Romane des Monats Hart arbeiten, hart feiern, hart aufschlagen

Judith Schalansky gelingt mit "Der Hals der Giraffe" ein Kunststück. Marlene Streeruwitz erzählt in "Die Schmerzmacherin" von Security-Dienstleistungen bis hin zur Folter. Thomas Melle berichtet in "Sickster" aus der so wie smarten wie kranken Welt der Business-Punks.

"Sickster"-Autor Thomas Melle: Kranke Helden
Karsten Thielker

"Sickster"-Autor Thomas Melle: Kranke Helden


Eine exemplarische Geschichte: Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe"

Der seltene Fall, dass ein Kunstgriff nicht künstlich wirkt, sondern ein ganzes Buch trägt, ist Judith Schalansky mit "Der Hals der Giraffe" gelungen: Dreht sich sich der Roman auch um Inge Lohmark, Lehrerin für Biologe und Sport irgendwo im Nordosten Deutschlands; mag Judith Schalansky auch mit akzentuiert eingesetztem, überschaubaren Personal von einer vermeintlich engen Welt erzählen - ihr Thema ist doch ein viel größeres.

"Der Hals der Giraffe" ist nur vordergründig Schul- und Ostroman. Das Charles-Darwin-Gymnasium soll in vier Jahren wegen Schülermangels geschlossen werden. Inge Lohmark unterrichtet den letzten Jahrgang, der hier noch Abitur machen wird. Ihre Schüler Kevin, Jeniffer, Saskia und wie sie alle heißen betrachtet sie nur noch mit dem kühlen Blick der Biologin und übersieht dabei - ausgerechnet an dieser Schule - in welche Richtung die Gesetze Darwins längst zu wirken begonnen haben.

Schalansky zeichnet das Porträt einer Frau, die das Leben hart gemacht hat. Dabei hat sie letztlich alle verloren, die ihr einmal etwas bedeutet haben. Die einzige Tochter lebt längst in den USA. Ihre Hochzeit vermeldet sie so knapp es nur geht: "Just married" - nach dem Fest, versteht sich. Und auch die Kommunikation des Ehepaars Lohmark bleibt Minimum beschränkt. Legt er ihr seinen grünen Overall an den Frühstückstisch, bedeutet das: Muss in die Wäsche. Den Rest des Tages geht man sich aus dem Weg.

Inge Lohmark muss miterleben, wie ihre Lebensmaßstäbe untauglich werden. Es spricht für Judith Schalansky, dass sie dabei bis auf wenige, letztlich unnötige DDR-Anspielungen auf die üblichen Ost-Indikatoren der deutschsprachigen Literatur verzichtet. Ihre Romanfigur, geprägt vom für ihre Generation typischen Glauben an Fortschritt und Naturgesetz, ist auch ohne größer ausgemalte Stasiverwicklung plastisch genug. So ist "Der Hals der Giraffe" eine exemplarische Geschichte, die sich unter anderen Vorzeichen überall hätte ereignen können.

Dass es Schalansky dabei gelingt, so konzentriert wie leichtfüßig, so ernsthaft wie spielerisch zu erzählen, macht ihren zweiten Roman zu einem der ungewöhnlichsten und besten unter den Nach-Wenderomanen. Dass er dabei auch noch auf ziemlich charmante Art von der Autorin selbst und in Anspielung auf die klassische Optik des alten Aufbau-Verlags gestaltet wurde, spricht nicht nur noch viel mehr für Judith Schalansky, sondern zeigt auch: Suhrkamp und gute Optik - das geht ja doch. Sebastian Hammelehle

Buchtipp
Unter den Oberflächen ist alles kaputt: Thomas Melles "Sickster"

Zwei Jungen kennen sich aus der Schule in Bonn-Bad Godesberg. Thorsten ist älter, extrovertierter und erfolgreicher Frauenaufreißer. Magnus ist ein Grübler, der von einer besseren Welt träumt und heimlich Thorsten bewundert - auch noch, als seine Tante nach einer Affäre mit Thorsten depressiv wird. Jahre später begegnen sich die beiden in Berlin wieder, das inzwischen zur deutschen Hauptstadt geworden ist. Thorsten hat Karriere bei einem multinationalen Konzern gemacht, Magnus endet als sein Handlanger und Werbetexter, doch es brodelt in ihm. Als Thorsten wieder mal das Leben einer seiner Freundinnen ruiniert, hält Magnus nicht länger still.

