Flüchtlingsroman Höllenfahrt ins Nichts

Die Macher des Megaerfolgs "Ziemlich beste Freunde" haben die französischen Kinocharts mit einer neuen Komödie gestürmt. Bei uns startet der Film erst im Februar, aber der zugehörige Roman ist schon da: das Flüchtlingsdrama "Samba für Frankreich".

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Samba Cissé ist stolz auf den Namen, den sein Vater ihm gegeben hat. "Ein Namen, der pfiff wie ein Windstoß". Aber seit Samba Cissé mit 19 Jahren in seinem bürgerkriegsversehrten Heimatland Mali aufgebrochen ist, seit er eine Wüste und ein Meer und vier Länder durchquert hat, um ins gelobte Land zu gelangen - nach Frankreich, seit zehn Jahren und fünf Monaten also, muss er seinen geliebten Namen immer wieder für sich behalten. Sonst kann er kein Geld verdienen, sonst kann er nicht putzen, nicht Müll sortieren, nicht als Hilfsarbeiter auf dem Bau schuften.

Samba Cissé muss immer wieder seine Identität wechseln, muss sich ausgeben als Lamouna Sow oder Modibo Diallo oder Jonas Bilombo, je nachdem wessen Aufenthaltsgenehmigung er gerade in die Finger bekommt. Denn Samba Cissé mag seit zehn Jahren und fünf Monaten in Paris leben, aber willkommen ist er dort bis heute nicht. Zumindest nicht offiziell. Denn ohne Menschen wie ihn, daran lässt der Roman "Samba für Frankreich" wenig Zweifel, würde das Wirtschaftsleben der blitzsauberen Hochglanz-Metropole zusammenbrechen.

Verfasst hat den Roman die französische Schriftstellerin und Filmregisseurin Delphine Coulin, die eine Zeit lang ehrenamtlich bei La Cimade gearbeitet hat, einem Flüchtlings-Hilfswerk. Die Geschichten, die sie dort gehört hat, hat sie in die Geschichte des Buches einfließen lassen. Es ist die Geschichte eines französischen Patrioten: eines Flüchtlings aus Mali, der Frankreich selbst dann noch liebt, als er mit Handschellen in Abschiebehaft sitzt.

Verfilmt mit Charlotte Gainsbourg

In Frankreich hat es der Roman zu einiger Berühmtheit gebracht, seit er von dem Regieduo Eric Toledano und Olivier Nakache verfilmt worden ist, den Machern des Megaerfolgs "Ziemlich beste Freunde". Der "ziemlich beste Freunde" Omar Sy spielt auch die Titelrolle des Samba. Seit Mitte Oktober, als der Film in die französischen Kinos gekommen ist, haben ihn mehr als 2,5 Millionen Zuschauer gesehen. In Deutschland startet er am 26. Februar unter dem Titel "Heute bin ich Samba".

Nach allem, was bislang aus Frankreich zu hören ist, haben die Filmemacher das Buch sehr stark bearbeitet: Aus der Höllenfahrt eines Flüchtlings, der erst mit Frontex-Grenzsoldaten kämpft, um danach mit rassistischen Arbeitgebern kämpfen zu dürfen, ist im Kern eine Liebesgeschichte geworden, eine sensible und humorvolle Komödie. Das Liebespaar bilden Samba und die weiße Burn-out-Patientin Alice, gespielt von Charlotte Gainsbourg. Im Roman gibt es diese Liaison nicht, im Roman verliebt Samba sich in eine Kongolesin namens Gracieuse, die ebenfalls als Flüchtling nach Paris gekommen ist.

Es ist eine Liebe, die unter keinem guten Stern steht, so wie fast nichts in diesem Roman. Er handelt von einem Helden, der eine harte Reise hinter sich hat - und den am Ende dieser harten Reise noch viel härtere Kämpfe erwarten. Sei es an den Mülltonnen der Supermärkte, an denen er sich mit anderen Abgehängten, Franzosen wie Flüchtlingen, um verdorbene Lebensmittel balgt. Oder sei es in Abschiebehaft, wo er mit ansehen muss, wie andere Flüchtlinge Tabletten schlucken oder Nägel oder Rasierklingen, um bloß nicht zurück zu müssen in ihre sogenannten Heimatländer.

Die Autorin Delphine Coulin hat einen politischen Roman geschrieben, genauer: einen parteiischen Roman. Einen, der auf der richtigen Seite steht: auf der Seite der Menschlichkeit. Er hat hohe emotionale Kraft, hohe literarische Qualität hat er eher nicht. Zu klischeehaft sind manche Sprachbilder, zu pathetisch manche Sätze, zu kitschig manche Szenen. Wobei eine solche Kritik natürlich reichlich kaltherzig daherkommt angesichts der realen Schicksale, die sich hinter dem Roman verbergen.

"Samba für Frankreich" ist ein Flüchtlingsrührstück. Man kann darüber die Augen verdrehen, als literarisch gebildeter Mensch, aber die Augen können einem auch feucht werden, als Mensch. Denn Geschichten wie die von Samba gibt es wirklich. Nicht nur in Frankreich, sondern mitten unter uns.

Und so ist "Samba für Frankreich" ein Stück engagierte Literatur, dem man viele Leser wünscht. Auch wenn es sicher noch wünschenswerter wäre, wenn sich viele Menschen engagierten statt zu lesen - und die 16,95 Euro an ein Flüchtlingshilfswerk überwiesen statt an einen Verlag.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
biesi2 10.12.2014
1. Definiere
Lieber Autor, definiere doch bitte einmal "literarisch gebildeter Mensch". Ansonsten weckt der Artikel durchaus Interesse für Buch und Film gleichermaßen.
humpalumpa 10.12.2014
2.
Interessanter Artikel, der Lust macht, das Buch zu lesen. Aber mal ehrlich lieber Autor: Paris ist blitzeblank ? Dann haben wir ein ziemlich unterschiedliches Verständnis von Reinlichkeit. Das ist so ziemlich die dreckigste Stadt Europas. Nur mal so.
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