Romandebüts Nazis, Ufos und Schlecker greifen an

Heavy Metal und Science Fiction helfen nicht weiter: Jan Brandts überragender Provinzjugend-Roman "Gegen die Welt", der es just auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat. Nuran David Calis erzählt von Türstehern in Bielefeld. Und Jan Göttfert führt zu einer undurchschaubaren Finnin.

Metal-Fans in Norddeutschland: Klassischer Fluchtweg für Provinzjungs
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Metal-Fans in Norddeutschland: Klassischer Fluchtweg für Provinzjungs


Verzweiflungstaten wegen Schlecker: Jan Brandts "Gegen die Welt"

In der Provinz dreht sich das Leben um zwei Welten. Die eine kommt nur vermittelt an, durch die Nachrichten, in Kneipengesprächen: Die große Welt da draußen. Die andere Welt ist die des Dorfes; man weiß viel über die anderen und man spricht auch viel darüber. Normalerweise haben die beiden Welten nichts miteinander zu tun. In Jan Brandts überragendem Debütroman "Gegen die Welt", der in einem fiktiven ostfriesischen Dorf namens Jericho spielt, gibt es zwei Momente, in denen die große Welt da draußen Notiz nimmt von der kleinen Welt des Dorfes: Einmal bricht ein Schüler in einem Kreis mitten in einem Maisfeld zusammen und stammelt danach nur noch Unzusammenhängendes - es wird über außerirdischen Besuch spekuliert und Ufologen fallen in Jericho ein. Ein anderes Mal finden sich Nazi-Schmierereien im ganzen Dorf; Fernsehteams und Rechtsextreme rücken an.

Bei beiden Ereignissen steht ein recht unauffälliger Junge im Mittelpunkt: Daniel Kuper, der Sohn des örtlichen Drogerie-Besitzers. Die Geschichte seiner Jugend bildet den Kern von Brandts Roman; es ist die Geschichte, wie einer zum Außenseiter wird und wie er damit umgeht; es ist eine zu Herzen gehende Geschichte, weil viel von Daniels Alltag erzählt wird und dadurch die Ausweglosigkeit seiner Situation noch tragischer wird. Die Welt des Dorfes lässt Daniel Kuper nicht entkommen, auch Science Fiction und Heavy Metal, die beiden klassischen Fluchtwege für Provinzjungs, helfen nicht wirklich.

Dabei hatte man doch Größeres für ihn erhofft: Auf ihrem Sterbebett nahm Daniels Großmutter mütterlicherseits ihrer Tochter das Versprechen ab, dass ihr Enkel nicht in die Fußstapfen von Vater und Großvater treten dürfe: "Drogisten sind schlechte Apotheker, und Apotheker schlechte Ärzte. Wer das Physikum nicht besteht, wird Apotheker, und wer das Staatsexamen nicht schafft, Drogist. Tiefer kann man nicht sinken." Das Schicksal der Drogerie Kuper ist der exemplarische Fall, an dem in "Gegen die Welt" der Wandel der bundesdeutschen Provinz erzählt wird: Anfang der Achtziger ist Drogist Bernhard "Hard" Kuper noch einer der "notwendigen Drei" des Dorfes, zusammen mit dem Supermarktbesitzer und dem Betreiber des Modegeschäfts. Doch dann droht die Konkurrenz von Schlecker, was Kuper zu Verzweiflungstaten treibt.

Jan Brandt, 1974 im ostfriesischen Leer geboren, macht mit beim Trend zum Trumm von an die tausend Seiten, aber die Ausführlichkeit tut seiner Geschichte gut: In Aufzählungen versteckt er biografische Entwicklungen seiner Personen, Nebenfiguren bekommen den Platz, den sie verdienen, und typografische Spielereien (eine horizontale Schiene, die zwei Parallelhandlungen voneinander trennt, oder verblassende Schrift beim Bewusstseinsverlust einer Figur) sind nachvollziehbar eingesetzt und machen "Gegen die Welt" zu einem auch optisch ausnehmend schönen Buch (das es völlig zu Recht gerade auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat). Vollkommen mühelos wechselt Brandt Perspektiven und Zeiten, und so ist sein Roman ein grandioser Rundumblick auf eine kleine Welt, in der sich mehr von der großen Welt da draußen widerspiegelt als ihre Bewohner manchmal erkennen können. Felix Bayer

Buchtipp
Schnörkellos dicht: Nuran David Calis' "Der Mond ist unsere Sonne"

Raus, ins Authentische drängt diese Geschichte, dorthin, wo die Sprache sich an der harten Wirklichkeit schürft. Doch seltsam: Ihr Erzähler wirkt wie betäubt, als stehe er unter Schock, unfähig, überhaupt so etwas wie Reibung zu spüren, und bald wird klar: Dieser junge Kerl, Alen heißt er, muss nichts dringlicher tun, als sich selbst wiederzufinden. Eine gegenläufige Suchbewegung bestimmt also diesen Roman, der mehr Ballast transportiert, als sein Erzähler ertragen kann, wenn ihm langsam dämmert, alles verloren zu haben, und er fürchten muss, selbst unrettbar verloren zu sein.

Am Anfang - welch eine Exposition! - sitzt Alen auf einem Felsvorsprung in 3500 Metern Höhe, den Ararat vis-à-vis. Doch der grandiose Anblick des heiligen Bergs seiner armenischen Vorfahren lässt ihn völlig kalt - und erinnert ihn stattdessen an den Johannisberg, den Hügel über seiner Stadt: Bielefeld hat der junge Mann bis zu seinem überstürzten Aufbruch gen Osten niemals zuvor verlassen. Wie es dazu kommen konnte, vom ostwestfälischen Nabel zum alttestamentarischen Arsch der Welt geschleudert worden zu sein, versucht er sich im Folgenden klarzumachen. Tastend, fast tapsig beginnt er zu erzählen, als ob er den richtigen Modus, den passenden Rhythmus für seine verlorenen Empfindungen suchte, und nähert sich langsam seiner Geschichte an und ihrer schier betäubenden Gewalt.

