Roman "Teil der Lösung" Herr Peltzers Gespür für Weh

Ulrich Peltzers neuer Roman ist ein kompaktes Psychogramm des Protests und des prekären Großstadtlebens. Heimlicher Held des Buchs: Berlin, dessen Zerrissenheit der Autor pointenreich schildert.

Von Andreas Merkel


"Entweder du bist Teil des Problems oder Teil der Lösung", sagte der RAF-Terrorist Holger Meins 1974. Er sagte auch, dass es dazwischen nichts gebe. An diese Parole hat der 1956 in Krefeld geborene, seit 1975 in Berlin lebende Autor Ulrich Peltzer nicht nur den Titel seines neuen Romans angelehnt, er hat die alte RAF-Kampfansage gleichsam von ihrem hinteren Ende her aufgerollt.

Sein Buch "Teil der Lösung" ist ein packender politischer Gegenwartsroman, eine präzis erzählte Liebesgeschichte zwischen NGO-Aktionismus und linksradikalem Terrorismus der siebziger Jahre. Es geht um die Geschichte von Nele und Christian, die im Berliner Jahrhundertsommer 2003 auf den typischen Umwegen über Freunde von Freunden zueinander finden.

Christian Eich, Mitte 30, freier Autor, arbeitet gerade an einem Roman. Er wohnt noch bei seiner Ex-Freundin auf dem Prenzlauer Berg und schlägt sich mit journalistischen Gelegenheitsjobs durch. Während Freunde an der Uni und in Unternehmen schon Erfolge feiern, sich aber, um in der Meinsschen Diktion zu bleiben, auch langsam als "Teil des Problems" fühlen, gehört Christian jenem akademischen Proletariat an, "das in Berlin ganze Stadtviertel besiedelt", wie der Klappentext diagnostiziert.

Die weibliche Hauptrolle, Nele Fridrich, ist 23, stammt aus Waren an der Müritz, wohnt in Kreuzberg und hat bereits ihre Magisterarbeit im Fach Literaturwissenschaft eingereicht. Sie engagiert sich bei einer zunehmend militanter werdenden Aktivistengruppe. Die Protestler sind gegen Überwachungskameras im Sony Center und Lafayette, gegen die globalisierte Markenwelt und gegen politische Gipfeltreffen.

Liebe ohne Bausparvertrag

Die beiden Protagonisten sind in Peltzers Roman treffend beschriebene Vertreter ihrer Milieus, laufen jedoch nie Gefahr, schablonenhaft zu wirken, die Geheimnisse und Eigenarten ihrer west- und ostdeutschen Provinz-Herkunft zu verlieren.

Der eigentliche (Anti-)Held des Romans aber ist das Berlin der Gegenwart, durch das sich die beiden Hauptfiguren gemeinsam mit einer Handvoll Nebencharakteren bewegen. In rasanten Erzählschnitten gelingt Peltzer ein Stadtporträt mit vielen Perspektiven und pointierten Berlin-Details.

Ohne zu romantisieren oder die Nöte einer prekären Existenz auszusparen, gelingt es Peltzer, den Reiz eines "unbehausten" Lebensgefühls, die Freiheiten einer künstlerischen Existenz und einer anti-bürgerlichen Liebe ohne Bausparvertrag darzustellen. Werte, für die man ursprünglich überhaupt erst in die große Stadt gezogen ist.

Repression als Existenzberechtigung

Vor diesem Hintergrund interessiert sich Christian für die Geschichte von italienischen Rotbrigadisten, die Ende der siebziger Jahre im Frankreich Mitterands in der Legalität bürgerlicher Berufe untertauchen konnten - um drei Jahrzehnte später unter Chirac nach Berlusconi-Italien ausgeliefert zu werden. Er bittet die - längst vom Staatsschutz observierte - Nele, ihm zu helfen, die einstigen Terroristen und heutigen Anwälte und Ärzte über Mittelsmänner im Pariser Untergrund für ein Interview zu treffen.

Peltzer gelingt es, das Thema Terrorismus gut recherchiert über 450 spannend zu lesende Seiten zu präsentieren. Dabei seziert er die Dialektik des Terrorkampfs, bei dem beide Seiten jene Geister schaffen, gegen die sie zu Felde ziehen.

Ulrich Peltzer, der für seinen 9/11-Roman "Bryant Park" 2003 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde, hält diesem Teufelskreis-Szenario seinen "Teil der Lösung" entgegen: konkrete Menschen in konkreten Situationen!


Ulrich Peltzer: Teil der Lösung, Ammann Verlag, 19,90 Euro



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