Islam-Punk-Roman "Taqwacore" "Scheiß auf euch, scheiß auf euch!"

Ein Roman über islamische Punks bringt das Unwohlsein amerikanischer Muslime auf eine knappe Formel: "Taqwacore" von Michael Muhammad Knight zeigt, wie rotzig moderne Religion sein kann - schwule Glaubenskämpfer inklusive.

Von Anne Haeming

Autor Michael Muhammad Knight: "Das Buch rettete meinen Glauben"
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Autor Michael Muhammad Knight: "Das Buch rettete meinen Glauben"


Als der Ingenieursstudent Yusef Ali seine Eltern anruft und verkündet, dass er ein Zimmer in einem Haus voller Muslime gefunden hat, sind die beglückt. "Das ist besser als das Studentenwohnheim", sagt sein Vater, "Dort herrschen nämlich sehr schlechte Sitten." Von wegen.

Yusef Ali ist in einem Haus voller Punks in Buffalo gelandet. Nicht irgendwelche Punks, nein. Islamische Punks. Hier klettert einer mit Iro aufs Dach und feuert auf seiner E-Gitarre wie ein Muezzin die Gebetsruf-Melodie ab, hier stolpert man im Haus über Pizzakartons, die als Gebetsteppich dienen. Und wer sich vor dem Gebet waschen möchte, dem bleibt mitunter nichts anderes übrig, als das in der Küchenspüle über leeren Bierflaschen zu tun.

Sie sind "Taqwacores": hardcore gottesfürchtig. Die rundum becircende Geschichte über jene Islam-Punk-WG in Buffalo ist zugleich der Initiationsroman einer erstaunlichen Musikgattung: Michael M. Knights Buch erschien schon 2004 in den USA, und offensichtlich traf es den Nerv einiger muslimischer US-Jugendlicher so genau, dass sich aus der fiktiven Musikszene eine reale Bewegung formierte. Jammerschade, dass es ganze acht Jahre dauerte, bis der Roman einen deutschen Verlag fand. Denn das Buch ist zwar etwas geschwätzig, typisch Studenten-WG eben, weitet aber den Horizont auf vergnügliche Weise.

Sexy Iggy-Pop-Cover im Nikab

Der amerikanische Autor, heute Mitte 30, war mit 17 zum Islam konvertiert - aus dem Katholiken Michael M. Knight wurde der Muslim Michael Muhammad Knight. Er reiste sogar nach Pakistan, um den Islam zu studieren, mittlerweile ist er an der Universität von North Carolina eingeschrieben, Forschungsinteresse "Islam als amerikanische Religion", "Neue religiöse Bewegungen". Er hat ja quasi auch selbst eine begründet.

Denn als Knight vor zehn Jahren anfing, die Geschichte um den Nerd Yusef Ali zu erfinden, der mit all den lässigen muslimischen Punks in einem verlotterten Haus abhängt, war er eigentlich vom Islam desillusioniert. Doch er sprach offenkundig für viele: Das auf Kopiergeräten vervielfältigte Werk wurde so lange herumgereicht, bis es einen Verlag fand; mittlerweile sind sogar eine Doku über die Punk Islam-Szene (Trailer auf Youtube) und eine Romanverfilmung (Trailer auf Youtube) entstanden; Knights achtes Buch erscheint jetzt im April auf Englisch.

Dass Knight mit diesem Kammerstück Erfolg hatte, liegt auch an seinen liebevoll gecasteten Charakteren: Da ist etwa das Riot-Girl Rabeya, die zwar stets komplett hinter ihrem Nikab versteckt bleibt, aber bei der nächtlichen Party die Wohnzimmerbühne stürmt und sexy Iggy-Pop-Cover ins Mikro haucht; da ist auch Muzzamil, der zusammen mit der Gruppe Queer Jihad von einer Moschee für Schwule träumt; sie sind tätowiert, lieben Johnny Cash, Tori Amos und Billy Bragg und fänden ein modernes Kalifat namens Kalifornien eine Spitzenidee.

"...und ihr habt Sperma in den Haaren"

"Die wichtigste Gemeinsamkeit besteht darin, dass der Islam, so wie der Punk, an sich ein Banner ist, ein offenes Symbol, das keine Dinge repräsentiert, sondern Ideen", heißt es konsequenterweise im Buch. Punks wie Taqwacores seien Außenseiter, sie wollen sich nicht an die vermeintliche Norm anpassen - weder an die Gesellschaft noch an den Islam.

"Taqwacore" formulierte vor zehn Jahren in den Nachwehen des 11. September also etwas, das jetzt in Zeiten von islamophoben Attentaten wie in Oslo vergangenen Sommer und der transnationalen Umstürze in der arabischen Welt den Kern trifft: "Die Leute sind so unentspannt und emotional, was Religion betrifft, und nehmen das alles so ernst", sagt Yusefs so dauerbetrunkener wie gläubiger Mitbewohner Jehangir einmal, "manchmal braucht man da einen Punk, der sagt: 'Scheiß auf euch, scheiß auf euch, scheiß auf euch und auf alles, wofür ihr steht, ihr seid so voller Scheiße und ihr habt Sperma in den Haaren'", denn: "Niemand sollte sich einbilden, er sei etwas besseres."

Beispiel für die durchschlagende Kraft des Punk Islam ist etwa die Band The Kominas, die sich nach Erscheinen des Romans gründete. Sie traten sogar schon bei der BBC auf und spielten im vergangenen Jahr für die Arabische Revolution mit einer Krawallversion von "Walk Like an Egyptian" zum "Tahrir Square Dance" auf (und maulen mittlerweile, dass sie immer nur mit dem Roman in Verbindung gebracht werden).