Aus der Ferne betrachtet ist die Geschichte von Alen, Marcel und Karim eher von betäubender Idiotie: Wie die drei Jungs aus dem Türstehermilieu binnen weniger Nächte ihr Leben in die Grütze jagen, weil einer von ihnen einen Fehler begeht, das ist zu keinem Zeitpunkt ein unaufhaltsamer Prozess. Die innere Konsequenz aber, mit der Nuran David Calis eine verzweifelte Wahnsinnstat an die nächste reiht, verleiht dieser Allerweltsgeschichte dreier Niemande eine tragische Dimension, die für die Niemandsghettos in aller Welt Gültigkeit hat.

Bielefeld-Baumheide ist in diesem Roman mehr als ein Plattenbau-Problemkiez, wie er in fast jeder deutschen Großstadt zu finden ist. Es ist eine hinreichend triste Bühne, auf der das universale Stück von der Straße und ihrer erbarmungslosen Wahrheit gegeben werden kann. Dass in Baumweide die Gesetze der Bronx oder der Banlieues herrschen, muss Calis nicht konstruieren: Es ist all jenen Gewissheit, die sich wie Alen, Marcel und Karim fremd und entwurzelt fühlen und sich verständigen in den globalen Codes des HipHop und des amerikanischen Kinos. Wenn die drei sich in ihren hirnrissigen Kampf stürzen, so stützen sie auf selbstzerstörerische Weise den einzigen allgemein gültigen Kodex: ein pathetischer Dienst an der Chimäre einer Gemeinschaft, die Opfer verlangt, um Zugehörigkeit vorgaukeln zu können.

Es ist die Kunst von Nuran David Calis, die sich vielfach überlagernden Versatzstücke aus dem Popmythenschatz zur Realität einer schnörkellos dichten Erzählung einzuschmelzen und trotz deutlich erkennbarer Kino-Vorbilder (Kassovitz' "Hass" und Akins "Kurz und schmerzlos") die Eigenständigkeit seiner autobiographisch gefärbten Geschichte zu behaupten: ein Nachtstück im monotonen Rhythmus der kurzen spröden Sätze, die Calis bis zu jenem Punkt vorantreibt, wo es dasselbe ist, einfach raus zu wollen und zugleich endlich bei sich angekommen zu sein. Hans-Jost Weyandt

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Über die Eisstraße: Constantin Göttferts "Satus Katze"

Schon das Setting ist die Hölle für einen Mitteleuropäer. Eine kleine finnische Insel im Winter, auf die man sich mit Skiern quält, quer übers weite Eis, gegen den teuflisch stechenden Wind, eingemummt in eine Sturmhaube. Nur um dann in einer Hütte auszuharren, die so voller Rauch, Ruß und Asche ist, dass man selbst beim Lesen den Reizhusten nur mühsam unterdrücken kann, und in der es dennoch immer eiskalt bleibt. Und dann gibt es Bärenfleisch aus der Dose.

Hier, in dieser Hütte, laufen die Fäden der Story von Constantin Göttferts "Satus Katze" zusammen. Der Wiener Göttfert war 2008 Stipendiat beim Klagenfurter Literaturkurs, ein Seitenprogramm des Bachmann-Wettbewerbs. "Satus Katze" ist sein erster Roman. Und man staunt über den Reichtum an Bildern und Szenen, die Vielschichtigkeit seiner Figuren.

Der Ich-Erzähler in diesem Kammerstück ist ein junger Wiener Autor, der dank eines Stipendiums nach Finnland kam, auf Einladung einer etwas undurchschaubaren Literaturprofessorin; man kann sagen, sie verschleppt ihn auf die Insel, in die Hütte, zieht ihn hinein in eine brodelnde Familiengeschichte. Es ist die Hütte von Satus Familie, Satus Geschichte, im doppelten Sinn: Er hat einen Roman geschrieben. Von dort aus lässt Göttfert seine Geschichte ausschwärmen, zurück, nach vorn, aufs Festland, nach Wien, lässt sie ausbrechen in eine brüske Liebesgeschichte und ein Romanmanuskript.

Und immer wieder diese Katzen. In Finnland gibt es den Mythos, eine Hexe habe sich in eine schwarze Katze verwandelt und treibe seither ihr Unwesen. Und wenn das Böse der Tod ist, dann gibt es davon in diesem Text wahrlich genug.

Göttfert schneidet die verschiedenen Orte und Gegenwart, nahe und fernere Vergangenheit ineinander, lässt seine Protagonisten in jenen Parallelwelten auftauchen, in denen sie eigentlich nichts zu suchen haben. So wenn Satus Text als Theaterstück in Wien aufgeführt wird und der Ich-Erzähler am Premierenabend auf die Hauptdarstellerin trifft und mit ihr weiterzieht, gerade aus Finnland zurückgekehrt - wo er eben Satus Vergangenheit, sein Manuskript, seine Beziehung zur Literaturprofessorin selbst durchlebte.

Was kompliziert klingt, ist lediglich komplex und kommt absolut stringent daher. Göttfert erzählt das so gekonnt, dass es eine Freude ist, wie die verschiedenen Ebenen einander befruchten. Diese Spannung treibt die Geschichte voran.

Wenn so zeitgenössisch mit skandinavischen Sagen gespielt wird, dann bitte mehr davon. Anne Haeming

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