Romane des Monats: Im sanften Schnurren lauert der Horror

Kleine Trickser, verschlagene Gangster: Jaimy Gordon begibt sich in den verkommenen Mikrokosmos einer Pferderennbahn. Milena Michiko Flašar setzt sich auf eine japanische Parkbank. Stewart O'Nan macht sich auf eine kleine Reise. Die interessantesten neuen Romane - bei SPIEGEL ONLINE.

Romanthema USA in den Siebzigern: Gelegentliche Momente des Glücks Zur Großansicht

Romanthema USA in den Siebzigern: Gelegentliche Momente des Glücks

Nicht nur das Fachblatt für Pferdewetten empfiehlt: Jaimy Gordons "Die Außenseiter"

Bevor sich Jaimy Gordon mit Jonathan Franzen, Philip Roth oder Saul Bellow in die Ehrenliste der Gewinner des National Book Awards einreihen durfte, war ihr Roman "Lord Of Misrule" in lediglich zwei größeren Publikationen besprochen worden: In der "Washington Post" von der Schriftstellerin Jane Smiley, die ebenfalls Bücher auf Pferderennbahnen spielen ließ - und von der "Daily Racing Form", einem Fachblatt für Pferdewetten. Das lobte, wie treffend die 1944 geborene Autorin den Jargon der Rennbahn getroffen habe. Erschienen war ihr Buch übrigens bei einem Kleinverlag mit Postfachadresse. "Die Außenseiter", der Titel der deutschen Übersetzung von "Lord Of Misrule", könnte wohl auch auf die Autorin selbst zutreffen.

Außenseiter sind auch die Figuren dieses Romans, die Menschen wie die Tiere. Da ist zum Beispiel das Pferd Little Spinoza, Enkel eines legendären Rennpferdes, "ein dunkler Brauner, hier und da Bernsteinschimmer wie Bourbon Whiskey und große runde Panikaugen, Vogelaugen." Er hat Talent, ist aber leider allzu verträumt, wissen auch "die bemitleidenswerten Besitzer von Little Spinoza, die ihre letzten zwei Dollar für das Pferd zusammengekratzt haben - der farbige Pfleger, die Mannweib-Trainerin und die verirrte Studentin".

Diese drei sind - neben einem melancholischen alten Kredithai, dessen Überlebenswille hauptsächlich durch die Sorge um seine sieche Schäferhündin aufrecht gehalten wird - die Sympathieträger in dieser Geschichte, die in den frühen Siebzigern auf einer fiktiven Provinzrennbahn am äußersten Zipfel West Virginias spielt. Sie wird bevölkert von lauter üblen Gestalten, kleinen Tricksern und verschlagenen Gangstern - und von Pferden, die ihre beste Zeit längst hinter sich haben oder nie erleben werden; wer weiß, ob sie deswegen so verschrobene Charakterzüge haben.

Ein düsterer, verkommener Mikrokosmos ist das, in dem es gelegentliche Momente des Glücks gibt; stille, allein mit dem Pferd, laute, beim Rennen, bei denen aber schon bald die Erkenntnis naht, dass der Sieg ungute Folgen haben könnte. So, dass das wahre Glück eigentlich nur außerhalb dieses Mikrokosmos' liegen kann. Wer es in welchem Zustand da herausschaffen kann, das macht die Spannung aus in diesem Roman. Felix Bayer

Buchtipp
Wo bitte, geht's zum Jakobsweg? Milena Michiko Flašars "Ich nannte ihn Krawatte"

Milena Michiko Flašar lebt in Wien, ihre Mutter ist Japanerin - das ist in diesem Fall von Bedeutung, weil "Ich nannte ihn Krawatte", Flasars drittes Buch, gesättigt ist mit Anspielungen auf die japanische Kultur. Fast wirkt es wie aus einer Versuchsanordnung entstanden: Setze zwei archetypisch japanisch wirkende Figuren auf eine Parkbank und schau, welche Geschichte sich daraus entwickelt.

Taguchi Hiro trifft auf Ohara Tetsu. 20-Jähriger trifft auf 58-Jährigen. Einstmals Karoshi-gefährdeter Salaryman, ein lange Zeit von der akuten Überarbeitung bedrohter Büromensch mit grauem Anzug und, ja: Krawatte, trifft auf Hikikomori, einen in der Pubertät hängengebliebenen Jugendlichen, der sich, von der Welt zurückgezogen, in seinem Kinderzimmer verbarrikadiert. Und doch haben beide etwas gemeinsam - das Gefühl, in einem entscheidenden Augenblick schuldig geworden zu sein.

Flašar inszeniert ihre Begegnungen in gut hundert kurzen Abschnitten als eine Art Gesprächstherapie auf Gegenseitigkeit. Die beiden blicken zurück, nähern sich einander an und stoßen schließlich zum Kern ihres Unglücks vor. Die Sprache Flašars ist dabei so klar und von magischer Ruhe getragen, als ginge es darum, den großen Klassikern der japanischen Literatur des 20. Jahrhunderts, Yasushi Inoue oder Yasunari Kawabata, Referenz zu erweisen.

