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Romane des Monats: Der Holocaust als Ausgeburt von Hamsters Hirn

Monströser NS-Verbrecher mit bizarrem Sexleben: Laurent Binet hat einen grausam unterhaltsamen Roman über Reinhard Heydrich geschrieben. Julia Franck erzählt in "Rücken an Rücken" eine Geschwistergeschichte in der DDR der Fünfziger. Und Andrzej Stasiuk folgt zwei polnischen Geschäftemachern.

Nazi-Täter Himmler, Heydrich: Entgegen der Rassenlogik Zur Großansicht
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Nazi-Täter Himmler, Heydrich: Entgegen der Rassenlogik

Historische Lektion in Form der Groteske: Laurent Binets "HHhH"

Das schrägste Paar des Nationalsozialismus? Eindeutig Heydrich und Himmler. Wie schreibt doch der Schriftsteller Laurent Binet in seinem Roman "HHhH": "Auf der einen Seite der große Blonde in schwarzer Uniform mit Pferdegesicht, hoher Krächzstimme und sorgfältig gewichsten Stiefeln. Auf der anderen Seite ein kleiner bebrillter schnurrbärtiger Hamster mit Haaren in dunklem Kastanienbraun, dessen Gesamterscheinung so gar nicht arisch ist. (…) Entgegen der Rassenlogik hatte der Hamster das Sagen."

Der eine lenkt, der andere denkt: "Himmlers Hirn heißt Heydrich", dafür stehen die vier H im Titel. Als Chef des Berliner Reichssicherheitshauptamtes entwarf Heydrich die Architektur des Genozids, dem rund sechs Millionen Menschen zum Opfer fielen. Zeuge der vollen vernichtenden Kraft seiner monströsen Mordmaschinerie konnte er selbst allerdings nicht mehr werden: Am 27. Mai 1942 kam Heydrich, der auch Vize im Protektorat Böhmen und Mähren war, in Prag bei einem Attentat ums Leben.

Unlängst erschien mit der Biographie des Historikers Robert Gerwarthsdie erste umfassende Abhandlung zu Heydrich; es wird darin minutiös das Bild eines eiskalten Karrieristen gezeichnet, für den die Rassenideologie der Nazis vor allem ein Gerüst war, mithilfe dessen sich der berufliche Aufstieg vollziehen ließ. Der Schriftsteller Binet, Franzose slowakischer Abstammung, setzt dem nun in seiner NS-Aufsteiger-Groteske "HHhH" eine radikal subjektive Recherche entgegen: Sein Ich-Erzähler trägt Heydrich-Darstellungen aus frühen Hollywood-Filmen zusammen, vermischt sie mit mündlichen Überlieferungen und eigenen Spekulationen - um immer wieder die eigene Version der Person und der Geschichte zusammenkrachen zu lassen. Zu dieser Recherche montiert er die Geschichte der slowakischen Attentäter. War es so? Nein, vielleicht war es doch anders.

Szenen aus Filmen von Charlie Chaplin und Fritz Lang treffen auf Mutmaßungen über das bizarre Sexleben des Puffgängers Heydrich; es werden schwülstige Liebesbriefe seiner Ehefrau zitiert, und es wird ausgeschmückt, wie der Möchtegern-Pilot Heydrich bei einem Flug aus Dummheit hinter den feindlichen Linien abstürzt. So liefert Binet - grausam unterhaltsam und bei aller Lust an der Spekulation niemals fahrlässig geschichtsverfälschend - eine historische Lektion in Form der Groteske.

Denn wie soll man ein Menschheitsverbrechen erklären, das sich in menschlichen Kategorien nicht erklären lässt. Der Holocaust, hier ist er die Ausgeburt von Hamsters Hirn. Christian Buß

Buchtipp
Alles eingerahmt vom Psychoterror der Mutter: Julia Francks "Rücken an Rücken"

Zum Geburtstag gibt's für Ella Zucker. Einen kleinen Berg reinen, rieselnden Zuckers. Mehr nicht. "Etwas ganz Besonderes", sagt die Mutter, dreht sich um und geht wieder, kein Glückwunsch, nix.

