Romandebüt Paprikahendl mit Danziger Goldwasser

Der Titel ist eine Wucht: "Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe". Und der Text ist es auch: Max Scharnigg erzählt von einer Bergtour durch ein Treppenhaus. Albern, abgedreht, absurd - und mit dem Blick des Liebenden.

Journalist und Autor Max Scharnigg: Ein Roman voller Sprachliebe und voller hübscher Beobachtungen
Christina Maria Oswald

Journalist und Autor Max Scharnigg: Ein Roman voller Sprachliebe und voller hübscher Beobachtungen

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Als Nikol Nanz eines Abends aus der Zeitungsredaktion heimkehrte, fand er vor seiner Wohnungstür etwas Ungeheures: blassgrüne Herren-Halbschuhe, es waren nicht seine. Von drinnen hörte er eine Männerstimme und die einer Frau, seiner Freundin vermutlich, die das Bett doch kaum noch verließ, psychosomatisch erkrankt, die alle Kontakte zu Freunden abgebrochen hatte, angstgestört.

So realistisch die Ausgangssituation auch ist, so surreal und absurd und kafkaesk ist das, was der Münchner Journalist Max Scharnigg in seinem Schriftstellerdebüt daraus macht, einem parabelhaften Roman mit dem wundersamen Titel "Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe".

Scharnigg lässt seine Hauptfigur Nikol Nanz den Rückzug antreten: Er verkriecht sich im Hausflur unter der Treppe, scheinbar tagelang, ohne Hunger zu bekommen, ohne von anderen Hausbewohnern entdeckt zu werden, und schreibt in Gedanken einen Zeitungstext über die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand, mit dem er sich schon seit Wochen herumgeschlagen hat.

Zum Knutschen kauzig

Irgendwann spricht ihn Herr Schmuskatz an, ein zottelbärtiger Mann Mitte 80, den er noch nie im Haus gesehen hat, und lädt ihn in seine Wohnung ein, zu Paprikahendl und Danziger Goldwasser. Herr Schmuskatz, die Hände paprikarot, isst nur Paprikahendl, sonst nichts, nie, weil Paprikahendl das Lieblingsessen von Lisl Goldarbeiter war, einer ehemaligen Miss Universum, in die er als Bub verliebt war. Oh ja, Herr Schmuskatz ist zum Knutschen kauzig. Seine zweite Leidenschaft sind Bücher mit Widmungen, die er sammelt - und alphabetisch nach den Widmungsnamen in seinen Bücherregalen sortiert. Er ist eine wunderbare Romanfigur, wie überhaupt vieles wunderbar ist in diesem Romandebüt.

Früher hat Herr Schmuskatz mal als Gletscherfotograf gearbeitet, früher hat er mal mit Bergkristallen gehandelt, und so hat er in seiner Wohnung noch immer eine Bergsteiger-Ausrüstung. Sturzbetrunken vom Goldwasser, legt er sie an, das erste Mal seit Jahrzehnten, und begibt sich mit Nikol Nanz auf eine abenteuerliche Tour: das Treppenhaus hoch zu dessen Wohnung, zu den blassgrünen Herren-Halbschuhen und der fremden Stimme. Hat Scharnigg zunächst indirekt den Schreibprozess zur Gipfeltour verklärt, so verschränkt er nun die Treppenhaus-Tour sehr direkt mit der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand. Was plakativ ist, natürlich ist es das, was aber auch herrlich albern ist, abgedreht, absurd.

Nominiert für einen Debütantenpreis

Scharnigg, 30, ist bislang bekannt als Mitglied der Redaktion von jetzt.de, der Jugenseite der "Süddeutschen Zeitung", für die er in einer Kolumne Standardsätze porträtiert; unter dem Titel "Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden" sind 99 der Texte kürzlich auch als Buch bei Fischer erschienen.

2009 hat Scharnigg für seinen Debütroman das Literaturstipendium der Stadt München bekommen, 2010 war er mit einem Auszug für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert. In der Jurydiskussion rasselte Scharnigg zwar ziemlich rasant durch, das hat die lit.cologne jedoch nicht daran gehindert, ihn nun für ihren Debütantenpreis zu nominieren, neben Katharina Born, Peggy Mädler und Tino Hanekamp. Am 25. März lesen und kämpfen sie in Köln um das Silberne Schwein.

