Roman über Mutter Gottes Skandalöse Offenbarung

Die Geschichte der Heiligen Familie als Erzählung eines sexuellen Missbrauchs: Maria Elisabeth Straubs Roman "Das Geschenk" riskiert eine radikale Interpretation der Bibel. Protest ist programmiert.

Von Henryk M. Broder


Man muss sich schon sehr anstrengen, will man mit bloßem Auge erkennen, wo die Felder aufhören und der Himmel anfängt. Zur Nordsee sind es nur ein paar Kilometer, nach Dänemark kann man zu Fuß gehen, die Orte tragen Namen, als wären sie von Asterix und Obelix ins Grundbuch eingetragen worden: Klixbüll, Süderlügum, Uphusum, Ladelund.

Autorin Straub: "Realistischer Gegenentwurf"
Henryk M. Broder

Autorin Straub: "Realistischer Gegenentwurf"

Dort, wo Schleswig-Holstein am flachsten ist, lebt Maria Elisabeth Straub auf zwei Hektar Land, in einem Haus, das sie vor 20 Jahren als Ruine gekauft und Wand um Wand wieder aufgebaut hat. Im Garten wachsen Erdbeeren, rote Bete, Lauchzwiebeln und Kohlköpfe. Alles Übrige kauft Frau Straub im Supermarkt ein: "25 Kilometer hin und zurück."

Besucher müssen sich im Voraus anmelden und sind willkommen, wenn sie nicht zu lange bleiben. "Ich kann nicht arbeiten, wenn Leute im Haus sind." Und sie arbeitet täglich. Der große Garten, drei Katzen und ein Berner Sennerhund wollen versorgt sein, und seit im Diogenes-Programm für den Herbst 2006 ihr neues Buch "Das Geschenk" angekündigt wurde, das die Geschichte der Jungfrau Maria auf liebenswürdig radikale Art und Weise neu erzählt, kommen jeden Tag Interview-Anfragen, die sie meist höflich aber entschieden ablehnt.

Lebensschule statt Examen

Am wohlsten fühlt sich Maria Elisabeth Straub im Winter, wenn ihr Haus eingeschneit ist und nicht einmal der Postbote durchkommt, der die "Frankfurter Rundschau" bringt, Frau Straubs Nabelschnur zur Welt. In der zum Arbeitszimmer umgebauten Scheune steht auch ein Fernsehgerät, aber sie schaut selten fern, und wenn, dann nur die Öffentlich-Rechtlichen. "Eine Schüssel kommt mir nicht ans Haus, Plastik nicht hinein."

Vor 62 Jahren in Pinneberg geboren, gehört Maria Elisabeth Straub zu den Nachkriegskindern, die sich noch an "Hasenbrote" erinnern können. Bis heute fällt es ihr schwer, altes Brot wegzuwerfen, und wenn sie es doch tut, dann "mit schlechtem Gewissen". Dass es ihr gut geht, weil sie von ihrer Tätigkeit leben kann, findet sie alles andere als selbstverständlich: "Ich war eine faule Schülerin." Trotzdem machte sie das Abitur mit links, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Freiburg, Berlin, Hamburg und Braunschweig, "weil man damals möglichst oft die Uni wechseln sollte". Das Examen ließ sie sausen: "Das Leben kam mir dazwischen."

Sie bekam einen Job bei "Merian", 1970 machte sie sich als freie Schriftstellerin selbständig. Ihr erstes Buch hieß "Grönen Aal und rode Grütt" und war eine Zusammenstellung "nostalgischer Rezepte", die sie zum Teil gesammelt, zum Teil erfunden hatte. Es folgte "Dat du min Leevsten bist – verliebt, verlobt, verheiratet an der Waterkant" und "Rüschen und Granatentöpfe – von Lebensart und Sitte an der Waterkant".

Schreibtalent mit Folgen

Über ihre literarischen Anfänge geht Frau Straub lächelnd hinweg. Wenn man sie lange genug bittet, holt sie ihre Frühwerke aus dem Regal. "Es war eine gute Übung, wie man Bücher schreibt." Bald traute sie sich mehr zu. Sie schrieb zwei "Schicksalsgeschichten" und gab ihnen ausgefallene Titel: "Wer weiß, was im Oktober ist" und "Schenk dem Mond ein Kleid".

Straub-Roman "Das Geschenk": "Könnte so gewesen sein"

Straub-Roman "Das Geschenk": "Könnte so gewesen sein"

So war der weitere Weg programmiert. Maria Elisabeth Straub bekam den Auftrag, Drehbücher für "Uta", eine beliebte NDR-Vorabendserie, zu schreiben. "Uta" wiederum war das handwerkliche Sprungbrett in die "Lindenstraße". Dreizehn lange Jahre schrieb sie 250 Folgen rund um Mutter Beimer und ihre Nachbarn. "Die Arbeit war okay, unangenehm war nur, dass ich immer wieder nach Köln fahren musste."

