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06. Oktober 2010, 16:23 Uhr

Romane des Monats

Schau her, da steht ein zweiter Mond am Himmel

Als Frédéric Beigbeder mit Drogen erwischt wurde, schrieb er einen "französischen Roman" darüber. In Ian McEwans "Solar" säuft nur die Hauptfigur, ein erotomanischer Nobelpreisträger. Und in Haruki Murakamis "1Q84" geht es vollends ab in eine andere Realität - die wichtigsten Romane des Monats.

Noch mehr Rätsel als bei Lynch und "Lost": Haruki Murakamis Großwerk "1Q84"

Will ein Schriftsteller seinen "großen Roman" schreiben (und welcher Autor wollte das nicht), so neigt er dazu, das XXL-Format zu wählen. Da macht der Japaner Haruki Murakami keine Ausnahme. "1Q84" ist sogar so dick, dass es nicht zwischen zwei Buchdeckel passt - die 1300 Seiten, die Dumont jetzt veröffentlicht, sind nur Teil eins und zwei eines dreibändigen Werks.

Wie viele seiner Romane, ließe sich auch "1Q84" leicht dem Fantasy-Genre zuordnen. Zwei Liebende müssen die Grenzen von Raum und Zeit überwinden, um zueinander finden zu können; es gibt Parallelwelten, Gestaltwandler, Doppelgänger, Seher. Doch Murakami geht es nicht um Fantasy, also eskapistisches Abtauchen in fremde Welten, sondern um Phantasie, um einen anderen Blick auf unsere Welt. Eine andere Realität, davon ist Murakami überzeugt, ist immer da, wir sind bloß nicht in der Lage, sie zu sehen.

In einer solchen Spiegelwelt - später 1Q84 genannt, eine Abwandlung von 1984, dem Jahr, in dem der Roman spielt - findet sich ziemlich unvermittelt Aomame wieder. Die Fitnesstrainerin, die sich nebenbei als Auftragskillerin verdingt, entdeckt eines Abends einen zweiten Mond am Himmel, den nur sie zu sehen scheint. Obwohl auch andere Dinge ihr seltsam verändert vorkommen, beschließt sie, sich nicht groß darum zu kümmern. Zumal sie Wichtigeres zu tun hat: Aomames neuer Auftrag soll - Murakami spielt gern mit Genrekonventionen, wie hier dem Thriller - zugleich ihr letzter werden. Sie muss einen Sektenführer töten, der sich an Kindern vergangen hat.

Parallel dazu erzählt "1Q84" von dem Möchtegern-Schriftsteller Tengo. Eine typische Murakami-Figur, ein Mann um die dreißig, der sich mit der Leere in seinem Leben arrangiert hat und seinen Halt in den Ritualen des Alltags findet. Er geht zur Arbeit, kocht, trifft sich einmal die Woche mit einer Frau zum Sex. Tengos geordnetes Dasein wird erschüttert, als er den Auftrag übernimmt, das Erstlingsbuch einer jungen Frau neu zu schreiben. Ein literarischer Schwindel, aus dem weit mehr entsteht als ein Bestseller…

Wie Murakami die beiden Handlungsstränge entwickelt und nach und nach zusammenführt, ist unwiderstehlich. Er erzählt unaufgeregt, fast nüchtern, gelegentlich redundant, ändert sein Erzähltempo kaum - und entwickelt gerade dadurch einen ungeheuren Sog. Er türmt mehr Rätsel auf als David Lynch und die Mystery-Serie "Lost" zusammen und erbaut dazu ein Labyrinth aus literarischen Anspielungen (von Chandler und Dickens über "Alice im Wunderland" bis zu Orwells "1984"), sorgt aber dafür, dass sich der Leser in dem komplexen Konstrukt nie verirrt. Natürlich gibt es am Ende zahlreiche lose Enden, aber, so lässt Murakami seinen zaudernden Helden Tengo räsonieren: "Ein Schriftsteller ist kein Mensch, der Fragen löst. Er ist ein Mensch, der Fragen aufwirft." Eine Aufgabe, die Murakami selten besser erledigt hat als mit diesem Buch. Marcus Müntefering

Die Krisen einer 42 Jahre dauernden Jugend: Frédéric Beigbeders Selbsterforschung "Ein französischer Roman"

"Ein französischer Roman" spielt in einer Gefängniszelle. Flackerndes Neonlicht und nagende Ungewissheit machen dem Gefangenen die Nächte zur Qual - nach 48 Stunden ist Frédéric Beigbeder, Autor und Protagonist dieser Geschichte, geständig, geläutert und bereit für einen Neuanfang.

