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Neuer Roman von Angelika Klüssendorf: April macht was sie will

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Neuer Roman von Angelika Klüssendorf: Die Träumerin Fotos
Corbis

Die Sprache ist schlicht und schnörkellos, der Inhalt aufwühlend: Angelika Klüssendorf hat eine Fortsetzung ihres Erfolgsromans "Das Mädchen" geschrieben. Es ist das Porträt einer Heldin, die mit sich selbst kämpft - und dank Kunst und Literatur den Kampf gewinnt.

Der Vater ein Suffkopp, die Mutter eine Sadistin: Das war das Schicksal des namenlosen Unterschichtsmädchens aus dem Osten Deutschlands, das Angelika Klüssendorf 2011 in einem Roman schilderte, der es bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Die Kritiker lobten Klüssendorfs knappe Prosa, ihren nüchternen, unsentimentalen Stil. Und stellten erstaunt fest, dass Klüssendorf die DDR zwar als Schauplatz ihrer Geschichte gewählt hatte, nicht aber als Thema. Ihr schien es um ein Schicksal zu gehen, das ebenso ort- wie zeitlos war.

"Das Mädchen" hieß der Pubertätsroman, ein Erfolgstitel, dem Klüssendorf nun den Adoleszenzroman "April" folgen lässt. Das neue Buch ist eine Fortsetzung, eindeutig, aber es kann durchaus auch als eigenständiges Werk bestehen, kann mit Genuss gelesen werden auch von denen, die "Das Mädchen" nicht kennen.

Zimmer bei einer spinnerten Seniorin

Wieder ist die Sprache schlicht und schnörkellos, der Inhalt aufwühlend. Wieder ist das Schicksal des Mädchens das Thema. Nur dass dieses Mädchen sich inzwischen selbst einen Namen gegeben hat: April, nach einem Song von Deep Purple. Und dass dieses Mädchen sich inzwischen weiterentwickelt hat, kaum noch Mädchen ist und fast schon junge Frau: April ist 18 und darf das Heim verlassen, in der DDR der späten siebziger Jahre. Die Jugendhilfe weist ihr ein Zimmer zur Untermiete bei Fräulein Jungnickel zu, einer spinnerten Seniorin, zudem eine Stelle als Bürohilfskraft im VEB Kombinat Starkstromanlagenbau Leipzig-Halle.

April ist eine Rebellin: Sie klaut und trägt am liebsten einen Nicki aus dem Westen, bedruckt mit einer USA-Flagge, und eine geflickte Levi's. April ist eine Trinkerin: Sie mag Wein und Schnaps und den Kräuterlikör Stonsdorfer, das Lieblingsgetränk ihres alkoholkranken Vaters. April ist eine Träumerin: Abends schreibt sie lange Briefe an fiktive Geliebte, in denen sie sich mal als Studentin vorstellt und mal als Schauspielerin. April ist eine Hochstaplerin: Sie erfindet Geschichten, um Aufmerksamkeit zu erringen, um interessant zu wirken, um gemocht zu werden. April ist eine einsame Seele: Als sie einmal systemkritische Literatur und Kunst in der Untergrundmappe "Anschlag" zusammenstellt und verteilt, scheint es ihr mehr darum zu gehen, Kontakte zu knüpfen, als darum, gegen das System zu protestieren. Und so ist bei ihr auch der Protest eine Form des Opportunismus, eben nur innerhalb einer bestimmten Szene.

April wanzt sich ran an Literaten, Künstler, Schauspieler. Da ist Sven, einst ein politischer Häftling, der Nickelbrille trägt und im Gefängnis Hunderte von Seiten gedichtet hat. Da ist Hans, der Choreografie studiert. Da ist Silvester, ein Kollege an ihrer neuen Arbeitsstätte, dem Museum für Völkerkunde, der später ein Theologiestudium beginnt. Da ist August, der in einer Punkband spielt. Da ist ein Journalist aus dem Westen. Da ist schließlich der Künstler Michael, den sie kennenlernt, nachdem sie selbst in den Westen ausgereist ist. Immer träumt sie davon, die Männer nicht mit ihrem Körper zu erobern, sondern mit ihren Worten.

Anleihen im realen Leben der Autorin

In vielen Passagen des Romans gibt es Parallelen zum Leben Klüssendorfs: Sie hat in Leipzig gelebt, bevor sie 1985 in den Westen übergesiedelt ist. Sie ist über Jahre hinweg in einem Heim aufgewachsen. Sie hat zeitweise im VEB Starkstromanlagenbau Leipzig-Halle gearbeitet, ebenso wie im Museum für Völkerkunde. Vom Honorar für ihr erstes West-Gedicht, erschienen 1982 in der Zeitschrift "Litfaß", kaufte sie sich im Intershop eine Levi's. Sie war Mitherausgeberin der handgefertigten Literaturzeitschrift "Anschläge". Sie war mit einem prominenten Journalisten liiert: dem heutigen "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. Wirklich bedeutend aber ist das nicht, bedeutend ist der Roman ganz für sich alleine, losgelöst von eventuellen Anleihen in der Realität.

Im einen Moment braucht April Menschen, Nähe, Liebe - und im anderen Moment kann sie sie nicht gebrauchen, nicht ertragen. Denn so sehr sie auch das Alleinesein fürchtet, noch mehr fürchtet sie die Abhängigkeit von anderen. Und so zeichnet Klüssendorf das Porträt einer Heldin, die mal zerbrechlich wirkt und mal zäh, einer Kämpferin mit sich selbst, die frei nach einer Bauernregel zu leben scheint: Die April, die April, die macht was sie will. Vor allem aber zeichnet sie das Porträt eines Unterschichtenkinds, das erwachsen wird mit Hilfe von Kunst und Literatur.

Sie sind ihr Rettungsanker.


Angelika Klüssendorf: April. Kiepenheuer & Witsch; 224 Seiten; 18,99 Euro.

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