Dystopisches Debüt Menschliches Chaos im digitalen Kosmos

In einer gar nicht so fernen Zukunft leben die Menschen unter ständiger Überwachung. Selbstbestimmung? Fehlanzeige. Julia von Lucadou denkt Georges Orwells Dystopie in ihrem Roman konsequent weiter.

Getty Images

Von Stephan Lohr


Schon gleich zu Beginn des Buches geht es dem Leser wie dem Publikum, das mit durch eine Prise Schaudern gewürzter Faszination den spektakulär wagemutigen Sturz der Hochhausspringerin verfolgt. Den Flug kopfüber vom Wolkenkratzer tief runter in die Straßenschlucht, "als ihr Körper plötzlich steil nach oben schießt, emporgehoben vom Flysuit , ausgelöst im letzten möglichen Moment, Sekundenbruchteile vor dem Aufprall..."

Riva heißt die "sakrale Superheldin", das Ebenbild einer perfekt schönen Frau. Ihre Geschichte erzählt dieser Roman, und die ihrer Schattenfrau. Denn Riva wird als Bewohnerin eines digital-transparenten, autoritär-fürsorglichen Stadtstaates beobachtet und kontrolliert, durch dutzende Kameraaugen und ebenso viele Mikrofone. So lernen wir auch Hitomi, die auf Riva als "Therapeutin" angesetzt ist, kennen.

Es gelingt der 36 Jahre alten Debütantin Julia von Lucadou, ihre Erfahrungen als Regieassistentin und Fernsehredakteurin ins strengere literarische Fach zu übertragen. Sie findet eine unaufgeregte Sprache für die zunehmenden Ungeheuerlichkeiten der digital gestützten Kontroll-Fürsorge, lässt ihre Leserinnen und Leser ahnen, welche Möglichkeiten die Technologien bergen, um sich in das innere Gefüge individueller und gesellschaftlicher Beziehungen einzuklinken.

Selbst die Überwacher werden überwacht

"Offen emotionale Reaktionen wie ein Lachen sind ein No-Go", lautet eine der Regeln für Therapiegespräche, die Hitomi verletzt. Immerhin hat sie einen Job für "PsySolutions". Davon profitiert Hitomi. Sie lebt in einem der inneren Distrikte, die sich erheblich von den Lebensmöglichkeiten in den "Peripherien" unterscheiden. Zur perfiden Perfektion des Überwachungsszenarios gehört eben auch, dass Rivas Schatten ihrerseits fürsorglich betreut, also kontrolliert wird. Dass etwa ihre Sexualkontakte vorgegeben, gecheckt und beobachtet werden...

Autorin Julia von Lucadou
Maria Ursprung

Autorin Julia von Lucadou

Aufgewachsen sind diese Menschen der Future Society nicht in einer Familie, sondern in Heimen, gelegentliche Kontakte zu den "Bioeltern" waren möglich, zuständig aber sind Childcare-Institute.

Doch Riva, die Heldin, stammt aus den Peripherien, hat Karriere gemacht, zählt zu den Weltbesten in ihrer Disziplin. Allein, sie hat die Lust, die Motivation verloren, verweigert Training und die Therapieangebote, die ihr Hitomi unterbreitet. Auch Rivas Partner, der Fotograf ihrer artistischen Lufttänze, kommt nicht mehr an sie heran. Er fürchtet sich vor dem Verlust der gemeinsam erworbenen Privilegien und ahnt die Konsequenz der "Relokalisierung" in die Peripherien.

Hitomi betreibt hohen psychologischen und technischen Aufwand, um wenigstens medial Riva zu erreichen, mit ihr zu kommunizieren. Zumal Hitomi selbst unter Druck steht. Rivas publikumswirksame Risikosprünge sind auch ein Investionsprojekt, hier erwartet man die Rückkehr des sich verweigernden Stars. Kontrolle und mediale Interventionen zeitigen kaum Erfolge, erst die Zuführung eines aparten jungen Mannes, namens Zarnee, der sich in der Luxuswohnung von Riva und Aston einmietet, löst Rivas Apathie.

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Julia von Lucadou:
Die Hochhausspringerin

Hanser Verlag; 288 Seiten; 19 Euro

Zarnee allerdings unterläuft seinen Auftrag subversiv. Er muss nur Akkus und Batterien aus seinen Tablets nehmen, um nicht mehr erreichbar zu sein. Außerdem verrät er Riva seinen Auftrag - und kündigt schließlich in einem oppositionellen Blog an, eine richtige Familie gründen zu wollen.

Es sind solche Moment der Empathie, die den Gegenentwurf zu der herrschenden technoiden Optimierung des Stadtstaates bedeuten. "Lassen Sie das Chaos zu!", sagt ein Mitarbeiter der Datenabteilung zu der ob ihrer "Ausschaltung" verzweifelten Hitomi, bevor er ihr illegal einige ihrer Accounts rekonstruiert.

Nachvollziehen und verstehen können wir die spannend inszenierten komplexen Netz- und Abhängigkeitsstrukturen, weil die Autorin unser längst alltägliches digitales Leben konsequent weiterdenkt und in ein geschlossenes System einmünden lässt.

Julia von Lucadous Science Fiction ist nah, enthält allseits bekannte Fakten, beschreibt verbreitetes User-Verhalten. Auf dem Hintergrund der von ihr mit gleißenden Bildern geschilderten Ästhetik des an Orwell gemahnenden Stadtstaates gewinnen die tragischen Momente direkter menschlicher Begegnungen die Dimension einer klugen Kritik.

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fräulein_w_aus_d 27.07.2018
1. Unser Alltag?
Meiner Meinung nach verschätzen sich die Intellektuellen, was "unseren" digitalen Alltag angeht. Den Leute, die wirklich für unseren Wohlstand arbeiten, auch körperlich, und in aller Welt, fehlt die Zeit und die Lust, sich mit dem ganzen Informations- und Datenmüll zu beschäftigen.
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