Romane des Monats In Unterhose in die Badewanne

Neue deutsche Romane: Eine mitreißende Liebesgeschichte erzählt Nino Haratischwili in "Mein sanfter Zwilling", Wolfgang Herrndorf hat mit "Sand" einen außergewöhnlich unterhaltsamen Thriller geschrieben. Und in Jan Peter Bremers "Der amerikanische Investor" geht ein Schöngeist unfreiwillig baden.

Künstler im Bad (hier in Derek Jarmans "Caravaggio"): Noch Boden unter den Füßen?
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Künstler im Bad (hier in Derek Jarmans "Caravaggio"): Noch Boden unter den Füßen?


Sanft ist hier erstmal gar nichts: Nino Haratischwilis "Mein sanfter Zwilling"

Zwei Liebende haben in ihrer Kindheit etwas erlebt, das es ihnen unmöglich macht, zusammen zu sein - aber ebenso unmöglich, von einander zu lassen. Was sich anhört wie die gern erwähnte "unerhörte Begebenheit" aus der Kleist-Novelle, bildet den Ausgangspunkt für einen Roman, den man über weite Strecken mit beinahe angehaltenem Atem liest: In "Mein sanfter Zwilling" erzählt Nino Haratischwili die Liebesgeschichte von Stella und Ivo. Sanft allerdings ist daran, anders als der Titel vermuten lässt, zuerst einmal gar nichts. Stella und Ivo tun einander "nicht gut", wie es im Roman von Seiten Stellas Vaters beschönigend heißt. Ihre Liebe ist so ungestüm und selbstzerstörerisch wie die von Cahit und Sibel in Fatih Akins gegen die Wand: Mit allen verfügbaren Genuss- und Rauschmitteln halten sie sich selbst und gegenseitig im Schach, hintergehen sich und den anderen mittels Betrug und Selbstbetrug - um sich dann wieder auf Jahre aus dem Weg zu gehen.

"Mein sanfter Zwilling" ist nicht nur ein wilde, mitreißende Liebesgeschichte sondern auch Generationenporträt, ein toller Familien- und Spannungsroman, wie man es in der deutschsprachigen Literatur in dieser Kombination selten findet: Stella hat sich eigentlich eingerichtet im Leben. 36 Jahre alt, sieben Jahre mit Mark verheiratet, ein Sohn, Theo. Den bringt sie zum Fußball, arbeitet bei einer mittelmäßigen Tageszeitung, besucht Marks Eltern, die bürgerlich, linksliberal in Blankenese leben - "Mein sanfter Zwilling" ist nebenbei auch eine treffende Schilderung einiger typisch Hamburgischer Milieus. Weniger wohltemperiert ist das Leben in Stellas eigener Verwandtschaft: Der Vater ein gerade noch einigermaßen präsentabler Alkoholiker und Frauenheld, die Mutter in die USA geflüchtet. Die verblühte Schwester. Die Großtante Tulja, die an der Ostsee lebt, Mittelpunkt geradezu Tschechow'scher Zusammenkünfte.

Schließlich tritt Ivo, den Stella seit zwei Jahrzehnten kennt, wieder in ihr Leben. Fast alles gerät ins Wanken - und als Ivo Stella auffordert, mit ihr nach Georgien zu reisen, droht Stella ihr Leben vollends zu entgleiten.

Nino Haratischwili, 1983 im georgischen Tiflis geboren, erzählt sprachlich geradlinig, mit nur wenigen Redundanzen und entwickelt dabei doch einen unaufdringlichen, eigenen Sound. "Mein sanfter Zwilling" ist ein ungemein körperlicher, sinnlicher Roman. Sollte Haratischwili nach diesem, ihrem zweiten Buch, das Niveau halten, wäre noch einiges von ihr zu erwarten. Sebastian Hammelehle

BUchtipp
Vollgepackt mit Abenteuern: Wolfgang Herrndorfs "Sand"

Kino, denkt man schon nach den ersten Zeilen, wenn der Erzähler die Sonne aufgehen lässt, als sei sie ein Scheinwerfer in seinen Händen, einzig dazu da, den grandiosen Schauplatz seiner Geschichte auszuleuchten. Die Sonne tut ihm den Gefallen, sie taucht die wüsten Weiten des Maghreb wie am ersten Tag in helloranges Licht, doch nur ein Mensch ist Zeuge des erhabenen Zaubers. Ein Halbnackter steht am Rand einer gigantischen Stadtlandschaft auf einer Mauer, die Arme seitlich vom Körper gestreckt, den Blick über "Zelte und Baracken, Müllberge und Plastikplanen und die endlose Wüste hinweg" auf den fernen Horizont gerichtet. Beim ersten Sonnenstrahl schlägt dieser seltsame Heilige, der an den Gekreuzigten genauso erinnert wie an eine Vogelscheuche, Schraubschlüssel und Plastikkanister in seinen Händen gegeneinander.

So dumpf und hohl seine Trommelei auch klingen mag, so überwältigend ist die Szene im Ganzen, und man fragt man sich, wann zuletzt ein ähnlich bildmächtiger Weckschlag wie dieser Trommler in der Wüste einen deutschen Roman eröffnet hat: heroisch einsam gleich Friedrichs "Mönch am Meer", aber ungleich komischer. Denn "unbeeindruckt" von dem Getrommel, fährt der Erzähler lakonisch fort, "hob sich die Sonne über den Horizont und schien über Lebende und Tote, Gläubige und Ungläubige, Elende und Reiche", und wie Wolfgang Herrndorf in diesem Satz lässig den Trost einer pathetischen Weltumarmungsformel mit dem eisigen Spott kosmischer Gleichgültigkeit ausbalanciert, die Hoffnung auf Geborgenheit mit der Ahnung finaler Verlassenheit, muss ihm erst einmal jemand nachmachen.