Scharniggs Roman steckt voller Sprachliebe und voller hübscher Beobachtungen, dieser zum Beispiel: Kein bedeutender Maler habe je eine Forsythie gemalt, sagt Herr Schmuskatz, weil der Zierstrauch "ordinär wie ein Bahnhofskiosk" sei. Er wachse viel zu schnell und blühe viel zu kräftig: "Was für eine Existenz, nicht wahr, zwei Wochen lang ordinär und den Rest langweilig."

Scharniggs Stärken sind der schräg gestellte Blick, der zu leisen Pointen führt, und der Blick des Liebenden, der in Kleinem Großes entdeckt, auch in kleinen Worten: "Das Paprikahendl warf mich um", sagt Ich-Erzähler Nikol Nanz. "Ein ungeheures Wort, wie eine neue Sonne, die über meinen Wortbergen aufging, von dort zwischen die Sätze aus Granit und Gletschereis strahlte, sich durch die Ausdrücke wühlte, mit denen Bergsteiger ihre Arbeit benennen."

Es sind solche Passagen, die Scharnigg bei der lit.cologne zum Gipfelstürmer machen könnten.


Lesungen:
10. März Mufattwerk München ( Literaturfestival Wortspiele);
24. März Buchhandlung Braun & Hassenpflug Berlin;
25. März Haus des Tanzes Köln ( Debütantenpreis lit.Cologne);
31. März Jazz-Club Porgy & Bess Wien ( Literaturfestival Wortspiele).



insgesamt 3 Beiträge
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Linus Haagedam, 07.03.2011
1. wie meistens bei Buchbesprechungen im Internet...
...hat niemand außer dem Autor des Berichts das Buch gelesen. Insofern einmal mehr: Zum Buch kann ich nichts sagen. Aber zum Artikel: Der klingt eher nach Frreundschaftsdienst o.Ä., denn nach Buchbesprechung. Und die Huldigung des ach so kauzigen und genialen Buchtitels wirks irgendwie peinlich. Ich finde übringens, der Buchtitel (nur den Titel!) klingt recht bemüht. Um nicht zu sagen total bescheuert. Aber das will tatsächlich nicht besonders viel heißen...
Ylex 07.03.2011
2. Na sowas
Zitat: „Am 25. März lesen und kämpfen sie in Köln um das Silberne Schwein.“ Na sowas – das passt zu dem vorgestellten Roman, den käuflich zu erwerben ich mich hiermit entschlossen habe. Mich interessiert am meisten die Sprache des Herrn Scharnigg, es könnte nämlich sein, dass der Inhalt etwas zu gagversessen ausfällt, aber abwarten und nicht zu vorschnell urteilen. Es war jedenfalls schon ein Vergnügen, den Artikel zu lesen, auch wenn in ihm ziemlich unverhohlen die Reklametrommel gerührt wird.
mariob 07.03.2011
3. Genau!
Zitat von YlexZitat: „Am 25. März lesen und kämpfen sie in Köln um das Silberne Schwein.“ Na sowas – das passt zu dem vorgestellten Roman, den käuflich zu erwerben ich mich hiermit entschlossen habe. Mich interessiert am meisten die Sprache des Herrn Scharnigg, es könnte nämlich sein, dass der Inhalt etwas zu gagversessen ausfällt, aber abwarten und nicht zu vorschnell urteilen. Es war jedenfalls schon ein Vergnügen, den Artikel zu lesen, auch wenn in ihm ziemlich unverhohlen die Reklametrommel gerührt wird.
Wer Max Scharniggs Artikel und Kolumnen aus der "Süddeutschen Zeitung" kennt (und mag) wird sich, wie ich, den Roman auch ohne große Kenntnis des Inhaltes und trotz der unverhohlenen Werbung des Artikelautors gerne kaufen. Allein schon wegen der tollen Sprache und wegen des Sprachwitzes, den Scharnigg sonst so an den Tag zu legen pflegt. Ich bin gespannt...
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