Melodramatik? Mitnichten. Zwar gibt es in Thomas Melles Romandebüt "Sickster" einen korrupten Bösewicht und seinen moralisch getriebenen Widersacher, gilt es eine unschuldige Frau und gleich die ganze Welt zu retten. Doch für Heldentaten ist in diesem Roman kein Platz vor lauter Hass, Hoffnungslosigkeit, Langeweile, Sehnsucht, Entfremdung und Ekel. Thorsten ist angestellt in der Deutschlandzentrale eines Mineralölkonzerns, betreibt Verkaufsflächenoptimierung in Tankstellenfilialen und wenn diese nüchternen, mehrsilbigen Worte eine wohl sortierte Welt suggerieren, dann trügt der Schein, weil unter den Oberflächen alles kaputt und sinnvolles Handeln und Sprechen unmöglich ist. Als Thorsten seine kranke Freundin tröstet, kommt ihm seine Stimme "blechern und outgesourct vor", wie bei seinen Businessvorträgen.

Auch Magnus erkennt die Sprache, mit der er das Firmenmagazin vollschreibt, nicht als die seine wieder. Er redet noch in Phrasen, als er scheinbar längst die Wahrheit gefunden hat und im Raucherraum einer psychiatrischen Anstalt den Aufstand plant. Und die depressive Musterstudentin Laura kann sich nur ihrem Tagebuch anvertrauen. Echte Gefühle haben keinen Platz in der falschen Welt und so pult sich Laura immer wieder eine Wunde auf, weil dies das einzige ist, was ihr noch real erscheint, Magnus versenkt sich nächtelang in der Scheinintimität von Chatrooms und Webcam-Sites und Thorsten trinkt immer öffentlicher und wahlloser im Alkohol. Am Ende: Wahnsinn und/oder Selbstmord. Schließlich ist der Kapitalismus hier kein politisches Problem (das bekämpft oder sogar gelöst werden könnte), sondern ein totales und existenzielles.

Thomas Melle ist ein mehrfach preisgekrönter Autor, Übersetzer und Theatermacher. Er verfügt, wie er in den obligatorischen Songzitaten vor Kapitelbeginn beweist, über keinen schlechten Popmusikgeschmack und legt einen sprachlich beeindruckenden Roman vor, stimmungsvoll, rhythmisch und variabel. Dass Thorsten, Magnus und Laura aber über die ihnen zugedachten Rollen hinauswüchsen, vielschichtig, widersprüchlich oder lebendig würden, erwartet man vergeblich.

"Sickster" erzählt von einer Welt, die von der zynischen Vernunft der Medien und des Konsumkapitalismus strukturiert wird und keinen Raum mehr für die Entfaltung von Subjektivität lässt - bedient sich seiner Protagonisten dabei aber selbst als bloß funktionaler Figuren. Womit wir am Ende doch wieder dicht am Melodram wären. Oskar Piegsa

Buchtipp
Mit kühler Eleganz erzähltes Schauerstück: Marlene Streeruwitz' "Die Schmerzmacherin"

Etwas Unheilschwangeres ist von Anfang an spürbar in diesem Roman, der neun Monate lang die Torturen einer peinlichen Befragung nachzeichnet und gleichsam ein neues Leben gebiert, doch diese Bedrohung ist zunächst fast beruhigend vertraut in ihren klaren Konturen. Sie ergibt sich anschaulich aus der abweisenden Kälte einer vergessenen Winterlandschaft, über der die Raubvögel kreisen, aus dem Gefühl des Ausgesetztseins, mit dem eine junge Frau in einem Kia durch die Menschenleere im bayrisch-tschechischen Grenzgebiet schliddert, betäubt vom Wodka und der doppelten Angst, sowohl aus den Spurrillen in der vereisten Fahrbahn zu geraten als auch von ihnen ans Ziel ihrer Reise geleitet zu werden: wie ein nächtens im Lichtkegel gefangenes Reh. Und sie verdichtet sich in einer klaren, unerhört suggestiven Prosa, die sich der panisch zuckenden Wahrnehmung dieser Amy Schreiber vollkommen überlässt und zugleich emotionslos wie eine Handkamera das Wahrgenommene festhält.

