Roman "Woraus wir gemacht sind" Ein Schlaukopf haut rein

In Thomas Hettches neuem, für den Buchpreis nominierten Roman ist alles drin: Juden und Nazis, Sex und Crime, Geister und Teufel und jede Menge Zitate aus der alten und neuen Welt. Das ist der Stoff "Woraus wir gemacht sind".

Von Jan Brandt


Intellektuelle, die in eine für sie missliche Lage geraten, kommen meistens darin um, weil Survivaltraining während der Ausbildung nicht auf dem akademischen Lehrplan steht. Sie bieten zwar alles auf, was sie gelernt haben, aber Worte erweisen sich eben als wenig hilfreiche Werkzeuge im Kampf gegen die Natur – oder gewalttätige Idioten.

Autor Hettche: Postmoderne Detektivstory
Herlinde Koelbl

Autor Hettche: Postmoderne Detektivstory

Literarisch sind diese Verzweifelten sehr ergiebig: Ihr qualvoller Untergang ist immer für eine tragisch-komische Geschichte gut. In seinem neuen Roman „Woraus wir gemacht sind“ zeigt der Autor Thomas Hettche jedoch, dass es nicht zwangsläufig zur Katastrophe kommen muss und Intellektuelle durchaus fähig sind, mit aller Härte zurückzuschlagen.

Hettches Held heißt Niklas Kalf. Er ist eine fast durchsichtige Erscheinung und hilflos, was sein eigenes Leben angeht. Deshalb ist er Biograf geworden. Zurzeit arbeitet er an der Geschichte des jüdischen Emigranten Eugen Meerkaz, der vor den Nazis in die USA geflohen ist und dort bis zu seinem Tod als Physiker für das California Institute Of Technology gearbeitet hat. Anfang September 2002 reist Kalf zusammen mit seiner schwangeren Freundin Liz nach New York, um im Goethe House ein Kapitel aus dem Typoskript zu lesen. Doch als er am Morgen des 12. Septembers aufwacht, ist Liz verschwunden. Und während im Fernsehen George W. Bush die Vereinten Nationen auf den Irak-Krieg vorbereitet, teilt ihm eine Frau namens Venus Smith am Telefon mit, dass sie Liz entführt habe.

Alles, was Kalf tun muss, um seine Frau zu retten, ist, das Geheimnis um Eugen Meerkaz zu lüften. Kalf macht sich auf die Suche, verfolgt die einzige Spur, die er hat, und landet im amerikanischen Niemandsland, in Marfa an der texanisch-mexikanischen Grenze. Ein Ort mit 2000 Einwohnern, "ohne Anfang und ohne erkennbare Gestalt, wie es sie in Europa nicht gibt", benannt nach einer Magd aus Fjodor Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow", ein Kaff, in das sich Touristen nur wegen der Skulpturen von Donald Judd oder der Ruinen eines Gefangenenlagers für deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg verirren.

Anstatt wie ein Wahnsinniger zu recherchieren, beginnt er mit der "Entzifferung des Vertrauten": mit dem Abgleich zwischen dem, was er vor sich sieht, und dem, was er aus Film und Fernsehen kennt. Es ist eine Suche nach dem, woraus wir gemacht sind: aus Amerika und unserer Vorstellung davon. Und obwohl die Bilder "der Fernsehsehnsuchtswelt seiner Kindheit" mit den Beobachtungen vor Ort übereinstimmen, bleibt ein Gefühl der Fremdheit.

Amerika lieben und hassen

Wie schon in seinem Bestseller "Der Fall Arbogast" spielt Thomas Hettche hier souverän mit dem Genre der Kriminalliteratur und entwirft ultrarealistisch und zugleich hochgradig fiktional eine Art Meta-Pulp voller Anspielungen und Querverweise. Und wie in Paul Austers "New York Trilogy" dient die Detektivstory nur dazu, existenzielle Fragen wie die nach der eigenen Identität zu behandeln. Hettche zwingt seinem Helden eine hanebüchene Geschichte auf und seinen Lesern, sich mit all den inter- und extratextuellen Verwicklungen und Verzweigungen derselben auseinanderzusetzen, um den Riss nachvollziehbar zu machen, der seit dem Anschlag auf das Pentagon und das World Trade Center zwischen den USA und Europa entstanden ist.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte der 41-jährige Thomas Hettche zusammen mit drei weiteren Autoren in der Wochenzeitung "Die Zeit" unter dem Titel "Was soll der Roman?" ein Manifest für einen so genannten "relevanten Realismus". Obwohl es darin weniger um eine zukunftsweisende und konkret formulierte Poetik geht, sondern vielmehr um eine Neupositionierung einiger 40- bis 50-jähriger Schriftsteller im Literaturbetrieb, wird mit "Woraus wir gemacht sind" erstmals anschaulich, was mit diesem relevanten, inszenierten Realismus gemeint sein könnte – und was es ist: nichts Neues nämlich, nur eine Variation der Postmoderne.

