel zugerichtet werden.

Santa Teresa ist eine fiktive Version der berüchtigten mexikanischen Millionenstadt Ciudad Juarez, die gegenüber der texanischen Stadt El Paso am Ufer des Rio Bravo liegt: 600 Mädchen- und Frauenleichen hat man ganz real in und um die Stadt gefunden, seit 1993 dort eine nie ganz aufgeklärte Mordserie begann. "2666" schildert in drastischer Deutlichkeit mehr als 100 der Mordfälle.

Große Fabuliermaschine

Aber wozu das alles? Bolaños Buch ist eine Art wuselnd bewegtes Schreckenspanorama, in dem bizarre Schönheit und Mord und Totschlag sich so zwingend und logisch verbinden, wie es sonst nur in Träumen geschieht. Ständig fiebert man in diesem Buch darauf, worauf all die Handlungsfäden, die hier aufgenommen, ausgesponnen und brüsk wieder abgelegt werden, denn nun eigentlich hinauslaufen. Den Zauber von "2666" aber macht es aus, dass man als Leser nie gekränkt oder ermüdet abwinkt, obwohl kein Rätsel und keine Story dieses Romans je restlos aufgeklärt werden.

In der großen Fabuliermaschine des Roberto Bolaño gibt es keine Eindeutigkeiten und klare, entscheidende Wendungen, schließlich wisse jeder, "dass die Geschichte, diese mausgraue Hure, keine entscheidenden Momente kennt", heißt es einmal. Zu erhaschen gebe es allenfalls Wahrnehmungsschnipsel, "die einander an Monströsität überbieten."

Bolaño ist ein radikal postmoderner, dabei höchst unterhaltsamer Dichter. Den Blick auf die Welt und seine Figuren aber hat er den Gemälden jener flämischen Maler entlehnt, die vor vier Jahrhunderten das emsige, schöne, sinnlose Gewimmel der Menschen festhielten wie Pieter Brueghel der Ältere in seinen berühmten Darstellungen von Schlittschuhläufern und Feldarbeitern.

Über ein Brueghel-Bild sprach Bolaño einmal in einem Interview: "In einer Ecke stürzt Ikarus mit brennenden Flügeln ins Meer, während die Bauern einfach weiterarbeiten, die Hirten ihre Herde hüten und die Schiffe fahren. Niemand bemerkt, dass Ikarus ins Meer fällt und stirbt. Ich hatte das Glück, bei manchem Sturz und Fall sehr nahe dran zu sein, manchmal sogar Darsteller. Und dann hatte ich das Glück, zu überleben und mich entfernen zu können, um das Stück in Gänze zu betrachten."

Wie bei Pieter Brueghel ist auch bei Roberto Bolaño die Welt ein Ort der Verschleierung und der Ahnungslosigkeit, der Bosheit und der schönen Narretei: sündhaft, böse und zum Lachen wie der Bauchplatscher des Ikarus.


Roberto Bolaño: "2666": Roman, Hanser Verlag, München



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