Diese klaustrophobisch verengte Perspektive ihrer Heldin gibt Marlene Streeruwitz während des kompletten Romans nicht auf. Sie wird dem Leser die einzige Möglichkeit zur Orientierung sein, wenn Amy Schreiber später in den klimatisierten Raumlabyrinthen des globalen Transfers nach Antworten und Auswegen sucht. Doch je länger Amy diesen unbehaglich verwinkelten Schulungszentren und Landhotels ausgeliefert ist, umso deutlicher wird, dass sie nur eine konventionelle, dabei zusehends unwirklicher werdende Kulisse abgeben für ein Schauerstück, das Streeruwitz mit kühler Eleganz inszeniert.

Und dass der wahre Horror nicht mehr in engen Räumen zu finden ist, sondern in den diffusen Weiten einer grenzenlos deregulierten Welt. Zu ihrem Netz möchte Amy Zugang haben, wenn sie in ihren neuen Job bei einem internationalen Unternehmens schliddert, das im Brachland der offenen Grenze eine Filiale unterhält und in den rechtsfreien Nischen operiert, die nach der Aufgabe staatlicher Gewaltmonopole zusehends wachsen.

Dieser Zugang wird der jungen Frau nicht verwehrt. Doch so flink die Kommunikation auch fließt unter den Kollegen, die sich gleich Amy mit lächerlichen Soap-Namen wie Cindy oder Gregory kenntlich machen als beflissene Akteure der Globalisierung, so bleiben sie doch stets Figuren eines Spiels, dessen Regeln sie nur nachahmend erahnen, ohne ihren Sinn zu verstehen: eine Art Milgram-Experiment in einem Raum ohne Zentrum und erkennbare Autorität, in dem es nicht mehr um vorauseilenden Gehorsam geht, sondern um bloßes Funktionieren.

Dass die Firma des Romans ihr Geschäft macht mit Security-Dienstleistungen bis hin zur Folter und damit gleichsam am Hindukusch deutsche Arbeitsplätze sichert, ist nur eine konsequente Pointe dieses großen Romans. Wie Streeruwitz die von namenloser Paranoia verengte Wahrnehmung Amys mit einer allumfassenden Bedrohung verknüpft, ist schlicht meisterhaft in seiner intellektuellen Brillanz und sprachlichen Sensibilität.

Weiter vorgedrungen in das Ungewisse ist lange schon kein deutscher Roman. Dass dieser Alptraumtrip gleichwohl befreiend wirkt, verdankt sich einem Erzählfluss, der zwar zuweilen panisch stockt, doch nie abbricht, bis er in einer schier märchenhaften Pointe einen echten Ausgang findet. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp



insgesamt 2 Beiträge
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tom_tom_tom 14.09.2011
1. .Mensch!
Ich finde den schweleden Sexismus in Ihrem Beitrag schwer ertraeglich. Mensch kann doch nicht in seinem Artikel so nglaublich auch ein Geschlecht fixiert sein! Und was die Buchkritik angeht: Sickster...Erfolgreicher Businessmensch? Am Abgrund? Songtexte zum Kapitelbeginn? Klingt schwer nach Kill Your Friends.
nununa 14.09.2011
2. was möchten Sie damit sagen?
Warum sind Sie so negativ eigenstellt? Ich lese wahnsinnig gerne, ich wüsste gar nicht, worin ich mein Geld lieber investiere, als in ein gutes Buch oder woran ich meine Zeit lieber verschenke. Und der Markt ist voll von guten Büchern, sowohl zum Abtauchen aus der Realität als auch zum Eintauchen in ihre tiefsten Abgründe. "Der Hals der Giraffe" habe ich bereits gelesen und ich fand es ganz traumhaft. Dazu noch die wirklich erwähnenswerte Optik und Verarbeitung des Buches. Was will man mehr? Und bitte: "Die Medien sind am Ende wie die gesamte Menschheit." ??? Was wollen Sie damit sagen? Natürlich sind die Medien wie die Menschheit...liegt in der Natur der Sache, denn solange "die Medien" noch nicht von Außerirdischen gemacht werden, vermute ich ganz stark, dass Menschen dahinterstecken. Ich kann nur absolut nicht verstehen, wie man die Menschheit immer so schrecklich verteufeln kann. Wir sind wie wir sind. Anstatt darüber Trübsal zu blasen, könnten Sie auch versuchen, das Beste daraus zu machen.
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