Romane des Monats Martin Walsers Traum von einem Irrenhaus

Pornos, Shoppen, Konfusion! Bei Gary Shteyngart verwickelt ein Social-Network-Girlie einen Stadtneurotiker in eine komplizierte Affäre. In Martin Walsers "Muttersohn" ist die Jungfrauengeburt nur ein Teil eines ganzen Bodensee-Wirbelsturms am Wunderlichkeiten.

Schriftsteller Walser: "Ziellos erzählen, ist das, was du tun musst"
dapd

Schriftsteller Walser: "Ziellos erzählen, ist das, was du tun musst"


Glaubensselig und gottesfern: Martin Walsers "Muttersohn"

Der helle Wahnsinn: einen 500-Seiten-Roman auf ein Vier-Buchstaben-Wort zu bringen, das den Ton vorgibt für die einsetzende Rezeption - dieses Kunststück muss Martin Walser erst einmal jemand nachmachen. Vom glücklichen Finden eines "hellen Tons" und einer "hellen Figur" mit "hellem Charakter" beim Schreiben erzählte der 84-jährige Autor im Vorfeld des Erscheinens, und seitdem hallt es hell in Kritiken wider - zu Recht.

Denn es ist eine helle Freude zu lesen, wie Martin Walser in fünf Kapiteln und mit ungezählten Stimmen vom Suchen und Finden des religiösen Glaubens als schöner Sprech- und Lebenspraxis erzählen lässt, wie er mystischen Tiefsinn mit erzählerischem Leichtsinn paart und sich gelegentlich im hymnischen Blödsinn erholt, wie er rituelle Einübungen in christliche Demut mit wilden Ausübungen von sprachlichem Übermut kreuzt und dabei wenig mehr gelten lässt als den narrativen Imperativ seiner Lichtfigur: "Ziellos erzählen, das ist das, was du tun musst", sagt einmal Percy.

Nicht nur diesen Leitgedanken und den bedeutungsvollen Namen (die Abkürzung von Parzival) verdankt der titelgebende Muttersohn seiner Mama Fini, deren inbrünstiger Marienglaube ihr in jungen Jahren eine überraschende Schwäche für den Engtanz-King Percy Sledge ("When A Man Loves A Woman") gestattete: Ihr Sohn Percy ist zutiefst glaubensgewiss, seine Mutter habe ihn geboren, "ohne dass vorher ein Mann nötig gewesen sei". Derartiges soll seit gut 2000 Jahren nicht mehr vorgekommen sein, und so verwundert es nicht, dass Percy überzeugt ist, "geleitet zu sein", ein "Engel ohne Flügel".

Damit passt er perfekt in das Psychiatrische Landeskrankenhaus Scherblingen, schließlich hat jedes zünftige Irrenhaus für einen passablen Jesus einen Platz in petto. Doch Percy stationiert sich nicht als Patient in Scherblingen ein, und die prachtvolle Klosteranlage hat auch nichts von einer modernen Klapse. Der seltsam aus der Zeit gefallene Ort, in dem sich auch Hesses Habenichts "Knulp" (1925) zurechtfinden würde, ist idyllischen Refugium für ein wunderliches Völkchen reimender Käuze und zum Sonderlichen Begabter, das sich gemeinsam der schützend-heilsamen Kraft des Genius loci verschrieben hat und fraglos den heilenden Fähigkeiten Percys anvertraut.

Walser erzählt diese pastorale Utopie so schwungvoll heiter und zugleich voller zärtlichem Respekt für all die verletzt-verirrt-verstummten Typen namens Friedlein Vogel, Innozenz oder Augustin Feinlein, dass der Leser geneigt ist, ihm die leicht durchgeknallte Legendenherrlichkeit komplett zu glauben: sogar die "innigen" Pferde, die im süddeutsch leuchtenden Grün der wohlstandssatten Anlage grasen. Und natürlich Percy, der das "Innige" zum Sprechen bringen kann wie kein zweiter: "Ich sage nicht, was ich weiß. Nur, was ich bin", sagt er - und ist doch zugleich ein Medium eines Potpourris aus den mystischen Werksapotheken von Emanuel Swedenborg, Jakob Böhme und Heinrich Seuse. Aus Percys Mund wirken die Worte wohlig-wunderbar und führen manchmal zu wunderbar schutzlosen Sätzen: "Glauben heißt Berge besteigen, die es nicht gibt." Denn so glaubensselig dieses Buch sich gibt, so gottesfern ist es zugleich. Es feiert die fraglose Glaubenssprache als Befreiung aus dem vernünftigen Zweifel und fragt nicht nach Inhalten oder Zielen. Und weil die heilige Einfalt von Sprache und Seele nur im innigen Sprechen erreicht werden kann, gelingt dem Muttersohn Percy, was Walsers Roman "Muttersohn" versagt bleibt: einen einmalig intensiven Lebensaugenblick zu schaffen mit einer "Anwesenheit, wie sie noch nie war und nie mehr sein wird". Alles andere, so Walser ungefähr, verflüchtige sich dagegen, als gleichsam leblos-unbeatmete Literatur.

Soweit, so wunderlich. Doch Walser will seine Heilspracherkundungen weiter ausdehnen und dabei den Figuren, die kaum mehr Tiefe als in Legenden haben, eine Biografie verleihen. Dafür muss er die Weltferne Scherblingens verlassen und in die Zeitgeschichte einsteigen. So gelangt Disparates wie die Berufsverbote, der Deutsche Herbst, Gorbatschow oder ein militanter Bikerclub in Kapitel des Buchs, die aber lediglich das Hauptthema variieren. Dass nicht jede Literatur inniges Verständnis schaffen kann. Oder: Dass nicht jedes Liebeswort zum Liebesglück führen muss.