Doch Knights Roman steht für den Aha-Moment, den man möglichst vielen Menschen wünscht: "Den" Islam gibt es nicht. Es gibt so viele Arten, Muslim zu sein, wie es Kopftuchmoden auf der Istiklal Caddesi, der Haupteinkaufsstraße in Istanbul, gibt. Und dazu gehört eben auch, keins zu tragen. "Das Buch war meine Rettungsleine", sagte Michael Muhammad Knight einmal, "es rettete meinen Glauben".

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Miranda Julys "Es findet Dich", Mark Z. Danieleskis "Only Revolutions", Jennifer Egans "Der größere Teil der Welt", Anna Katharina Hahns "Am schwarzen Berg"und Jens Sparschuhs "Im Kasten".

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Zappa_forever 22.03.2012
1. Punk und Religion?
Zitat von sysopGetty ImagesEin Roman über islamische Punks bringt das Unwohlsein amerikanischer Muslime auf eine knappe Formel: "Taqwacore" von Michael Muhammad Knight zeigt, wie rotzig moderne Religion sein kann - schwule Glaubenskämpfer inklusive. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,822579,00.html
...passt irgendiwe zusammen wie der Teufel und das Weihwasser. Der Artikel liefert leider nicht genügend Hintergrundinformation diesen Spagat auch nur ansatzweise zu erklären. Durchgeknallt scheint das alles in jedem Fall zu sein. Schön wäre es, wenn sich daraua so etwas wie ein relaxter toleranter Islam entwickeln und etablieren könnte. Schön wärs.... Allerdings müsste man dem herkömmlich gläubigen Sunnit nur von "Yusefs so dauerbetrunkenen wie gläubigen Mitbewohner" erzählen und er wäre sich sicher, dass das keine Muslime sein können. Alk und Islam gehen nun mal noch weniger als Teufel und Weihwasser.
Karim H 22.03.2012
2.
Zitat von Zappa_forever...passt irgendiwe zusammen wie der Teufel und das Weihwasser. Der Artikel liefert leider nicht genügend Hintergrundinformation diesen Spagat auch nur ansatzweise zu erklären. Durchgeknallt scheint das alles in jedem Fall zu sein. Schön wäre es, wenn sich daraua so etwas wie ein relaxter toleranter Islam entwickeln und etablieren könnte. Schön wärs.... Allerdings müsste man dem herkömmlich gläubigen Sunnit nur von "Yusefs so dauerbetrunkenen wie gläubigen Mitbewohner" erzählen und er wäre sich sicher, dass das keine Muslime sein können. Alk und Islam gehen nun mal noch weniger als Teufel und Weihwasser.
Ich bin Sunnit und ich glaube das Alkohol schlecht ist, dennoch nehme ich mir nicht das recht jemanden der Alkohol trinkt als ungläubig zu bezeichnen. Ich denke zwar er begeht einen Fehler genauso wie ich andere Fehler begehe, Fehler jedoch führen nicht sofort zum Ausschluss aus dem Islam. Es ist doch immer wieder Interessant zu lesen was wir Sunniten bzw. Muslime angeblich glauben oder denken.
Celegorm 22.03.2012
3.
Zitat von Zappa_forever...passt irgendiwe zusammen wie der Teufel und das Weihwasser. Der Artikel liefert leider nicht genügend Hintergrundinformation diesen Spagat auch nur ansatzweise zu erklären. Durchgeknallt scheint das alles in jedem Fall zu sein. Schön wäre es, wenn sich daraua so etwas wie ein relaxter toleranter Islam entwickeln und etablieren könnte. Schön wärs.... Allerdings müsste man dem herkömmlich gläubigen Sunnit nur von "Yusefs so dauerbetrunkenen wie gläubigen Mitbewohner" erzählen und er wäre sich sicher, dass das keine Muslime sein können. Alk und Islam gehen nun mal noch weniger als Teufel und Weihwasser.
Wenn man Punk konsequent auf den Kern reduziert, dann trifft sichs wohl gerade an der Stelle: Zu tun, was einem gefällt, auch wenns jeder Logik widerspricht und alle vor den Kopf stösst. Gerade letzteres scheint zumindest gelungen, sorgt man damit ja überall für Irritation - nicht zuletzt auch bei selbsternannten Wächtern einer "Punkkultur". Das Ganze erinnert insofern an den vorsätzlichen Schwachsinn von den "Jesus Skins" und ähnlichen Borderline-Ideen. Sofern es sich zumindest selbst nicht ernst nimmt. Weshalb aber die Frage nach dem Hintergrund effektiv interessant wäre.
steffets 22.03.2012
4. Na sowas?
Zitat von sysopGetty ImagesEin Roman über islamische Punks bringt das Unwohlsein amerikanischer Muslime auf eine knappe Formel: "Taqwacore" von Michael Muhammad Knight zeigt, wie rotzig moderne Religion sein kann - schwule Glaubenskämpfer inklusive. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,822579,00.html
Ist das jetzt eine seltsame Blüte der proislamischen Imagekampagne? "Religion" und "modern" in einem Satz? Die einzig "moderne" Religion ist derzeit der Ökologismus, aber darum geht's hier ja wohl nicht.
Zappa_forever 22.03.2012
5. Nun ja...
Zitat von Karim HIch bin Sunnit und ich glaube das Alkohol schlecht ist, dennoch nehme ich mir nicht das recht jemanden der Alkohol trinkt als ungläubig zu bezeichnen. Ich denke zwar er begeht einen Fehler genauso wie ich andere Fehler begehe, Fehler jedoch führen nicht sofort zum Ausschluss aus dem Islam. Es ist doch immer wieder Interessant zu lesen was wir Sunniten bzw. Muslime angeblich glauben oder denken.
...lesen Sie einmal die Kommentare zu dem Trailer auf youtube.
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