Die Irritation, die sie damit auslöst, gehört zur normalen Stimmung im Haus: Ella kann nicht fassen, dass das ernst gemeint sein soll. Ihr Bruder Thomas, ein Jahr jünger, versucht, die Aktion der Mutter zu rationalisieren: "Sie denkt bestimmt, sie macht dir eine Freude". Die Wahrnehmung der Kinder und die Realität, in der sich die Mutter bewegt, passen nicht zusammen. Das Leben schwankt in jeder Minute, keinem dieser klaren Sätze, keiner Geste kann man trauen.

Dieser doppelte Boden ist hervorragend konstruiert. Er ist paradigmatisch für Julia Francks Roman "Rücken an Rücken", der die am Rande Ost-Berlins symbiotisch aufwachsenden Geschwister Thomas und Ella durch die Pubertät begleitet, von dem Moment an, als sie zehn- und elfjährig mal wieder alleine zu Hause sind, bis zu der Zeit, als Thomas, nun volljährig, immer vehementer einen Ausweg aus der DDR sucht. Er weiß nur: Er möchte nicht wie andere junge Männer an der Grenze erschossen werden. Alles eingerahmt vom Psychoterror der Mutter - und dem permanenten Wunsch der Kinder, ihr zu gefallen.

Die Figur der miesen Mutter kennt man mittlerweile in Francks Werk. Doch während in der "Mittagsfrau", Francks mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnetem vorigem Roman, die Mutterfigur noch eine Phase zugestanden bekommt, in der sie lebenslustig, sympathisch, herzlich ist, ist sie in "Rücken an Rücken" nur fies, hämisch, desinteressiert. "Käthe", Bildhauerin, immer unterwegs, um sozialistische Staatsplastiken zu entwerfen.

Die Perspektive verlagert sich langsam von Ella zu Thomas und zurück. Die Atmosphäre des Buchs erinnert an einen erstickten, gedämpften Schrei. Dass man sich so sehr auf Francks Charaktere einlässt, liegt daran, dass sie ihnen Brüche zugesteht. Etwa in den Momenten, in denen selbst Käthe echte Bestürzung zeigt. Oder wenn man sich anschaut, wie Ella und Thomas ihre kleinen Geschwister wahrnehmen - quasi gar nicht. Das Desinteresse, das ihnen entgegengebracht wird, reichen sie nach unten weiter. Sie sind nur skizzenhafte Randgestalten, die mal durchs Bild laufen: "die Zwillinge", "die Trolle", zwei Mädchen, die mal im Heim, mal bei Pflegefamilien leben, mehr erfährt man nicht.

Wie immer bei Franck schwingen autobiographische Referenzen mit. Auch ihre eigene Großmutter war Bildhauerin. Wie die Zwillinge wurde auch Julia Franck als Kind zwischen Heim und Pflegefamilie hin- und hergereicht, und die Gedichte in "Rücken an Rücken" stammen, so ein kleiner Hinweis am Ende, von "Gottlieb Friedrich Franck (1944-1962)".

Dass Thomas und Ella wie Ost- und Westberlin "Rücken an Rücken" kleben, sich aufeinander beziehen und sich doch über die Jahre fremder werden, lässt sich vielleicht sogar als wenig subtiler Kommentar auf die deutsch-deutsche Situation vor dem Mauerbau lesen. Genauso wenig subtil wie die janusköpfige Plastik, die Käthe erschafft, ein Körper, ein Tanzender mit zwei Köpfen. Hach, denkt man, diese Bilder hätte man nun wirklich nicht gebraucht.