Eines Nachts ertappt eine Pariser Polizeistreife den Schriftsteller, als dieser Kokain von der Motorhaube einer Luxuskarre schnieft. In der Ausnüchterungszelle beginnt er, über sein Leben nachzudenken. An seine Kindheit hat er längst keine Erinnerung mehr, manches aus Scham verdrängt, anderes weggekokst, doch Frédéric Beigbeder glaubt ohnehin nicht, viel erzählen zu können. Als Sohn aus gutem Hause lebte er krisenfrei zwischen altem Landadel und dem jungen Pariser Jet-Set. Er wurde Schriftsteller, gesteht er, um seine Romanhelden spannender zu machen, als er selbst es ist.

Das Buch soll ihm die verlorene Erinnerung ersetzen: Ein Roman über einen Spätzünder, der sich noch im Alter von 42 Jahren in juvenilen Exzessen ergeht, statt dem Beispiel seines großen Bruders zu folgen. Der ist Unternehmer, Ehemann, Katholik und führt ein unbescholtenes Leben.

Wie sehr ähnelt der Romanautor der Romanfigur des Romanhelden? Beigbeders Buch ist zu raffiniert erzählt, um diese Frage aufzuklären. Die Unterscheidbarkeit zwischen Erfundenem und Erinnertem wird grundsätzlich in Frage gestellt, wenn private Erinnerungen wiederholt mit Hilfe des Zeichenrepertoires aus Popkultur und Literaturgeschichte beschrieben werden. Frédéric Beigbeder geht es aber nicht um die maximale intellektuelle Verschachtelung. "Im Roman ist die Geschichte ein Vorwand, ein Gerüst", schreibt er. "Das Wesentliche ist der Mensch, den man dahinter spürt, die Person, die zu uns spricht." Das gilt auch für "Ein französischer Roman", in dem ein Mensch zu hören ist, der manchmal schrill die Strafverfolgung zum Protofaschismus und seine U-Haft zur Menschenrechtsverletzung erklärt, viel häufiger aber rührend, witzig und charmant von den kleinen und großen Krisen einer 42 Jahre andauernden Jugend erzählt, die eines Nachts abrupt in einer Gefängniszelle endet. Oskar Piegsa

Frauenheld, Säufer - und dann auch noch Nobelpreisträger: Ian McEwans grandiose Männer-Burleske "Solar"

Spätestens in dieser Woche, in der die Nobelpreise verliehen werden, wird klar: Ian McEwans neues Buch "Solar" ist kein Roman über einen Nobelpreisträger - und schon gar kein Roman über den Klimawandel. "Solar", die Freunde ausgefallener Romanthemen mögen enttäuscht sein, ist ein Roman über Männer und Frauen. Genauer gesagt: ein Roman über einen Mann und Frauen. Dass McEwans Hauptfigur Michael Beard Nobelpreisträger für Physik ist, bleibt letztlich ein Nebenaspekt, der die Handlung am Laufen hält. Wer einen Roman lesen möchte, der mit wenigen treffenden Szenen den Wissenschaftsbetrieb auf den Punkt bringt, greife besser zu Doron Rabinovicis grandios lustigem Buch "Andernorts".

Wer allerdings ein grandios lustiges Buch über einen gut 50-jährigen Erotomanen und Alkoholiker, der sich mit Taschenspielertricks durchs Leben hangelt, lesen möchte, ist mit "Solar" hervorragend bedient. Anders als in seinem vorigen Buch, "Am Strand", will McEwan mit diesem Roman offenbar kein Exempel statuieren, nicht grundsätzlich über eine Zeit oder das Verhältnis der Geschlechter urteilen.

"Solar" wirkt wie das Werk eines sehr gutgelaunten, zu mancher Albernheit aufgelegten Mannes, der sich und der Welt nichts zu beweisen hat. Der vom Klimawandel bedrohte Eisbär erweist sich auf ziemlich unerwartete Weise als entscheidend für die Handlung. Die literarische Verarbeitung eines oft erzählten urbanen Mythos gehört zu den Höhepunkten des Buchs. Und dann gibt es auch noch eine Verwicklung, die fast schon an Thilo Sarrazin erinnert - nicht mit Schaum vor dem Mund geschrieben, sondern als absurde Geschichte grundsätzlicher Missverständnisse. Anders als manches von McEwans früheren Büchern, war "Solar" offenbar nicht als Meisterwerk angelegt - und ist es gerade deswegen geworden. Ein lässiges Meisterwerk allerdings. Sebastian Hammelehle

Am 13. Oktober finden Sie an dieser Stelle Sachbücher. Romane gibt's wieder am 20.10.

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