In der "Lindenstraße" lernte sie die Münchener Autorin Martina Borger kennen; zusammen schrieben sie dann drei Romane, die bei Diogenes in Zürich erschienen sind. Wie Maj Sjöwall und Per Wahlöö haben auch Borger und Straub eine eigene Methode entwickelt: "Den Plot erarbeiten wir gemeinsam. Dann schreibt jede von uns 20 bis 30 Seiten, immer abwechselnd, mal sie, mal ich." Während die eine dichtet, hat die andere Zeit, sich um das Leben zu kümmern.

Unheilige Allianz

Und nun hat Frau Straub, die als kleines Mädchen Seiltänzerin werden wollte, wieder einen großen Schritt nach vorne getan. "Das Geschenk" ist ihr "erster historischer Roman", und nicht nur das, er spielt vor 2000 Jahren im Heiligen Land, die Hauptgestalten sind die Heilige Familie. Ein Jahr lang hat sich die Autorin frei genommen, das Neue und das Alte Testament gelesen und viele weitere Quellen studiert. "Ich wollte etwas über Maria schreiben, es gab nichts über sie, es war ein freier Acker zu meiner Verfügung." So konnte sie "ein Frauenschicksal erfinden". Eine junge Frau, die an einen viel älteren Mann verheiratet wird, den sie sich nicht ausgesucht hat. Sie und ihre Eltern haben es eilig, denn die junge Frau ist schwanger, aber nicht vom Heiligen Geist, sondern vom eigenen Vater. Der Bräutigam ahnt, dass ihm etwas unterschoben werden soll, aber er macht mit, denn er ist pleite und auf die Mitgift der Braut angewiesen.

"Es ist eine fiktive Geschichte vor einem authentischen Hintergrund", sagt Maria Elisabeth Straub. Um das Fiktive zu unterstreichen, hat sie ein paar Details erfunden, einen Baum und einen Vogel, die es nie gegeben hat. "Alles Übrige stimmt oder könnte so gewesen sein." Ohnehin sei die Bibel ein "großer Roman", ein Thriller voller Sex and Crime, Liebe und Hass, Gewalt und Rache. "Im Grunde leben und fühlen die Menschen heute nicht viel anders als vor 2000 Jahren."

Was aus der Vogelperspektive betrachtet sicher stimmt, in der Nahaufnahme aber so nicht hinhaut. Auch Frau Straub schaut mehrmals täglich bei Google vorbei und kann sich ein Leben ohne Internet und E-Mail nicht mehr vorstellen. Dennoch: Die Natur des Menschen scheint gegen den Fortschritt immun. "Ich habe den sexuellen Missbrauch nicht erfunden, er ist in Gottes Welt vorhanden." Dass die Menschen Dinge brauchen, "vor denen sie auf die Knie fallen können" und dass sie sich "daran halten, was ein Mann in einem Kleid sagt", das findet sie "seltsam und befremdlich". Dennoch glaubt sie an so etwas wie einen "Heiligen Geist", der aber nicht männlich sondern weiblich ist.

Geschichte einer starken Frau

"Beim Schreiben hatte ich manchmal das Gefühl, dass Maria mir das Buch in die Feder diktiert." Und sie rechnet fest mit Marias Hilfe, wenn konservative Buchhändler das Buch nicht mögen werden. Für den möglichen Fall, dass es zu Protesten kommen sollte, hat sich Frau Straub den fachlichen Beistand zweier Theologen der Universität Fribourg gesichert, die wie sie der Meinung sind, dass ihr Roman "ein realistischer Gegenentwurf" ist, "eine von mehreren Optionen, wie es gewesen sein könnte".

Dann müssen noch zwei weitere Hürden genommen werden: die Kritiker und die Leser. "Das Buch wird polarisieren", dessen ist sich Frau Straub sicher, aber anders als Mel Gibson oder Dan Brown, die biblische Stoffe skandalisierten, wollte sie nur "die Geschichte einer starken Frau" aufschreiben. "Das Ganze könnte auch 'Das Buch Maria' heißen."

Inzwischen ist Maria Elisabeth Straub wieder in der Jetztzeit angekommen und denkt über ihr nächstes Buch nach. Es soll ein Melodram werden - und in einem Fischladen in Nordfriesland spielen.


Marie Elisabeth Straub: "Das Geschenk" - Diogenes Verlag, Zürich 2006; 336 Seiten, 19.90 Euro



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