Es ist zwar amüsant, sogar anrührend, wenn Percys Mutter Fini mit den Worten von Goethes "Iphigenie" ringt um die Liebe eines Mannes, der sich Arno Schmidt nennt und jede Annäherung mit präpotentem, aus der Heide geklautem Wortzauber vom Leibe hält. Und es klingt walserisch vertraut, wenn die Zuneigung einer Frau einen Stotterer zum fließend sprechenden Liebenden macht, der dann ohne einen Silbenstolperer seine Frau belügt und betrügt. Erlösung findet so keine dieser Figuren, und die Verknüpfung der einzelnen Erzählstränge - die gut als in sich abgeschlossene Storys einen Erzählband um den Muttersohn ergeben hätten - belastet den Roman, an dessen Ende ziemlich viel und zunehmend Seltsames geschieht. Als ob das Programm einer Heiligenlegende erfüllt werden müsse, stirbt Percy wie zwei weitere Figuren: unerlöst, unbegreiflich trüb. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp

Martin Walser:
Muttersohn

Rowohlt Verlag; 512 Seiten; 24,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.



Offline sein erhöht das Suizidrisiko: Gary Shteyngarts "Super Sad True Love Story"

"It's complicated" lautet ein Beziehungsstatus auf Facebook, also ein von der Software vorgeschlagener Satz, um den Zustand der eigenen Beziehung damit kurz und knapp für die Weltöffentlichkeit zu dokumentieren. Unter den Eingeweihten, rund 750 Millionen Facebook-Nutzern weltweit, ist das dämlich-exhibitionistische "it's complicated" erst zu einem Witz, dann zu einem geflügelten Wort geworden und schließlich sogar zum Titel einer romantischen Komödie mit Meryl Streep. Der amerikanische Schriftsteller Gary Shteyngart wählt für seinen dritten Roman einen anderen Titel, dessen Wortschatzumfang und stilistische Tiefe nicht zufällig an die junge Prosagattung der Facebook-Status-Mitteilungen erinnern: "Super Sad True Love Story".

Shteyngarts Buch begleitet den Stadtneurotiker und Literaturliebhaber Lenny Abramov durch das überreizte und hochtechnologisierte New York der nahen Zukunft. Einige Monate vor seinem 40. Geburtstag gerät Lenny an die 15 Jahre jüngere Eunice Park, die sich erst kürzlich aus ihrem streng christlichen Elternhaus befreit hat. Zwischen dem Grübler in der Midlifecrisis und dem Girlie mit der neugewonnenen Freiheit entwickelt sich schnell eine Affäre, die, nun, "complicated" ist.

Das beginnt schon bei den Freizeitvorlieben der beiden: Bücher stinken, sagt Eunice und meint das wörtlich - Papiergeruch löst bei ihrer Generation Unbehagen aus, ebenso wie kritisches Denken und jede Beschäftigung mit Politik. Viel besser: Shoppen, Pornos und sich und andere auf dem Facebook-Nachfolger GlobalTeens knallharten Charakter- und Fickbarkeitsbewertungen unterziehen. Während es in den dystopischen Romanen des 20. Jahrhunderts noch eines mächtigen Polizeiapparats bedurfte, um Bücher zu verbannen und die Zivilgesellschaft zu lähmen, reichen dafür bei Gary Shteyngart die allgemeine Zerstreuung durch Neue Medien und Konsum. Keine unwesentliche Rolle spielt der "Äppärät", eine Art Smartphone, das jeder bei sich trägt um mit dem Internet verbunden und für den Staat überwachbar zu bleiben. Und zwar: ganz freiwillig, denn längere Zeit offline zu sein geht mit einem erhöhten Suizidrisiko einher.

Die Liebesgeschichte von Lenny und Eunice erzählen beide abwechselnd: Der einsame und altmodische Lenny dokumentiert seinen Alltag in einem Tagebuch (aus Papier!) für die Nachwelt, Eunices Perspektive wird durch Auszüge aus ihrem GlobalTeens-Account präsentiert. Sie textet und chattet, schreibt impulsiv, spielerisch und schludrig und ist Teil eines sozialen Kosmos, in dem neben ihren Botschaften auch die ihrer Mutter, besten Freundin und Verehrer erscheinen. Ihre Beziehung wird dadurch nicht leichter, dass parallel die USA durch Überschuldung und Hyperinflation zusammenbrechen, Lennys größenwahnsinniger Arbeitgeber nach der Macht und dem Mädchen greift und schließlich die chinesische Zentralbank den Staat übernimmt. "Super Sad True Love Story", diese Mischung aus Liebesgeschichte und Satire, ist in der Tat bedrückend, aber auch ziemlich smart ausgedacht und super funny. Oskar Piegsa

Buchtipp

Gary Shteyngart:
Super Sad True Love Story

Übersetzt von Ingo Herzke.

Rowohlt Verlag; 464 Seiten; 19,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.





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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
karinkapturak 13.07.2011
1. ziellos
Besser ziellos schweigen !
EliasKL 15.07.2011
2. Muttersöhnchen
Walsers "Muttersohn" - muss schmunzeln, erinnert mich an ein Independent-Buch von Marco Meng, das ich mir kürzlich bestellte, und dessen Autor mit "Muttersöhnchen" hart ins Gericht geht.
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