Aber dennoch: Die Beiläufigkeit, mit der Franck es schafft, eine Atmosphäre permanenten Misstrauens zu evozieren, zu zeigen, was es heißt, wenn die wahrgenommene Realität nicht der Realität der anderen, der Herrschenden entspricht, ist umwerfend. Selten las man so gerne auf schwankendem Untergrund. Anne Haeming

Buchtipp
Lostuckern ins osteuropäische Nirgendwo: Andrzej Stasiuks "Hinter der Blechwand"

Dieses Buch gleicht einer Wiederbegegnung; als kehre jemand nach langer Zeit zurück und stelle fest, dass alles noch da sei, trostlos wie eh und je: die müden Gesichter, die noch müderen Witze, die verlassenen Häuser, leeren Schaufenster und marodierenden Kinder, der Staub auf den Ausfallstraßen, die gackernden Hühner auf den Autowracks. Man kennt das, aus Erzählungen oder Filmen, aus Fords "Früchte des Zorns", Viscontis "Ossessione", Fellinis "La Strada", man muss dafür nicht Stasiuks Roman lesen, man weiß auch so, dass diese Männer mittleren Alters, die irgendwie mit irgendwas handeln, obwohl sie kein Kapital haben, und an kaputten Motoren rumschrauben, obwohl sie bestimmt keine Automechaniker sind, irgendwann doch ihre schrottreifen Transporter zum Anspringen bringen und mit dem Plunder im Packraum ins Nirgendwo lostuckern, obwohl sie wissen, dass die ganze elendige Anstrengung nicht lohnt.

Die Buddys heißen hier Wladek und Pawel, der eine ein geborener Händler, der sich zeitlebens hochtourig im Kreis dreht, der andere ein Niemand ohne eigenen Antrieb, aber im Besitz eines Fiat Ducato. Und Wladek hat eine Geschäftsidee, sie ergänzen sich perfekt. Während sie von ihrem südostpolnischen Stützpunkt zu entlegenen Marktflecken jenseits der Grenze fahren, um den Allerärmsten ihre westlichen Altkleiderkollektionen anzudrehen, erzählt Wladek unermüdlich von früheren Fahrten in der Schwarzhandelszone von Slowakei, Rumänien, Ungarn, Ukraine. Und während Pawel ihm zuhört und den asthmatischen Ducato über das Geholper der uralten Handelswege nach Nyíregyháza oder Zborov, nach Svidník oder Medziborie lenkt, saugt er die Bilder der Karpatenlandschaft auf, unendlich ausgelaugt, unglaublich schön.

Weil beide aber wahre Virtuosen im Umgang mit den Bildern sind, den erinnerten und den vorbeiziehenden, werden sie zu weit mehr als tragikomischen Losern. In ihrem Zwiegespräch überlagern sich die Zeiten und Räume, die erste Stimme des Ich-Erzählers Pawel wird von der Vitalität des großen Fabulierers Wladek aus ihrer melancholischen Erstarrung gerissen: in einen geradezu meditativ gleitenden Prosastrom, der durch eine wie aus der Zeit gefallene Weltgegend fließt.

Diese poetische Landschaft, die Stasiuk "im Gefühl hat" wie Wladek das Temperament seiner Handelspartner, ist auch deutschen Lesern vertraut, seit der polnische Autor vor zehn Jahren "Die Welt hinter Dukla" auf die literarische Weltkarte zeichnete. Der hoch melodische, dabei tief fatalistische Stasiuk-Sound passte gut in den historischen Augenblick nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung.

Stasiuks neuerlicher Versuch, die von Gott und allen guten Geistern verwaiste Realität "Hinter der Blechwand" in die globalisierten Handelsströme einzubetten, ist zwar plausibel, aber auch leicht beliebig. Ungleich herausfordernder für diesen politischen Autor wäre es, das traurige Traumland seiner Imagination mit neuen Realitäten zu konfrontieren: etwa dem Rassismus, unter dem in den jungen EU-Staaten Slowakei und Ungarn Stasiuks "dunkle Schwestern und Brüder", die Zigeuner, leiden. Sonst verkommt die Stasiuk'sche Melancholie des Standhaltens irgendwann zur Pose. Hans-Jost Weyandt

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