Diese sprachliche Klarheit allerdings geht mit einer Schlichtheit des Weltverständnisses einher, dessen Deutungslinien allzu häufig die nötigen Zwischentöne vermissen lassen. Und so hat man hat bei der Lektüre von "Ich nannte ihn Krawatte" irgendwann das Gefühl, man befände sich in einem pädagogisch wertvoll gemeinten, japanischen Zeichentrickfilm - vielleicht aber auch in einem jener poetischen, das Herz der Menschen weltweit rührenden, zivilisationskritischen Erzählwerke im Stil Saint-Exupérys oder Hermann Hesses.

"Erst die Möglichkeit einen Traum zu verwirklichen, macht unser Leben lebenswert" ist ein Satz, der auch über diesem Buch stehen könnte. Er stammt nicht von Milena Michiko Flašar. Er stammt von Paul Coelho. Sebastian Hammelehle

Buchtipp
Kauft sich ein Auto und geht auf eine kleine Reise: Stewart O'Nans "Emily, allein"

Manchmal, eher selten, ist dieser Roman von einer betäubenden Langeweile, und in solchen Momenten überlegt man mürrisch, ob das vielleicht an dem Nichts von Handlung liegen könnte, mit der wirklich alles erzählt werden soll: Hieße der Roman "Emily Maxwell kauft sich ein Auto und geht auf eine kleine Reise", wäre mit dem Titel bereits die Action im Wesentlichen erzählt. Wer von Stewart O'Nan nur die bluttriefenden Romane "Speed Queen" (1997) und "Halloween" (2003) kennt, mag angesichts solch anämischer Kost mutmaßen, ob der "Stephen King der Hochliteratur" (Die Zeit) selbst auf Speed oder einem üblen Geistertrip war, als er auf vielen Seiten sein erzählerisches Talent vergeudete, nur um eine 80-jährige Witwe aus Pittsburghs Mittelschicht durch einen kleinen Abschnitt ihres Lebensabends zu begleiten.

Diese noch recht rüstige Dame allerdings steht dem Autor schon länger nahe, und auch den Lesern von "Abschied von Chautauqua" (dt. 2005) ist sie als eine pragmatisch kluge Mutter und Großmutter in lebhafter Erinnerung; der Autor lässt sie nun, um sieben Jahre gealtert, aus seinem großen Familienromanbild heraus- und mit "Emily, allein" in die Sphäre des allmählichen Abschieds vom Leben eintreten. Und folgt ihr dabei, in respektvoller Distanz, soweit er eben kann.

Wenn dieses Buch partiell langweilig ist, so ist es im Ganzen erschöpfend: erschöpfend in seiner Geduld, seiner Neugier und Empathie, erschöpfend in seiner moralischen Redlichkeit, erschöpfend in seiner handwerklichen Perfektion. Nichts ist dem Erzähler gleichgültig. Jedem noch so banal erscheinenden Detail, dem Emily ihre Aufmerksamkeit widmet, jeder To-do-Liste, jedem Flecken im Polster misst er eine Gültigkeit bei, die er gleichberechtigt mit Emilys Gedankenwelt verknüpft: Mittelschichts- und Seelenhaushalt verschmelzen, die Erinnerungen an den verstorbenen Mann blitzen auf in den Plaudereien mit der Schwägerin, die zugleich als stete Fahrerin für die Anbindung an die Reste ihres gesellschaftlichen Lebens sorgt; die alltägliche Sorge um die Tochter geht einher mit der allwöchentlichen, den Termin der Müllabfuhr nicht zu vergessen, die Sehnsucht nach den Enkeln spiegelt sich wider im Heimweh nach den Orten ihrer Vergangenheit, und während Emily aufmerksam verfolgt, wie ihre genügsame Altersrolle sich immer mehr in Verlust und Verzicht zu erfüllen scheint, zwingt sie unversehens ein Krankenhausaufenthalt Arlenes, sich wieder hinters Lenkrad zu setzen, Emily gönnt sich sogar ein niegelnagelneues Auto.

Wie sich der stumme Abschied vom Leben im sanften Schnurren des Motors zu einem letzten befreienden Ausbruch verwandelt, der wiederum zu einer Wiedersehenstour mit den wichtigsten Erinnerungsorten gerät, hat O'Nan erzählerisch so perfekt ausbalanciert, dass ein Schwebezustand zu entstehen scheint. Wenn Emily in ihrem Subaru über die Straßen Pittsburghs "gleitet", dann gelangt O'Nan zu einem Höhepunkt seiner virtuos dichten Beschreibungskunst. Dann gelingt es ihm sogar, Wortungeheuer wie "Traktionsregelung" und "Antiblockiersystem" zu Synonymen von Emilys Glück werden zu lassen.

Und dann wird zugleich klar, dass das kleine Gefährt ein Bild ist für das große epische Vehikel, in dem "Emily, allein" unterwegs ist: im Bauch eines erzähltechnischen Wunderwerks, das immer dann langweilt, wenn es die Überfülle seiner unzähligen Funktionen und Features gleichsam im Leerlauf ausstellt. Und das zugleich seine Grenzen deutlich macht. Die hochdifferenzierte Erzählmaschinerie reproduziert die gigantische Hilflosigkeit einer zivilen Gesellschaft, die alle Mittel einsetzt, um den Schmerz des Abschiednehmens zu sedieren. Im sanften Schnurren dieses Romans lauert der Horror. Hans-Jost Weyandt

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