Diese Balance wahrt Herrndorf bis zum Ende des Buchs, das der schwer kranke Autor in dem Bewusstsein geschrieben hat, es sei sein letztes. Wobei das Tröstliche des Romans sich weniger dem Pathos als der Kurzweil verdankt, "Sand" ist ein außergewöhnlich unterhaltsamer Roman, den man sich vielleicht ganz gut als eine Art Wunsch- oder Lieblingsbuch für große Jungs vorstellen mag, eine Heraufbeschwörung der großen imaginären Versprechen im Wissen um ihre Desillusionierung, vollgepackt mit Abenteuern, Bewährungsproben, Entdeckungen, Verlusten, Ängsten, jeder Menge Überfälle, Mord und Folter und Scheinrettung und Ausweglosigkeit: Lange vor GPS, Handys und Internet wirbelt der Irrsinn 1972 durch die Wüste - und dreht sich hauptsächlich um einen Geldkoffer, eine rätselhafte Mine und einen Mann, der sein Gedächtnis verloren hat.

Auf der Suche nach seiner Identität stolpert dieser Niemand mit einer an Inspector Clouseau erinnernden Konsequenz von einer Katastrophe in die nächste. Dabei ist er kein Tollpatsch, eher ein umfassend unauffälliger Typ, der sich in den betrüblich großen Reigen nicht allzu heller, dafür niederträchtiger Agenten, Hippies und Einheimischer einreiht, deren intellektuelle Mängel auffällig mit sozialer Inkompetenz korrespondieren: Jeder Kontakt bedeutet neue Konfusion, und die Konfusionen münden in Gewalt, Zerstörung und Vergessen. Doch je weiter die Slapstick-Logik die Handlung ins Grauen treibt, umso mehr wunderbare Erzählsituationen produziert sie. Als hätten die Coen-Brüder einen klassischen Agententhriller im Geiste Blake Edwards vor der Kulisse von Bertoluccis "Himmel über der Wüste" inszeniert: eine höllisch traurige Farce, die vollkommen versandet, ein göttlich komisches Sandkastenspiel, das bleibt. Demnächst bestimmt im Kino. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp
Tausche Anzug gegen Kohle: Jan Peter Bremers "Der amerikanische Investor"

Es passiert nicht alle Tage, dass man sich in Unterhose in die Wanne setzt, weil man fürchtet, noch während des Bades könnte der Fußboden einbrechen - und wer will schon unbekleidet in der Wohnung unter sich landen? Dem Ich-Erzähler in Jan Peter Bremers "Der amerikanische Investor" allerdings droht nicht nur in der gemieteten Berliner Altbauwohnung der Verlust des Bodens unter den Füßen, sondern, der Leser ahnt es schon, im ganzen Leben - wenn ihm nicht gleich dazu noch der Himmel auf den Kopf fällt.

Der schmale Roman beginnt geradezu arglistig harmlos: Beim Hundeausführen ist einem Autor nicht nur der Ball, mit dem das Tier so gern spielt, sondern auch der erste Satz seines neuen Buches abhanden gekommen. Die nächsten 150 Seiten wird er versuchen, sich an ihn zu erinnern. Nicht nur das: Die Wohnung senkt sich ab, der ganze Komplex wurde zudem an einen amerikanischen Investor verkauft - bald soll die Miete steigen, der Schriftsteller und seine Familie müssten dann raus.

Der Berliner Jan Peter Bremer schreibt nur alle paar Jahre mal ein dünnes Buch. Fast immer wird darin getrunken. In "Feuersalamander", 2000 erschienen, war es Schnaps, diesmal sind es Bier und Wein. Und immer hat man den Eindruck, Bremer habe sich jeden Satz seiner Geschichte ganz genau überlegt hat. Seine Kunst besteht dabei darin, dass man von den Erwägungen hinter dem Text gar nichts mitbekommen muss. Man kann "Der amerikanische Investor" einfach als herrliche Kiezgeschichte lesen, die mit leicht absurden Einfällen und Spott dem eigenen Erzähler gegenüber, der Bremer recht ähnlich scheint, nicht spart. Man kann sie aber auch verstehen als grundsätzlichen, exakt beobachteten Text über die Schwierigkeiten als Tagträumer, Vater, Ehemann und freischaffender Autor am Rande des Prekariats - der Hohn schlechthin, dass ausgerechnet der schöngeistig auftretende, milliardenschwere Investor, der einige Züge des real existenten Nicolas Berggruen besitzt, damit kokettiert, ihm reiche ein einziger Anzug als persönlicher Besitz. Bremers Schriftsteller wäre schon froh, wenn er im Winter genug Kohle zum heizen hätte.

Der Brief, den er dem Investor eigentlich schreiben will, wird selbstverständlich ebenso wenig Realität, wie fast alle anderen Luftschlösser - der Leser allerdings wird dabei bestens unterhalten. Wer schafft es schon, wie Jan Peter Bremer, selbst aus befürchteten Unfalltod einer Tochter ein kurzes Gedankenspiel zu entwickeln, das so leichtfüßig und selbstironisch ist? Sebastian Hammelehle

Buchtipp

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