Roman "Nur eine Ohrfeige" Rassen- und Klassenkampf in der Vorstadt

Harmonisch ist nur die Oberfläche: In "Nur eine Ohrfeige" befasst sich Christos Tsiolkas mit den Affären und Streitereien in einer Melbourner Vorstadt, die bald tiefe Gräben zwischen Einwanderern unterschiedlicher Ethnien aufreißen. In Australien wurde der Roman zum Bestseller.

Schriftsteller Christos Tsiolkas: Heiterer Autor unheiterer Bücher
Zoe Ali

Schriftsteller Christos Tsiolkas: Heiterer Autor unheiterer Bücher

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Hector und Aisha hatten eine ruhige Grillparty geplant. Keine steife Feier mit Cocktailkleidern und großem Dinner, sondern ein Stelldichein im Garten, bei dem Familie, Freunde und Arbeitskollegen die letzten Sommertage in Melbourne genießen. Und zuerst sieht es ganz danach aus, als würde daraus etwas werden. Die Gäste kommen rechtzeitig an, für genügend Essen ist gesorgt, man kommt ins Gespräch.

Doch lange hält die Harmonie in Christos Tsiolkas' Roman nicht. Unter der Oberfläche, das merkt der Leser sehr schnell, kochen die Gefühle. Hector hat eine Affäre mit der Schülerin Connie, die in Aishas Tierarztpraxis aushilft. Seine Mutter stichelt, weil er eine Inderin geheiratet hat. Und der Alkoholiker Gary legt sich mit den anderen Gästen an. Mit allen. Permanent.

Eine Ohrfeige zündet

Zugegeben: Die Figuren in Tsiolkas' Werk scheinen mit ihrem Hang zum Melodramatischen häufig einer TV-Soap entsprungen. Doch der Autor, der in früheren Jahren Drehbücher fürs Fernsehen schrieb, versucht, dieser Tendenz entgegenzuwirken. Er nimmt sich Zeit, um den Charakteren mehr Tiefe zu verleihen. Sein Beginn ist unzweifelhaft der beste Abschnitt des Buches: Unbarmherzig seziert er die australische Mittelschicht, eine Gesellschaft voller Heucheleien, Kränkungen, Beleidigungen. Ein Pulverfass.

Die Zündung erfolgt durch die titelgebende Ohrfeige. Das Opfer ist ein Dreijähriger mit Namen Hugo, der mit dem Cricket-Schläger auf einen älteren Jungen losgeht. Dessen Vater, Hectors Cousin Harry, schnappt sich "das missratene Balg" und holt aus: "Die Ohrfeige schallte durch den ganzen Garten. Als ginge ein Riss durch die Abenddämmerung."

Harrys Wutanfall bleibt nicht ungestraft: Hugos Eltern erstatten Anzeige wegen Kindesmisshandlung. Ein Schritt, der alle Beteiligten zwingt, Stellung zu beziehen. Brüche entstehen in den ehemals intakten Familienbanden. Plötzlich entwickeln sich ungeahnte Allianzen. Es geht um den Kampf zwischen "wogs" und "skips" - den Menschen mit dunkler Hautfärbung wie Harry und Hector, deren Eltern aus Griechenland stammen, und den weißen englischsprachigen Australiern. Aber auch um den Streit zwischen den neureichen Migranten und Hugos mittellosen Eltern.

Mosaik der australischen Gesellschaft

Aus acht Perspektiven schildert Tsiolkas, wie die Augenzeugen auf den Vorfall reagieren. Der Autor legt Wert auf Vielfalt, lässt vier Frauen und vier Männer zu Wort kommen. Auch sonst unterscheiden sich die Erzähler in Herkunft, sexueller Orientierung und Alter, das von 17 bis 69 Jahren reicht. Nicht immer steht dabei die Ohrfeige im Mittelpunkt - in einigen Passagen wird sie von anderen Themen an den Rand gedrängt. So geht es in der Geschichte von Hectors Vater Manolis um die Probleme des Älterwerdens sowie die Entfremdung von den eigenen Kindern. Der Abschnitt von Connie befasst sich wiederum stärker mit der Affäre zwischen dem Teenager und dem verheirateten Mann.

Trotz dieser unterschiedlichen Schwerpunkte gibt es einzelne Themenblöcke. Natürlich geht es um Erziehung, um Wertvorstellungen der konservativen sowie der liberalen Welt, die aufeinanderprallen. Doch ganz nebenbei entsteht auch ein Mosaik der multikulturellen Gesellschaft Australiens. Tsiolkas, selbst Sohn griechischer Einwanderer, stellt die Frage, wie ein Zusammenleben der verschiedenen Ethnien möglich ist. Seine Antwort wirkt zynisch: Statt Verständnis entsteht Frustration. Drogenkonsum, Untreue, häusliche Gewalt sind die Konstanten, die in verschieden starker Ausprägung in allen Erzählsträngen durchscheinen. Auch die derbe Sprache und die Tatsache, dass keine der Figuren sympathisch wirkt, verstören. Das alles macht die Lektüre schwer verdaulich - aber auch herausfordernd. Wohl auch deshalb wurde das Buch mit dem Commonwealth Writers Prize ausgezeichnet.

Bei allen Lobeshymnen: Eine Straffung hätte der Geschichte gut getan. Vor allem im mittleren Teil scheint Tsiolkas sich in seiner Erzählung zu verlieren. Umso erfreulicher ist, wie er die Stränge zu einem starken Finale zusammenlaufen lässt. Auch dort kommt es erneut zu einer Ohrfeige - doch diesmal ist sie mit einem Hoffnungsschimmer verbunden.

Der Roman wurde vom australischen Sender ABC1 verfilmt: "The Slap" ist eine achtteilige TV-Reihe aus dem Jahr 2011. Die Fernsehrechte wurden noch nicht nach Deutschland verkauft, als Import-DVD aus Australien und Großbritannien ist "The Slap" jedoch bereits erhältlich.



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WolfHai 05.03.2012
1. Nicht nur in Deutschland
Zitat von sysopZoe AliHarmonisch ist nur die Oberfläche: In "Nur eine Ohrfeige" befasst sich Christos Tsiolkas mit den Affären und Streitereien in einer Melbourner Vorstadt, die bald tiefe Gräben zwischen Einwanderern unterschiedlicher Ethnien aufreissen. In Australien wurde der Roman zum Bestseller. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,818698,00.html
Nicht nur in Deutschland gestaltet sich das Zusammenleben verschiedener Kulturen schwierig. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass es nicht daran liegt, dass einer der beteiligten Gruppen (oder beide) charakterlich böse oder schlecht ist, sondern dass das Zusammenleben eben schwierig ist. Vielleicht kann allein diese Erkenntnis die Diskussion etwas entspannen.
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