KZ-Arzt Mengele: Basteln an der Arier-Puppe

Von Johan Dehoust

Von Auschwitz nach Patagonien: Die argentinische Autorin Lucía Puenzo hat aus der Flucht Josef Mengeles einen Roman gemacht. In der Einöde stößt der KZ-Arzt auf verarmte Landbewohner - beim Anblick von Zwillingen entwickelt der Rassenmediziner Pläne von wahnwitziger Grausamkeit.

Auschwitz-Arzt Josef Mengele: Gesinnungsfreunde am Fuß der Anden Zur Großansicht
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Auschwitz-Arzt Josef Mengele: Gesinnungsfreunde am Fuß der Anden

Als Totengräber auf einem Friedhof bei São Paulo in den achtziger Jahren ein Skelett exhumierten, glaubten viele Menschen nicht, dass man hier tatsächlich auf das Grab von Josef Mengele gestoßen war. Zu oft hatten seine Verfolger schon gehofft, den in Südamerika untergetauchten KZ-Arzt gefasst zu haben. Jeder wollte ihn irgendwann irgendwo schon einmal gesehen haben.

Heute gilt als gesichert, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um den NS-Mediziner handelte. Jetzt hat die argentinische Schriftstellerin Lucía Puenzo aus den wahnwitzig vielen Legenden um Mengele und aus biografischen Tatsachen eine Geschichte destilliert - den Roman "Wakolda".

Wie kann man sich einem Fanatiker wie Mengele erzählerisch nähern? Lucía Puenzo, 36, sucht weder wild psychologisierend nach Erklärungen für Mengeles Taten, noch schlägt sie effekthascherisch mit dem Grusel-Vorschlaghammer um sich.

Gleich zu Beginn erfährt man von den Verbrechen des Mediziners im Konzentrationslager Auschwitz: Josef Mengele sterilisierte seine Zwangspatienten, schnitt ihre Bäuche bei lebendigem Leib auf oder spritzte ihnen weiße Farbe unter die Haut. Besonders beliebte Versuchsobjekte waren Kleinwüchsige und Zwillinge.

"Volk von Bastarden"

Sein abstruses Ziel war es, die Herrschaft der arischen Rasse medizinisch voranzutreiben. Als er deswegen nach Kriegsende verurteilt werden sollte, floh er, wie andere Nazis auch, nach Argentinien. Im Roman verlässt Mengele - er nennt sich nun José - etwa zehn Jahre später Buenos Aires. Das Risiko, in der Stadt von Verfolgern entdeckt zu werden, ist für ihn mittlerweile zu hoch.

Um die Einöde Patagoniens sicher zu durchqueren fährt José mit seinem Chevrolet hinter dem Citroën einer landeskundigen Familie hinterher. Und dann passiert, was Ausgangspunkt so zahlreicher Thriller ist: Ein Unwetter zieht auf. Und die Reisegruppe findet Schutz in einer abgelegenen Hütte armer Landbewohner. José sitzt am Rand der Behausung und fragt sich, wie dieses "Volk von Bastarden" über Jahrhunderte hinweg überleben konnte.

Der Arzt ist von seinen Reisebegleitern angewidert, aber zugleich auch fasziniert. Besonders die kleinwüchsige Tochter Lilith hat es ihm angetan. Das zwölf Jahre alte Mädchen weckt mit seinen körperlichen Einschränkungen sofort seinen Forschergeist. Ebenso die mit Zwillingen hochschwangere Mutter. Als die Kolonne in dem kleinen Skiort Bariloche angekommen ist, quartiert sich José deshalb nach wenigen Tagen in der Pension der Familie ein.

Empfänge und Jagdausflüge

Der Nazi-Doktor erscheint nun immer mehr wie eine Karikatur seiner selbst. Fast lacht man, wenn man liest, wie pedantisch er an der perfekten Arier-Puppe tüftelt. Klar, mit blonden Haaren und himmelblauen Knopfaugen. Aber dann zeichnet sich ab, dass der KZ-Arzt nicht vorhat, weiterhin nur an Porzellan-Puppen herumzudoktern. Ob Puppen oder Menschen, für José macht es gefühlsmäßig keinen Unterschied.

Puenzo nähert sich Josés Gedankenwelt über einen distanzierten, allwissenden Erzähler an. Sie will ihn nicht verständlich machen. Er bleibt stets ein Fanatiker. Auch versucht die Autorin nicht, das Leben des Arztes möglichst originalgetreu zu schildern. So gerät sie niemals in den Verdacht, nur weitere Mythen um die Flucht Mengeles spinnen zu wollen.

In ihrem großartigen dritten Roman stellt Puenzo auch die Frage, wie Mengele am Fuße der Anden derart ungestört leben konnte. Obwohl er sein Gedankengut offen auslebt, wird er zu Diners, Empfängen und Jagdausflügen eingeladen. Selten wurde Mengele und seinen Gesinnungsgenossen so eindrucksvoll nachgegangen wie in diesem Buch.

Zuletzt in SPIEGEL ONLINE rezensiert: Armin Krishnans "Gezielte Tötung" ,Tuvia Tenenboms "Allein unter Deutschen", 50 Cents "Playground", Teresa Präauers "Für den Herrscher aus Übersee", Howard Jacobsons "Liebesdienst", Richard Hughes "In Bedrängnis", Jörg Magenaus "Brüder unterm Sternenzelt"und Alexis Jennis "Die französische Kunst des Krieges".

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1. Basteln
gandhiforever 07.12.2012
Zitat von sysopDPAVon Auschwitz nach Patagonien: Die argentinische Autorin Lucía Puenzo hat aus der Flucht Josef Mengeles einen Roman gemacht. In der Einöde stößt der KZ-Arzt auf verarmte Landbewohner - beim Anblick von Zwillingen entwickelt der Rassenmediziner Pläne von wahnwitziger Grausamkeit. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/roman-ueber-kz-arzt-mengele-lucia-puenzos-wakolda-a-870014.html
In einem Roman geniesst der Autor dichterische Freiheit. Er kann Geschehnisse dramatisieren oder verharmlosen. Doch, da er ja auch daran interessiert ist, dass sein Roman gekauft und gelesen wird, wird er wohl eher darauf achten, dass sein Roman hohe Verkaufszahlen einfaehrt. Ich bin kein Freund von Science Fiction, schon gar nicht, wenn Verbrecher wie Mengele da zur Vorlage werden. Die Realitaet selbst ist schlimm genug, sie sollte als solche nicht veraendert werden .
2.
veleg 07.12.2012
Zitat von sysopDPAVon Auschwitz nach Patagonien: Die argentinische Autorin Lucía Puenzo hat aus der Flucht Josef Mengeles einen Roman gemacht. In der Einöde stößt der KZ-Arzt auf verarmte Landbewohner - beim Anblick von Zwillingen entwickelt der Rassenmediziner Pläne von wahnwitziger Grausamkeit. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/roman-ueber-kz-arzt-mengele-lucia-puenzos-wakolda-a-870014.html
"es ging mengele ja auch nur darum zwillinge zu qüalen, dass er für die großindustrie genexperimente mit chemopräperaten durch geführt hat und dafür menschen mit identischem genmaterial brauchte hat damit nichts zu tun. es war reine grausamkeit". ich finde wenn man schon über das böse schreibt sollte man die wahrheit erzählen und nicht die theorie vom gestörten einzeltäter.
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