"Zwischenspiel" von Monika Maron Ost-Berlin spürt eines Morgens eine Lähmung

Leichthändig, aber nicht leichtgewichtig: Monika Maron stellt in ihrem neuen Roman "Zwischenspiel" die Frage nach Schuld und Verantwortung - und beantwortet sie mit Lebensklugkeit und Humor.

Von Christoph Schröder

DDR-Führung 1989: Totentanz mit Erich Honecker
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DDR-Führung 1989: Totentanz mit Erich Honecker


Und dann auch noch die! Die Gestalt nähert sich langsam aus dem Ungefähren des verwischten Blicks, "eine neuerliche optische Täuschung", denkt sich Ruth, sie muss lachen, aber die Frau mit den blauen Haaren sagt unmissverständlich: "Ich sehe nicht aus wie, ich bin Margot Honecker." Und von hinten kommt Erich angewetzt, "keuchend und die Hand am Herzen". Ein Tänzchen der Toten und Totgeglaubten ist es, das Monika Maron da in einem Berliner Park aufführt, wohlgemerkt: nicht in einer unbestimmten Vergangenheit, sondern in der Jetztzeit, hervorgerufen durch den Makel einer optischen Einschränkung, die sich als literarischer Glücksfall erweisen wird.

Bereits in ihrem 1986 erschienenen Roman "Die Überläuferin" hat Monika Maron eine Oblomow'sche Verweigerungshaltung zum Erzählprinzip erhoben: Rosalind Polkowski, die schon keine Lust verspürte, geboren zu werden, wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem historischen Institut in Ost-Berlin, spürt eines Morgens eine Lähmung, die sie dazu bewegt, fortan im Bett zu bleiben. Niemand vermisst sie. Eine politische Vision? Ein Traum?

Sie wolle, so Monika Maron seinerzeit in einem Gespräch, "keinen Unterschied zwischen Traum und Leben machen". Das gilt auch für das neue Buch, das einerseits ganz konkret individuelle Erlebnisse in einen historisch-politischen Kontext setzt, gleichzeitig aber auch der entrückten Logik der reinen Imagination folgt.

"Ruth, soeben 60 Jahre alt geworden"

Der Tag, um den es geht, ist in Ruths Kalender schwarz eingerahmt. Es ist der Tag, an dem Olga beerdigt werden soll. Olga ist Bernhards Mutter; Bernhard ist der Vater von Ruths Tochter Fanny; verheiratet waren Ruth und Bernhard nie - kurz bevor es dazu kommen sollte, machte Ruth einen Rückzieher, weil sie die Verantwortung scheute, sich auch noch um Bernhards schwerkranken Sohn aus einer früheren Beziehung zu kümmern. Die Verbindung zu Bernhard brach ab, aus Gründen, die man später erfahren wird, die zu Olga allerdings nie.

An jenem Tag also geht Ruth, soeben 60 Jahre alt geworden, auf den Balkon, den Kaffee in der Hand, den Blick auf einen Wolkenschleier am Himmel geheftet. Und plötzlich geschieht etwas, eine Trübung des Blicks, eine Sehstörung, "die Verwandlung des Alltäglichen in seine impressionistische Variante". Und wie man weiß, kann eine derartige Verunklarung des optischen Vermögens Anlass sein für eine Aufklärung im Inneren.

Ruth setzt sich ins Auto, doch trotz der verzweifelten Hilfe der Stimme ihres Navigationssystems landet sie nicht auf dem Friedhof, sondern in einem Berliner Park. Und dort begegnet ihr nicht nur ein zutraulicher Hund, sondern Ruth wird auch mit den Brüchen ihrer ostdeutschen Biografie konfrontiert.

So etwas kann Monika Maron meisterhaft, ohne Routine und ohne Larmoyanz. Ruth trifft Bruno, Genie und Säufer, lange schon tot, versteht sich, den besten Freund ihres Mannes Hendrik. Hendrik war Schriftsteller; mit ihm gemeinsam und der Tochter Fanny reiste Ruth aus der DDR aus, nachdem der Suhrkamp Verlag Hendriks Debütroman erfolgreich verlegt hatte. Dass Hendrik im Westen zunehmend weniger Beachtung fand, hatte, neben dem jetzt weggefallenen DDR-Exoten-Bonus, damit zu tun, dass der Einflüsterer Bruno fehlte. Der veröffentlichte in der DDR nämlich nichts, um dem Arbeiter- und Bauern-Staat seine Nützlichkeit zu versagen. Noch ein Oblomow.

"Schuld bleibt immer, so oder so"

Und während die reale (aber wer oder was ist hier schon real?) Olga nebenan zu Grabe getragen wird und ihre Wiedergängerin im Park zur Ratgeberin in Lebenshaltungsfragen wird; während das Ehepaar Honecker den Sozialismus verteidigt und der Hund mit Heißhunger Bratwürste verschlingt, windet sich aus Ruths Erinnerung auch noch die Geschichte des "IM Modigliani" hervor. Das ist Bernhard, der seine eigene, in den Westen ausgereiste neunjährige Tochter Fanny als Quelle angezapft hatte, um den MfS mit Informationen über den unliebsamen Schriftsteller Hendrik beliefern zu können.

Das biografische Geflecht, das sich da vor Ruths getrübtem Auge auftut, verknüpft Monika Maron elegant mit einem philosophischen Diskurs: "Zwischenspiel" verhandelt vor allem die Frage nach persönlicher Verantwortlichkeit. "Schuld bleibt immer, so oder so", ist einer von Olgas Standardsätzen, und der Zyniker Bruno ergänzt: "Auf nichts verzichten die Menschen leichtherziger als auf ihre Unschuld."

Moralisch verfehltes Handeln ist bei Monika Maron keine Einbahnstraße; der Duktus des Romans ist nicht der der Empörung, sondern der der Reflexion, die nicht selten auch religiöse Dimensionen annimmt. "Zwischenspiel" ist ein leicht geschriebener und leicht zu lesender, aber kein leichtgewichtiger Roman, der sich letztendlich dem Problem widmet, wie man zu dem geworden ist, der man ist. Monika Maron löst dieses Problem mit Lebensklugheit und Humor.


Monika Maron: Zwischenspiel. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main; 192 Seiten; 18,99 Euro.

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