Der Diskurs-DJ Hettche mischt moderne mit antiken Mythen und legt eigene und fremde Texte auf. Er zitiert seine Erzählessays "Wiener Topographie" und "Daphne Abdela" – über den realen Fall einer jungen New Yorker Mörderin –, die "New York Times", den englischen Okkultisten Aleister Crowley und den daoistischen Philosophen Dschuang Dsi.

Und im satanischen Kapitel "Who’s who?", dem Höhepunkt des Buches, verbindet er Mutationen von Robert de Niro und Henry Fonda mit der Erkenntnistheorie Thomas Hobbes’ und den Aussagen des neokonservativen Politikberaters Robert Kagan: "Wir sollten nicht länger so tun, als hätten Europäer und Amerikaner die gleiche Weltsicht oder als würden sie auch nur in der gleichen Welt leben." Und darum geht es. Um diese Differenz. Und Ambivalenz. Darum, Amerika zu lieben und zu hassen. Deshalb wechseln die Dialoge ständig vom Englischen ins Deutsche und wieder zurück. Und deshalb werden alle Klischees aufgefahren und gleich wieder durchbrochen.

Showdown in Los Angeles

"Woraus wir gemacht sind" ist ein Roman mit einem massiven intellektuellen und popkulturellen Überbau, ein Code, der ohne wissenschaftlichen Apparat, ohne den Verweis auf Sekundärliteratur und die cineastischen Vorbilder für die Figuren und deren Aussagen nicht vollständig zu entschlüsseln ist und Germanisten, die noch nicht wissen, welches Thema ihre Doktorarbeit haben könnte, viele mögliche Titel liefert: "Böse Philosophen – Zu den Teufelsgestalten bei Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann und Thomas Hettche", "Das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in deutschen Romanen der Jahrtausendwende am Beispiel von ‚Esra’, ‚Leyla’ und ‚Woraus wir gemacht sind’" und "Die Weiblichkeit als männliche Projektionsfläche – Funktionen von Hettches Frauenfiguren für die Entwicklung seiner Helden".

Hettche hat darüber hinaus einen raffinierten Thriller geschrieben, der sich, wenn man will, als nichts anderes lesen lässt. Wobei dann allerdings der ganze Witz, den er mit großem Eifer zu entfalten versucht, ins Leere geht. Woraus wir gemacht sind, ist zu einem nicht geringen Teil Fiktion. „Woraus wir gemacht sind“, auch. Und zwar eine ziemlich gute – und ernste, leider oft anstrengend ernste und überambitionierte. Besonders dann, wenn Hettche das Leitmotiv vom Untergang des römischen Imperiums herunterbetet wie ein Mantra und die europäische humanistische Bildung bei jeder Gelegenheit gegen den US-amerikanischen Trash in Stellung bringt.

Und doch ist es ein wichtiges Buch, eines, das zu Recht für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert ist, weil es subtil und sprachlich ausgefeilt von einer Zeitenwende erzählt, von verlorenengegangenen Gewissheiten und einer an ihrem Hochmut zugrunde gehenden Welt. Ein Thesen- und Entwicklungsroman: Kalf, der in der texanischen Provinz seinen Auftrag und sich selbst beinah aus den Augen verliert, rafft sich schließlich auf, das Rätsel um Eugen Meerkaz zu lösen. Am Ende, nach einer Schießerei in einer Goldgräbergeisterstadt und einem grandiosen Showdown in einem Kino in L.A., ist er das, was er sich immer gewünscht hat zu sein: ein Held. Und es ist ein großer Verlust für die deutsche Literatur, dass einer wie er, der zum Serienhelden taugt, schon nach einem gelösten Fall wieder von der Bildfläche verschwindet.


Thomas Hettche: "Woraus wir gemacht sind", 320 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 19,90 Euro.



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