Roman "Only Revolutions" Sex, Musik und Raserei mal zwei

In "Only Revolutions" von Mark Z. Danielewski rast ein Liebespaar mit dem Auto quer durch die USA und die amerikanische Geschichte. Das Buch lässt sich von vorne und von hinten lesen und verursacht dabei wie ein Karussell schönen Schwindel und leichte Übelkeit.

US-Autor Mark Z. Danielewski: Starkes Interesse an Umdrehungen
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US-Autor Mark Z. Danielewski: Starkes Interesse an Umdrehungen

Von Oskar Piegsa


Am Anfang der Lektüre von Mark Z. Danielewskis "Only Revolutions" steht eine gewisse Orientierungslosigkeit. Denn dieses Buch sieht nicht aus, wie Bücher normalerweise aussehen. Beide Buchrücken sind wie Titelseiten gestaltet, es gibt zwei erste und zwei letzte Seiten, zudem zwei Erzähler - Hailey und Sam.

Als wäre das nicht genug, besteht jede Leserichtung aus zwei parallel gedruckten Erzählsträngen. Neben der Stimme von Hailey bzw. Sam, die rhythmisch, impulsiv und emotional erzählen, sammelt eine Randspalte unter einem fortlaufenden Datum von 1863 bis 2063 stichwortartig die wichtigsten Ereignisse des Jahres (ab 2006, dem Veröffentlichungsjahr der englischen Originalausgabe, bleibt diese Spalte leer). Auf jeder Seite dieses Buchs stehen also vier Texteinheiten, zwei davon über Kopf. Wo soll man anfangen?

Das Buch rotiert in den Händen

Es gibt in "Only Revolutions" kein Oben und Unten, auch das Hinten und Vorne ist hier relativ. Zwar ist jede Leserichtung fortlaufend nummeriert. Folgt man aber der Lektüreempfehlung des Verlags und wechselt nach jeweils acht Seiten zwischen Sam und Hailey, liest man abwechselnd vor und zurück. Permanent rotiert das Buch dann in den Händen. Es enthält nicht nur 360 Seiten, sondern - zuzüglich der Randspalten - auf jeder aufgeschlagenen Doppelseite genau 360 Wörter. Zudem ist jeder Buchstabe "O" farblich hervorgehoben.

Keine Frage: Mark Z. Danielewski interessiert sich für die 360 Grad, für Kreise und Rotationen. Sein Titel "Only Revolutions" verweist deshalb wohl kaum auf politische Umwälzungen oder revolutionäres Buchdesign, sondern eher auf die "revolutions per minute", die Umdrehungen pro Minute, in denen die Abspielgeschwindigkeit von Schallplatten bemessen wird. Wenn die eine Seite durchgelaufen ist, wendet man die Platte und spielt die andere ab - so ähnlich ist es bei diesem Buch. Alles dreht sich.

Auch die Erzählung ist von permanenter Rotation geprägt, denn das Liebespaar Sam und Hailey rast - unabhängig davon, wer gerade erzählt - mit einem Auto quer durch die Vereinigten Staaten und die amerikanische Geschichte. Ihr Gefährt und ihre Umgebung verwandeln sich stets gemäß der Jahresangabe in der Marginalspalte: 1933 fahren sie ein Hudson Model L, 1967 einen Firebird 400, 1994 einen Chrysler Concorde. In den zwanziger Jahren läuft auf ihren Zwischenstopps Ragtime, einige Seiten und Jahre später tanzen sie zu Swing-Jazz, in den späten Sechzigern hängen Hippies in der Bar rum, in der Hailey und Sam Halt machen, und in den frühen Neunzigern besuchen sie ein Grunge-Konzert.

Konstant bleibt nur, dass die beiden Erzähler für immer symbolische 16 Jahre alt sind - das Alter, in dem man in den Vereinigten Staaten den Führerschein machen darf und die sexuelle Mündigkeit erreicht. Sex ist neben Musik und Raserei ein wesentlicher Grund, warum die Erzähler permanent berauscht klingen. Bei Sam heißt es etwa: "Wir schoßsitzen alle aufeinander, alle nackt. Pimpere ihre Löckchen, während sie schwanzlutschend meinen preisgekrönten Pimmel schlucken, Rutengehen nach Rachenmandeln, Jungfernhäutchen und bebenden Schenkeln."

Inhalt, Form und Wirkung ergänzen sich hier perfekt: Wie ein Karussell verursacht "Only Revolutions" schönen Schwindel und leichte Übelkeit.

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