Roman "Wovon wir träumten" Obstpflücker statt Seidenhändler

Bitte umdrehen, Herr Kapitän! Julie Otsuka schreibt über japanische Frauen, die in den zwanziger Jahren auf ein besseres Leben in den USA hoffen - und schon bei der Einfahrt in den Hafen enttäuscht werden.

Autorin Julie Otsuka beschreibt das Schicksal japanischer Frauen mit einen mächtigen, orakelhaften Chor, der einen in seinen Bann schlägt und nicht mehr loslässt
Robert Bessoir

Autorin Julie Otsuka beschreibt das Schicksal japanischer Frauen mit einen mächtigen, orakelhaften Chor, der einen in seinen Bann schlägt und nicht mehr loslässt

Von Johan Dehoust


Es ist ein Wunder, dass man nicht nach wenigen Seiten düselig wird. Hätte die Schriftstellerin Julie Otsuka ihren Roman "Wovon wir träumten" vorab in einem Volkshochschulkurs für Kreatives Schreiben vorstellen müssen, dann hätten die anderen Kursteilnehmer ganz sicher die Hände über ihren Köpfen zusammengeschlagen. Nein, Julie Otsuka wäre nicht imstande gewesen, ihren Plot zu einem X-macht-Y-weil-Z-Satz herunterzubrechen. Und niemand wäre das - weil es in dieser Geschichte nicht ein einzelnes X gibt, sondern Hunderte. Die US-amerikanische Schriftstellerin stellt auf einer einzigen Seite ihres Buchs so viele Protagonistinnen vor, dass jedem schwindelig wird. Auf Seite 131 allein tauchen zum Beispiel diese Namen auf: Asayo. Yasuko. Maysayo. Hanako. Matsuko. Shiki. Mitsuyo. Nobuye. Tora. Schiko.

Denn Julie Otsuka, 50, will kein Einzelschicksal schildern; sie erzählt die Geschichten der vielen jungen Japanerinnen, die um 1920 ihre Heimat verließen, um in Kalifornien japanische Einwanderer zu heiraten. Voller Hoffnung auf ein besseres Leben. Während der Überfahrt über den Ozean klammern sich die Frauen an Fotos, die ihnen die Heiratsvermittler zuvor übergeben hatten, sie zeigen ihre zukünftigen Ehemänner: "Es waren gutaussehende junge Männer mit dunklen Augen und vollem Haar und glatter, makelloser Haut." In ihren Kojen träumen die Frauen nachts von "endlosen Stoffrollen mit Indigoseide", von Abenden vor dem offenen Kamin, von Vorgärten, in denen sie Tulpen pflanzen würden. Und sie fragen sich tagsüber, wie dieses fremde Land tatsächlich aussehen wird. Haben die Amerikaner alle Haare auf der Brust? Tanzen Frauen und Männer nächtelang Wange an Wange? Ziehen noch immer wilde Indianerstämme durch die Prärie?

Ein mächtiger, orakelhafter Chor

Doch schon als sie in den Hafen einfahren, werden sie bitter enttäuscht: Am Pier warten nicht die schnuckeligen Boys von ihren Fotos, sondern eine Meute mit "Wollmützen und schäbigen schwarzen Mänteln". Obstpflücker statt Seidenhändler. Am liebsten würden sie den Kapitän sofort zur Umkehr bewegen. Aber dafür ist es zu spät. Den Frauen steht ein Leben bevor, in dem ihr erstes englisches Wort "Wasser" sein wird, damit sie danach rufen können, wenn sie auf dem Acker zu verdursten glauben. In dem sie Kinder gebären werden, die sich von ihren buddhistischen Bräuchen abwenden und lieber Baseball spielen. Und in dem sie mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges für Dinge verantwortlich gemacht werden, von denen sie gar nichts verstehen.

Julie Otsuka stützt sich auf echte Schicksale, im Nachwort des Romans listet sie akribisch die historischen Quellen auf, auf die sie zurückgegriffen hat. Und nach ihrer Recherche scheint sie entgegen aller Erzählprinzipien beschlossen zu haben, so viele Figuren auftauchen zu lassen wie möglich. Dass man ihr Buch deshalb nicht völlig verwirrt über die Bettkante wirft, liegt neben Otsukas einzigartiger Sprache vor allem an der Perspektive: Die jungen Frauen sprechen in der Wir-Form, wie ein mächtiger, orakelhafter Chor, der einen in seinen Bann schlägt und nicht mehr loslässt.

Ein Satz, eine Geschichte

Obwohl Otsuka, die selbst japanische Vorfahren hat, so wahnsinnig viele unterschiedliche Personen zum Leben erweckt, beginnen viele ihrer Sätze genau gleich. Einige Kapitel sind wie Mantras, dem buddhistischen Ursprung der jungen Frauen entsprechend. Im Kapitel "Erste Nacht" beginnt über vier Seiten nahezu jeder Satz mit den Worten "sie nahmen uns", im Kapitel "Babys" leitet sie in einer längeren Passage jeden Satz mit "wir gebaren" ein. Dass einem dabei nach einer Weile nicht der Kopf dröhnt, liegt an der großartigen Art, wie Julie Otsuka ihre Sätze fortführt - denn sie hat die wundervolle Gabe, in einem einzigen Satz eine ganze Geschichte zu entfalten. Dieses Buch ist so raffiniert, dass sich ein gesammelter Kurs möchtegernkreativer Schreiber ein ganzes Semester lang daran abarbeiten könnte. Aber am Besten liest man es einfach, und genießt.

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Seite 1
GoBenn 13.08.2012
1.
"Doch schon als sie in den Hafen einfahren, werden sie bitter enttäuscht..." Das ist aber sehr verniedlichend. Zeitgenössische Berichte sprechen von ungeheuren Brutalitäten, die bei der "Brautübergabe" stattfanden.
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